Wellen, Wasser und Wind

cover_schwandt_klDer Ankerherz-Verlag steht für spannende, ausgefallene Bücher: Falsch machen kann man also nichts, wenn man zum Buch über das Leben des Kapitän Schwandt greift, dachte ich mir und packte die Gelegenheit beim Schopfe.

Als erst vor ein paar Monaten wieder nach Hamburg zurückgekehrte Zwischendurch-Ruhrpottlerin, kannte ich die Kolumnen vom großen Kapitän nicht. Ich war also unvoreingenommen und hatte keinerlei Erwartungen. Warum also stehe ich nun etwas ratlos da, mit diesem feinen Buch?

Das Buch ist ein echter Augenschmaus: tolles Layout, wunderbare Illustrationen von Hans Baltzer und beeindruckende Fotos von Andree Kaiser. Man schlägt es gerne auf, zumal es auch noch mit farbigen Elementen punktet, was heutzutage aus Kostengründen kaum ein Verlag noch macht.

Stefan Kruecken, der Verlagsinhaber, hat das Leben von Schwandt aufgeschrieben, sich immer wieder mit dem Kapitän getroffen, am liebsten auf See, und dort mit ihm an den Geschichten gefeilt.

Es sind kluge und lebensbejahende Texte dabei herausgekommen, Herr Schwandt ist ein durch und durch sympathischer alter Haudegen, der eine wunderbare Einstellung zum Leben hat – aber dennoch: Überzeugt hat mich das Buch leider nicht. Und damit meine ich, dass ich es jederzeit aus der Hand hätte legen können, ohne es zu vermissen. Vielleicht funktionieren Schwandts Lebensweisheiten besser in Kolumnenform? Einige sind jedenfalls als Bonuskapitel dem Buch hinten angehängt und lesen sich äußerst vergnüglich.

„Sturmwarnung“ beschreibt das Leben Schwandts, der mitten im Kriegschaos in Hamburg aufwächst und dort auch alles an grauenvollen Erlebnissen mit auf den Weg bekommt, was man braucht, um komplett abzustürzen und das Leben nicht mehr auf die Reihe zu bekommen. So erzählt Schwandt auch, dass viele seiner Kindheitsfreunde kriminell wurden, auf die schiefe Bahn kamen und nicht mehr ins normale Leben zurückfanden. Nicht so er selbst. Dazu ist Schwandt seelisch zu gesund, zu willensstark und zu positiv. Dennoch ist seine Familie, allen voran seine Mutter, die aus gutem Hause stammte, nicht gerade begeistert, als er mit sechzehn Jahren (zu jener Zeit galt man in der Seefahrt mit sechzehn als volljährig) verkündet, Seemann werden zu wollen. Doch der Jung ist voller Tatendrang und lässt sich von Unwägbarkeiten nicht abschrecken. Wochenlang pilgert er täglich zum Heuerbüro und wartet dort neun Stunden lang, um abends doch wieder ohne Job nach Hause zu kommen, bis endlich ein Schiffsjunge gebraucht wird – der Ruf gilt ihm! Das ist der Beginn seines wahren Lebens …

Ohne jegliche Glorifizierung und Sentimentalität skizziert der fast achtzig Jahre alte Schwandt im Folgenden seinen Werdegang auf hoher See, angefangen von seiner Position als einfacher Schiffsjunge bis zum diplomierten Kapitän. Es ist ein raues, wildes Leben, das seine eigenen Spielregeln hat. Auf dem Meer ist keine Zeit für Diskussionen. Jeder hat seine Aufgabe und wer diese nicht korrekt ausführt, kriegt notfalls eins auf die Mütze von den Kollegen und den Vorgesetzten.  Für Sensibelchen ist hier kein Raum. Doch diese starre Hierarchie schafft auch Halt und Sicherheit. Jeder weiß, wo sein Platz ist, Sinnkrisen gibt es nicht. Man funktioniert und respektiert die Ordnung an Bord – im Gegenzug erhält man eine schroffe, aber im Grunde faire Behandlung.

Schwandt und sein Autor Kruecken sparen auch die klischeehafte Assoziation von Seemann und Rotlichtviertel nicht aus. Dabei heraus kommt kein peinliches Softpornokapitel, sondern ein charmanter Rückblick auf eine Zeit, in der, so erhält man den Eindruck, dem Beruf der Prostituierten tatsächlich eine gewisse Hochachtung entgegengebracht wurde. Schwandt beschreibt, dass immer auch eine Grundsympathie vorhanden sein musste auf beiden Seiten. War der Dame der Herr nicht sympathisch, kam es zu keinem weiteren Kontakt. Auch der grobschlächtigste Seebär hielt sich respektvoll an diese Regeln.

Überhaupt zieht sich das Thema  Respekt wie ein roter Faden durch dieses Buch. Es scheint, als sei Respekt das, was alles zusammenhält. Wenn ich etwas aus diesem Buch mitnehme, dann das Gefühl, dass früher nicht alles besser war, dass es aber eine gewisse Umgangsform gab, die auf Respekt basierte, und die das Miteinander auf einem etwas höheren Niveau als heute möglich machte.

Ich könnte noch viel über dieses Buch berichten, über die katastrophalen Stürme und Orkane, die der Kapitän auf verschiedenen Schiffen erlebte, zum Teil auch nur durch Glück überlebte, über seine Alkoholsucht, die er nüchtern – und ohne sich selbst zu schonen – erläutert. Oder über die charmante Selbstironie, als er, der erfahrene und fähige Seebär, im Internationalen Maritimen Museum in Hamburg am Schiffssimulator die MS Europa versenkt – aber das alles führt zu weit. Lest selbst! Und entscheidet selbst, ob Euch das Buch mitreißt. Aber vielleicht muss es das auch gar nicht: mitreißen. Es ist in sich stimmig, das zählt, und es muss vielleicht  gar kein Pageturner sein, den man nägelknabbernd nicht mehr aus der Hand legen möchte, bis man ihn zu Ende gelesen hat.

Was bleibt, wenn man mit „Sturmwarnung“ durch ist, ist ein gutes, warmes Gefühl und das ist mehr als manches andere Buch schafft.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: Originalausgabe, April 2016
  • Verlag: Ankerherz
  • ISBN: 978-3-945877-00-5
  • Gebunden: 192 Seiten
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2 Gedanken zu “Wellen, Wasser und Wind

    • Hallo Rabin,
      das Buch kann man wunderbar verschenken und nichts dabei falsch machen.
      Es ist nett und schön.
      Nur entwickelt es eben zu keiner Zeit einen Sog. Ich hätte es jederzeit zur Seite legen können, ohne noch Tage später zu überlegen, wie alles wohl weiterging.
      Eine Art Coffeetable-Buch 🙂
      Liebe Grüße!

      Gefällt 1 Person

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