Du musst wissen, was du bist

46991056zWäre dieses Buch ein Film, ich hätte wohl nach fünfzehn Minuten weggeschalten. Nicht, wegen des mangelnden Niveaus, sondern einfach, weil ich es schwer ertragen kann, wenn Menschen in fiktiven Geschichten gedemütigt oder gequält werden.

Nun handelt es sich hierbei aber zum Glück nicht um einen Film, sondern um ein Buch. Und ich lege Bücher nicht gerne ungelesen zur Seite, und so fühlte ich mich verpflichtet, meine Hemmungen über Bord zu werfen, meine Grenzen ein wenig zu verschieben und weiterzulesen. Und siehe da, der Inhalt wird zwar nicht leichter, doch das Buch entwickelt einen unglaublichen Sog und ich konnte es nicht mehr aus der Hand legen. Nach zwei langen Lesenächten sitze ich da und staune.

Zehn Frauen, allesamt jung und gut aussehend, befinden sich in einem Lager in der Wildnis Australiens. Ihrer Habseligkeiten beraubt, durch Drogen gefügig gemacht, entführt, gefangen gehalten. Das „Camp“ umschließt weitläufig ein elektrischer Zaun. Zwei hemmungslose, brutale Wärter  – Boncer und Teddy – bewachen die seltsame Truppe. Eine Flucht ist unmöglich.

Alle zehn müssen die gleichen dicken, kratzigen Kleider tragen, trotz der erbarmungslosen Sonne, allen zehn werden die Haare geschoren. Ein Akt der Demütigung für die schönen Mädchen. Sie werden aneinander gekettet und müssen durch die Gluthitze marschieren, später dann auch aus schweren Betonplatten eine Straße anlegen. Wenn sie nicht tun, wie geheißen, werden sie geschlagen.

Aber warum? Warum sind sie hier, warum wurden sie verschleppt?

Du musst wissen, was du bist, hat dieser Boncer zu ihr gesagt.  […] Sie kann nicht wissen, wo sie ist und warum, dennoch weiß etwas in ihr, dass ihr Überleben von dieser flirrend weißen Frage abhängt: Was bin ich?

Verla und Yolanda sind die zentralen Figuren des Romans. Verla war in ihrem Leben vor dem Camp Praktikantin im Parlament, Yolanda eine C-Prominente, die sehr viel einvernehmlichen Sex mit sehr vielen Footballspielern hatte. Mit der Zeit finden sie mehr über sich und die anderen heraus und stellen fest, was ihr gemeinsamer Nenner ist:

Sie sind das, was passiert, wenn man seine verdammte große Schlampenklappe nicht hält.

Sie sind Flittchen. Auf irgendeine Weise haben sich alle zehn in ihrem früheren Leben prostituiert.

Immer wieder fällt der Name Hardings – er scheint die Entführungen veranlasst zu haben, für ihn bauen sie die Straße, damit er komfortabel zu ihnen fahren kann, wenn er kommt.

Anfangs treibt die Mädchen vor allem die Frage nach dem Warum um. Aber die Zeit vergeht und Hardings kommt nicht. Niemand kommt. All ihre geheimen Hoffnungen, dass einer ihrer Geliebten, einer ihrer Familie oder Freunde sie holen würde, zerfallen zu Staub. Der Essensvorrat geht zu Ende, der Strom fällt aus. Ein kurzer Moment der Hoffnung glimmt auf, doch der Zaun ist an einen separaten Stromkreis geschalten, er funktioniert unbeirrt weiter.

Die Tatsache, dass Hardings nicht kommt, ändert alles im Lager. Die Wächter sitzen im selben Boot wie die Gefangenen. Sie werden nicht gleich dadurch, doch die Mädchen gewinnen mehr Freiheiten. Sie können sich nun innerhalb der Grenzen des Zauns frei bewegen, es gibt keine sadistischen Aufträge mehr, die die Mädchen erfüllen müssen. Yolanda sorgt für Essen, denn sie entdeckt die Jägerin in sich. Verla sammelt Pilze und probiert im Selbstversuch aus, welch unterschiedliche Wirkungen sie haben. Jede der Frauen findet eine Aufgabe für sich, die es ihnen ermöglicht, diesen Wahnsinn durchzustehen. Die Frage ist schon lange nicht mehr, warum sie hier sind, die Frage ist, wie sie ihr Dasein erträglicher gestalten können.

Es geschehen Dinge, mit denen man nicht gerechnet hat. Wendungen, die Interpretationsspielräume lassen. Möglichkeiten, die man erhofft, aber nicht erwartet hat. Und dann ist auf einmal der Strom wieder da.

„Der natürliche Lauf der Dinge“ von Charlotte Wood ist keine leichte Lektüre. Sie fordert einen, lässt sich nicht bei seichter Hintergrundmusik lesen. Man braucht alle Konzentration und all seine Sinne, um sich durch den heftigen Inhalt zu kämpfen, anfangs auch zu quälen. Doch wer es wagt, wer sich einlässt auf das Grauen, wird belohnt mit einem atemberaubenden Erzähltempo, mit einer Geschichte weitab des Mainstreams. Der Bestseller aus Australien schafft, was nicht oft gelingt, dass man nachdenkt über das Gelesene. Lange. Dass man darüber spricht. Dass man anderen davon erzählt. Getrieben von dem Wunsch, durch die Beschäftigung damit eine Erklärung für sich selbst zu finden.
Ein drastischer, verstörender Lesegenuss.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2017
  • Verlag: Arctis Verlag
  • ISBN: 978-3-03880-001-9
  • Gebunden: 304 Seiten
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5 Gedanken zu “Du musst wissen, was du bist

  1. Jetzt habe ich das Buch gelesen. Am Schlimmsten finde ich das Ende. Wo werden sie hingebeacht? Und warum glauben sie, dass diejenigen, die sie eingesperrt haben, ihnen nichts Schlimmes mehr antun werden? Da scheint die Perspektive, wie Yolanda, verrückt zu werden, fast schon tröstlich. Ein recht grausames Buch.

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    • Hallo Andrea!
      Es ist schwierig. Ich tu mich sehr schwer mit offenen Enden und auch ich habe mich gefragt, was nun geschieht, ob es eine Rettung ist oder ein Weitertransport …
      Das Buch ist anders als alles, was ich sonst so lese. Aber der Spannungsbogen ist gut und handwerklich ist alles fein. Aber es lässt einen ratlos oder vielmehr rätselnd zurück, was ich als etwas unbefriedigend empfunden habe.

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      • Ich habe mal ein Buch gelesen, das ich im übrigen außerordentlich gut fand, das ebenfalls ein offenes Ende hatte – nun ja, es war nicht das einzige Buch mit offenem Ende – aber ich habe es in einer Leserunde gelesen, in der man dem Autor Fragen stellen konnte. Natürlich gab es viele Leser*innen, die am Ende ratlos waren und eine hat den Autor angeschrieben und nachgefragt, was denn nun da passiert sei. Der Autor hat eine mir sehr angenehme Antwort gegeben, die ich auch schon in der Leserunde zum Ausdruck gebracht hatte: Es kommt nicht darauf an, was er sich dabei gedacht hat, sondern wie seine Leser das Ende lesen wollen – der Leser hat die Freiheit zu wählen. Und das fand ich in diesem Bezug ziemlich cool. Langer Rede kurzer Sinn, ich mag offene Enden 😉
        LG,Bri

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    • Gerne 😊. Es ist wirklich eine zweischneidige Sache mit dem Buch: Einerseits frage ich mich immer, warum Menschen auch noch brutale Geschichten erfinden, wo es doch eh schon so viel Gewalt im echten Leben gibt. Andererseits lässt einen das Buch sehr nachdenklich zurück, es rüttelt einen aus der bequemen Sofa-Rumlümmel-Position heraus und lässt einem keine Chance, das Buch einfach zur Seite zu legen …

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