Spacegirls

beckychambersSpace Opera mit starken weiblichen Einschlägen sind selten im Sci Fi Genre, das, männlich dominiert, zumeist Technik, Wummen, Krieg, Heldentum und Machtschnickschnack thematisiert. Doch gerade der kulturelle und gesellschaftliche Blickwinkel auf die Zukunft ist eine der interessantesten in diesem Genre. So ist die weibliche Sichtweise auf das Zusammenleben auf beengtem Raum einen informativeren und empathischen Ticken anders.

Feinfühliger, eindrücklicher, weil mehr hinterfragend, schildert Autorin Becky Chambers, diese Aspekte des Raumfahrerlebens.  Als Beispiel sei hier der Koch- und Leibarzt genannt, der sehr wohl um die Wichtigkeit guten Essens und guter Atmosphäre weiß und sich bemüht, beides herzustellen.  Die in Kalifornien aufgewachsene Tochter einer Astrobiologin und eines Luft- und Raumfahrttechnikers gesellt sich hier zu Autorinnen wie Kate Wilhelm, Ursula K. LeGuin, James Tiptree, C.J.Cherryh oder Lois McMaster Bujor ein. Dabei sind schon Cover und Titel das Zugreifen wert. Was wir beiden hauptverdächtigen Buchstoffler mit dem SciFi Faible natürlich getan haben, überschneidet sich unsrer lesetechnische Sci Fi Menge doch häufig und bereichern wir uns gegenseitig gern mit guten neuen Autoren.

Becky Chambers Debüt The Long Way To A Small, Angry Planet finanzierte sie 2012 via Crowdfunding und brachte es 2014 im Eigenverlag heraus. 2015 erschien der Roman in Großbritannien bei Hodder & Stoughton, in den USA bei Harper Voyager. 2016 wurde The Long Way To A Small, Angry Planet für den Arthur C. Clarke Award nominiert.

Becky Chambers hat uns mit ihrem phantastischen Debüt gleichermaßen berühren und begeistern können. Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten liest sich locker – luftig mit unaufdringlichem Humor und zieht einen bereits auf den ersten Seiten in seinen Bann, dem wir uns während des gesamten 539 – Seiten- Buches nicht mehr entziehen konnten. Das Wayfarer Universum besteht aus verschiedensten Spezies, und die junge Rosemary Harper (Homo Sapiens) bewirbt sich auf der Wayfarer, einem Tunnelbohrschiff mit gemischter Besatzung. Unterschiedlich in Kultur und Rasse kommt es trotz gegenseitigem Respekt doch so manches Mal zu Reiz- und Reibungspunkten:

„Hast Du die Menschen auch manchmal satt? Hin und wieder. Das ist wohl normal, wenn man mit anderen Leuten als seiner eigenen Art zusammenlebt. Ihnen ergeht es bestimmt genauso. Heute habe ich sie eindeutig satt, sagte Sissix und ließ den Kopf wieder zurücksinken. Ich habe ihre fleischigen Gesichter satt. Ich habe ihre glatten Fingerspitzen satt. Ich habe es satt, wie sie das R aussprechen. Ich habe es satt, dass sie nicht riechen können. Ich bin es leid, wie gluckenhaft sie sich bei Kindern aufführen, die nicht einmal ihre eigenen sind. Ich habe es satt, wie neurotisch sie mit Nacktheit umgehen. Am liebsten würde ich jeden Einzelnen von ihnen ohrfeigen, bis sie begreifen, wie unnötig kompliziert sie ihre Familien und ihr Sozialleben und ihr … einfach alles machen.“

Rosemary ist als Verwaltungsassistentin angeheuert und bemüht sich zu integrieren. Jedes Besatzungsmitglied hat einen ganz speziellen Charakter und trägt eine Bürde mit sich herum. Bürden, die im Laufe des Buches offenbar werden und meist einen hochemotionalen Hintergrund haben, der die einzelnen Personen mit einem warmen, persönlichen Touch versieht. Auch Rosemary hat ein Geheimnis, die Crew sieht das aber sehr entspannt:

„Du bist Rosemary Harper. Du hast diesen Namen gewählt, weil der alte nicht mehr zu dir passte. Du musstest dafür ein paar Gesetze brechen, na und? Was soll’s. Das Leben ist nicht gerecht, und Gesetze sind es normalerweise ebenso wenig. Du hast das getan, was du tun musstest. Ich verstehe das.“

Sympathisch, bunt, vielfältig, spannend und teilweise auch politisch hochaktuell geht es auf der Wayfarer zu. Fake News finden sich auch in der fernen Zukunft wieder. So bearbeitet zum Beispiel Nib der Hobby- Archivar Referenzdateien, indem er sich durch alte Fakten gräbt um die öffentlichen Dateien auf neustem und den Tatsachen entsprechendem Stand zu halten:

„Warum versuchen diese Leute überhaupt so etwas zu beweisen?“, fragte Kizzy. „Weil es sich um Idioten handelt.“

Die Vielfalt der Spezies und ihrer Soziologien ist grandios, authentisch und detailliert. Vom Paarungs – und Nachwuchsaufzuchtsverhalten der Aandrisks könnten wir uns z.B. gerne ein paar Scheibchen abschneiden. Wenn wir Eier legen könnten. Hier merkt man, dass die Autorin eben das ist, eine Frau und somit potentielle Mutter, der diese Thematik der Kinderaufzucht doch näher und unmittelbarer ist als männlichen Autoren, und die sich zudem noch ganz offensichtlich mit Biologie und weiteren Wissenschaften auskennt. Ihre Ideen sind ausgereift, wirklichkeitsnah und wissenschaftlich logisch. Was dieses Universum aber erst so richtig rund macht, ist die empathische Sicht der Dinge. Hier ist der Roman am eindringlichsten und stärksten, in Momenten wo sich zwei verschiedene Rassen nähern und wir uns in den Gedanken von Sissix, einer echsenartigen Spezies, finden:

Rosemary, sagte Sissix und ergriff ihre Hand. Sie war warm. Das war bei anderen Spezies immer so, man spürte die Wärme schon, wenn man neben ihnen stand, aber jetzt war es noch deutlicher. Sie hatte sich schon manchmal gefragt, wie es wohl wäre, diese Wärme an sich zu pressen, dort, wo – nein, nein, daran würde sich nicht denken. Noch nicht. Sie musste klug sein. Sie musste vorsichtig sein. Schließlich reagierten Menschen anders auf Paarung. War es nicht so, dass ihre Gehirne danach von Chemikalien überschwemmt wurden, viel mehr als bei normalen Leuten? Auch bei Aandirsks führt Paarung zu Bindung, aber Menschen – Menschen verloren dabei vollkommen den Kopf. Wie ließ es sich sonst erklären, dass eine vernunftbegabte Spezies die Überbevölkerung bis zum Umweltkollaps getrieben hatte? Das war ein Volk, das sich um den Verstand gepaart hatte.“

Ihre Charaktere sind ausgereift, erhalten mit zunehmendem Lesefortschritt immer mehr Substanz und Gesicht, erscheinen greifbar und echt, mit all ihren Macken und Persönlichkeitsaspekten. Die Sprache ist angenehm, auch wenn es um philosophische, soziologische, biologische und technische Details geht. Ganz wichtig: Chambers hat Humor!! Und den merkt man diesem augenzwinkernden Buch an. Eben das lässt einen, viel zu schnell, aber mit Hochgenuss hindurchgleiten.

Sie zeigt auch Weitsicht wenn sie aus den Akten der GU (Galaktischen Union) zur Aufnahme der Spezies Homo Sapiens in ihre Gemeinschaft zitiert:

Die Menschheit ist eine zerstrittene, angeschlagene, pubertäre Spezies, die sich nicht durch ihr eigenes Verdienst in den interstellaren Raum ausgebreitet hat sondern nur durch Zufall. Sie ist nie über das intraspeziäre Chaos hinausgekommen. In dieser Phase der unbeholfenen Pubertät entscheidet es sich ob eine Spezies zu einer globalen Einheit oder in verfeindete Fraktionen zerfällt, die zum Aussterben verurteilt sind sei es durch Krieg oder durch ökologische Katastrophen, die so groß sind, dass man sie nur gemeinsam meistern kann.“

Die Wayfarer Welt ist bunt, liebevoll und schreit nach Erweiterung, so ist es nur gut, dass der ebenfalls im Wayfarer Universum angesiedelte Roman A Closed And Common Orbit 2017 in Großbritannien erscheinen wird.

Wir freuen uns schon darauf.

Unser SciFi Tipp 2017 heißt also: Go get it!
Abtauchen ins Wayfarer Universum.

Abtauchen in eine neue Science – Fiction – Plattform hier: Tor online

Dodo Award und Lesehighlight für Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten von rallus und thurs

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 27. Oktober 2016
  • Verlag : S.Fischer
  • ISBN:  978-3-596-03568-7
  • Taschenbuch: 544Seiten
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8 Gedanken zu “Spacegirls

  1. 100prozentige Zustimmung! Mir hat dieses Buch richtig gut gefallen, auch wegen der Qualitäten, die du hier beschreibst: humorvoll, unterhaltsam, tiefgründig, einfallsreich – alles in einem! Spannend auch, wie die verschiedenen Spezies mit ihrer unterschiedlichen Art zu denken und zu fühlen, miteinander klarkommen – wenn sie es nur wollen. Ich freue mich ebenfalls auf die Fortsetzung!

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