Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch

laermderzeit„Um die Geschichte unseres Landes zwischen 1930 und 1970 nachzuleben, reicht es aus, die Sinfonien von Schostakowitsch zu hören.“ Russische Wochenzeitung Moskowskije Nowosti

Es ist eine irrwitzige Situation, in die uns Julian Barnes gleich zu Anfang einführt. Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch sitzt mit gepackten Koffern vor seiner Wohnung und wartet auf die Häscher der Macht. Damit seine Familie nicht aufgeweckt wird, sitzt er jeden Abend dort und wartet dass sie ihn holen. Warum? Ist er nicht ein Begünstigter? Hat er nicht Erfolg mit seinen Werken? Doch der Mächtige, Stalin, hat mitten in der Aufführung seiner Oper die Loge verlassen. Das kommt einem Todesurteil gleich. Schon viele wurden im Haus abgeholt. Und während die Liftnadel zitternd nach oben wandert und Schostakowitsch zitternd im obersten Stock darauf hofft, dass sie stehen bleibt, sinniert er über die Macht und sein Leben mit ihr.

„… ja, dieser General und jener Politiker waren an dem Komplott beteiligt, ich habe es selbst gehört und gesehen. Aber es würde kein melodramatisches Abhacken von Händen geben, nur eine nüchterne Kugel in den Hinterkopf.“

So ganz irrwitzig ist diese Situation nicht und genau so hat es sich zugetragen. Russland ist in diesen Jahren ein unsicherer Hafen. Schon ein schräger Blick reicht aus, um über Leben und Tod zu entscheiden. Worte helfen nicht viel. Worte drehen sie Dir im Mund herum.

„Und an Redensarten hatte die Macht kein Interesse. Die Macht kannte nur Tatsachen, und ihre Sprache bestand aus Phrasen und Euphemismen, die diese Tatsachen wahlweise propagieren oder aber verbergen sollten.[…] Von nun an würde es nur zwei Arten von Komponisten geben: die einen waren am Leben und hatten Angst, die anderen waren tot.“

Julian Barnes Werk hat 3 Akte. Akte, die aus den verschiedenen Lebenssituationen Schostakowitschs erzählen. Er selbst ist ein ernster Mann, unpolitisch, willensschwach, außer es geht um seine Musik. Da zeigt er Stärke und Tiefe. Wird in der ganzen Welt geliebt und seine Musik ist ein Ebenbild des russischen Charakters.

„Und obendrein war er selbst willensschwach und unentschlossen – außer in den Fällen, in denen er willensstark und entschlossen war. Doch selbst dann traf er nicht unbedingt die richtigen Entscheidungen. Deshalb war sein Gefühlsleben – wie konnte man es am besten zusammenfassen? Er lächelte trübsinnig in sich hinein. Ja, in der Tat: Chaos statt Musik.“

Schostakowitsch stellt sich nicht hinter seine Freunde. Denn dann gerät er selber in das Fadenkreuz der Macht. Die Macht bleibt stark, auch wenn die Machthaber wechseln. Schostakowitsch flieht in seine Musik.

„Lass der Macht die Worte, denn Worte können Musik nicht beflecken. Musik entflieht den Worten: Das ist ihr Zweck, und darin liegt ihre Erhabenheit.“

Doch auch hier will die Macht ihre Kraft ausüben. Alle Kunst gehört dem Volk, so Lenin, doch Kunst ist für Schostakovich die Möglichkeit, dem Lärm der Zeit zu entfliehen.

„Kunst gehört allen und niemandem. Kunst gehört jeder Zeit und keiner Zeit. Kunst gehört denen, die sie erschaffen, und denen, die sie genießen. Kunst gehört ebenso wenig dem Volk und der Partei, wie sie einst dem Adel und den Mäzenen gehört hatte. Kunst ist das Flüstern der Geschichte, das durch den Lärm der Zeit zu hören ist. Kunst existiert nicht um der Kunst willen: Sie existiert um der Menschen willen.“

Man mag dem russischen Künstler, der als Einziger der fünf großen russischen Komponisten seine Werke alle in Russland geschrieben hat, Feigheit nachsagen. Doch ist nicht gerade das Bleiben eines der mutigsten Dinge, die ein Mensch tun kann? Sich dem Grauen und der Angst immer wieder stellen? Strawinski, Prokofiew und Rachmaninow emigrierten und Schostakowitsch musste diese Künstler, die er verehrte, in vorgefassten Reden denunzieren. Doch was sollte er tun? Nur so haben er und seine Kunst, seine Musik überlebt. Und was sagt ein Gedicht im Schatten der Macht?

„Ein gelehrter Mann zu Galileos Zeit

Wusste wie Galileo Bescheid:

Die Erde dreht sich, ganz bestimmt.

Jedoch er hatte Weib und Kind.“

Lärm der Zeit ist keine Biographie im eigentlichen Sinne. Barnes beschreibt den inneren Konflikt den Schostakowitsch vermutlich in der Art und Weise so hatte, gestützt auf schon vorhandene Biographien. Es ist der Versuch, den andauernden Albtraum zu beschreiben, dem ein Künstler in Russland, in einer Diktatur, fortwährend ausgesetzt war. Einerseits dem Volk seine Kunst zu schenken, andererseits der Macht keinen Grund zu geben, ihn zu beachten. Barnes bezieht hier keine Stellung, ist wertfrei in seiner Beschreibung, zeigt nur den Konflikt. Und das ist es, was Barnes Bücher ausmachen. Sie setzen sich als Samen in den Kopf des Lesers und lassen so viel Raum und Zeit, um langsam aufzugehen und zu blühen.

Schostakowitsch hat den Konflikt gelöst, indem er sich entschied, leben zu wollten. Ungeachtet der Widersprüche in seinem Leben. Denn was möchte ein Musiker, ein Komponist, ein Künstler? Natürlich unsterblich werden durch seine Kunst.

„Was konnte man dem Lärm der Zeit entgegensetzen? Nur die Musik, die wir in uns tragen – die Musik unseres Seins – , die von einigen in wirkliche Musik verwandelt wird. Und die sich, wenn sie stark und wahr und rein genug ist, um den Lärm der Zeit zu übertönen, im Laufe der Jahrzehnte in das Flüstern der Geschichte verwandelt.“

Ein wunderschönes Buch über die schlimmste Zeit, nein, die allerschlimmste Zeit eines Künstlers in einer menschenverachtenden Diktatur. Es wird Zeit, seine Musik wieder zu hören und gerade da hört man diesen inneren Zwist deutlich heraus. Barnes hat das Buch zur Musik des Schostakowitsch geschrieben.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 16. Februar.2017
  • Verlag : Kiepenheuer & Witsch
  • ISBN:  978-3-462-04888-9
  • Gebunden: 256 Seiten
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2 Gedanken zu “Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch

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