Völker dieser Welt relaxt

978-3-499-23546-71Es gibt Rezensenten, deren Berichte mich direkt in die Hände des allseits bekannten Bücher- und Datenkraken treiben um dort kostengünstig der Gier nach Lesestoff zu frönen.

Nach Beendigung der Besprechung zu Pan Aroma  war es wieder einmal soweit.

Auf der Website des Gebraucht – Buch – Dealers fand ich eine große Auswahl an Büchern des Autors sowie ein noch lockenderes Buch des mir bis dato  unbekannten Tom Robbins, und es war GROSSartig. Allein der deutsche Titel war Sirenengesang. Wobei „Fierce Invalids Home From Hot Climates“, so der englische Original Titel- ebenfalls seinen Reiz hat.

Tom Robbins, „Der wildeste Schriftsteller der Welt“, so die Financial Times auf dem Klappentext,

bereitet geneigten Gemütern, die bereit sind die eigentliche Geschichte als nebensächliche aber unterhaltsame Rahmenhandlung für seinen Sprachwitz, seine Kreativität und seine Fabulierfreude zu genießen, das reinste Vergnügen.

Der Plot des Romans beginnt im Oktober 1997 in Peru. Dort befindet sich der vornamenlose CIA Agent Switters mit dem grandiosen Aberwillen gegen Krabbel- und Stechgetier und sonstigem Viechzeugs welches klein und fleuchend ist und beobachtet einen nackten Papagei…“sah aus wie eine Kreuzung aus menschlichem Fötus und koscherem Hähnchen. Er war so alt, dass er sämtliche Federn verloren hatte, sogar die Stoppelfedern. Seine Haut war mit lauter winzigen Hubbeln übersät. Die blauen Adern darunter sahen aus wie Gummi. murmelte Switters….

Switters entspricht nicht dem Klischee eines CIA Agenten, womöglich nicht einmal dem Bild, welches die CIA von ihren Agenten verinnerlicht hat. Systemkonformität ist ihm fremd, er unterwandert das Sytem das er schützen soll. Er ist ein Suchender, ein Wissenssammler ein sich treibenlassender Philosoph der die Welt reflektiert und – unter anderen schlechten Angewohnheiten – ein Lolita Problem hat, das er fortwährend mit seinem sehr eigenen Moralverständnis abzustimmen versucht. Mal mehr mal weniger erfolgreich, aber immerhin hat er eine Moral. Diese erleben zu dürfen, mitsamt seiner seltsam skurrilen Großmutter, die ihn auf  raffinierte Art auf eine Fahrt in die Tiefen des ihm seit Romanbeginns so unkommoden Urwalds schickt, ist atemberaubendste Zwerchfellstimulanz. Der Autor gönnt dem Leser ebensowenig Pause wie seinem Protagonisten. Rasant geht es voran.

Natürlich ist Agent Switters auch ein ausgefallenes Hobby zu eigen. Er ist Mitglied des C.R.A.F.T. Clubs. „Eines Geheimbundes mit Niederlassungen in Hongkong und Bangkok, dessen Mitglieder sich regelmässig trafen, um ein merkwürdiges Gebräu zu trinken und über Finnegans Wake zu debattieren. Wenn man sie später danach fragte antworteten die Mitglieder: „C.R.A.F.T.“ – (Can’t Remember A Fucking Thing) -, und im Allgemeinen war das nicht einmal gelogen. „

Ja, Switters ist so kompliziert, dass der Autor himself immer wieder in Aktion tritt, um dem Leser seinen Protagonisten zu erklären. Man könnte meinen, das nervt aber mitnichten! Mit schöner Regelmässigkeit gewährt Tom Robbins via Protagonist Switters dem Leser universelle Weisheiten: „Es ist nicht leicht zu sagen, wer die größere Bedrohung für die Welt darstellt: ehrgeizige Aufsichtsratsvorsitzende mit fetten Werbeetats oder geschickte Kleriker mit verstaubten Bibelversen.

So kann ich nur allerwärmstens empfehlen, sich mitsamt dem Konsum wenig wertschätzenden Agent Switters – von seiner Maestra konsequent mittels Bluesplatten und nachhaltigen Elogien zur Negierung des Selbstmitleids erzogen – auf die absolut abgefahrene spirituelle Reise durch heiße Länder zu begeben, und der Winterdepression durch intellektuelle Wonnigkeiten, Philosophielektionen aus dem Absurdistan der Welt und dadurch ausgelösten haltlosem Lachen, Kichern und Gackern zu entziehen.

Sigmund Freud hat einmal behauptet: Witz sei die Verneinung des Leidens, was nicht heißt, dass die Geistreichen und die Verspielten unter uns glaubten das Leid existiere nicht – jeder leidet auf seine Art-, sondern nur, dass sie das Leiden nicht über das Leben selbst stellen, ihm keine vorrangige Bedeutung zubilligen und es mit Humor unter Kontrolle halten. Möglich, dass Freud Recht hatte. Gewiss ist ein Sinn für Humor notwendig, wenn man der allgegenwärtigen Ausbeutung entkommen und das Leben in einer Gesellschaft genießen will, die versucht ihre Mitglieder zu kontrollieren (und abzuzocken) indem sie sie zwingt, ihre Symbole, Institutionen und Produkte ernst, ja todernst zu nehmen.

Leser dieser Welt, RELAXT.

Holt euch Tom Robbins. Ich bin derart angefixt, dass ich bereits jetzt schon über drei weitere Werke seines Schaffens verfüge und gespannt auf die angekündigte Biographie; Tibetischer Pfirsichstrudel lauere. In Zeiten wie diesen, in denen einem angesichts der Weltlage und Machthabern from Hell nur allzuoft das Lachen verlorengeht, kann man nicht über genug „Mothers little helper“ in Buchform verfügen.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 01. Dezember 2003
  • Verlag : ROWOHLT Taschenbuch
  • ISBN: 978-3-499-23546-7
  • Taschenbuch: 640 Seiten
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7 Gedanken zu “Völker dieser Welt relaxt

  1. Es reicht ja schon aus wenn man so eine begnadete Rezensentin hat, bei der man schon lauthals loslacht. 🙂
    ‚Machthabern from Hell‘ YES das mekre ich mir. Ansonsten ist mein BuB (Berge ungelesener Bücher) um mehrere angewachsen.

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    • Dankeschön 😉 Das freut, hadere ich doch immer getreu den Don’ts für Schreiberlinge mit dem Spruch „Fuck Anglizismen“ um dann doch wider besseres Wissen schwach zu werden. Mit dem brexit habens sies ja nicht drauf aber sprachlich sind sie schön griffig die Briten 😉 Außerdem, ein Volk das Douglas Adams , die Phythons und John Lennnon hervorgebracht habe muss man einfach lieben…

      Du Armer ich hab noch SuB du schon BuB…. in schwedische Möbelhaus Fragestellung: liest du nur noch oder lebst du auch noch *G* btw , ich kann dich gerne mit dem gewünschten Stoff versorgen. Er macht Laune.

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    • Das freut mich, konnte gar nicht fassen, dass mir dieser Autor bisher entgangen ist, da er meinem Belletristik Beuteschema exakt entspricht. Hoffe es geht dir mit ihm ebenso.

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  2. Irgendwas von ihm habe ich schon im Regal stehen – offensichtlich noch ungelesen … Asche auf mein Haupt, aber Du hast Recht, gerade in Zeiten wie diesen braucht man/frau/was-auch-immer etwas zum relaxen. Habe verstanden 😉 Danke.
    PS: habe gerade nachgesehen. Buntspecht habe ich … und gelesen, aber ewig her … krass, dass ich die nachfolgenden verpasst habe. Kann mich wieder dunkel erinnern, dass es sehr amüsant war … danke fürs anstupsen …

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