Musik für schwere Zeiten

panikherzAuf ein Wort vorab: Dies ist keine Buchbesprechung im üblichen Sinne, zumindest empfinde ich es nicht so. Was genau es ist, kann ich auch nicht sagen. Aber holistisch gesehen hat das hier sicher einen Grund.

Literatur und Musik sind die beiden Spielfelder meines Lebens, die ich am liebsten betrete. Häufig verschmelzen sie zu einem, wenn Musikstücke meine Lektüre begleiten. Soundtracks bilden zu dem, was während des Lesens in meinem Kopf- und Gefühlskino passiert. Manchmal ist es ein bestimmter Song, der die Atmosphäre des aktuellen Buches über die Sprache, den Stil vertont – wie zum Beispiel Cold Waters (von Jesper Munk) im Falle der Zwei Schwestern von Dorothy Baker. Ab und an gibt es einen kompletten Soundtrack, der mir teils von den Autoren als untermalender Klangteppich ausgelegt wird – die Playlist, die für Nickolas Butlers großartigen Roman Shotgun Lovesongs quasi mit dem Buch geliefert wurde – , teils die Autoren selbst beim Verfassen des Werkes begleitet und inspiriert hat. Last but not least sind da noch die Bücher von Musikern, über Musiker, autobiographisch, biographisch oder fiktional, die dann auch immer dazu führen, dass ich mich mit der entsprechenden Musik beschäftige und somit meinen Horizont häufig nachhaltig und sehr zuverlässig weite.

2016 erschienen kurz nacheinander ein Album, das ich nicht mehr erwartet hatte und ein Buch, das mich ehrlich gesagt auf den ersten Blick eher kalt ließ. Das Album Härter als die Zeit von Udo Lindenberg, in seinem 70. Lebensjahr acht Jahre nach der letzten Scheibe, war eine Überraschung. Panikherz von Benjamin Stuckrad-Barre wurde in der literarischen Szene mit großer Ungeduld erwartet – hatte der Popliterat doch schon lange nichts mehr von sich hören lassen, obwohl sehr jung sehr erfolgreich und hochgejubelt.

Eigentlich wollte auch Stuckrad-Barre Rockmusiker werden – wie sein großes Idol Udo Lindenberg, den er im zarten Alter von 12 Jahren entdeckte. Doch aus dem Wunschberuf wurde nichts, so fing er an, über die Musikszene zu schreiben und auf MTV Central eine eigene Literatursendung zu moderieren. Da war sie wieder die Verbindung von Musik und Literatur, die offensichtlich nicht selten ist. Eigene Bücher schlugen ein, selbstbewusst reklamierte er einen Platz in der Literatur für sich und sah die Zukunft dieser in seinen Händen liegen. Ob das damals ironisch gemeint war, vermag ich nicht zu sagen, mich schreckte es eher ab. Panikherz rückte deshalb in mein Blickfeld, weil sich das als Roman etikettierte, autobiographische Werk eben auch stark mit Udo Lindenberg beschäftigt. Und der ist tatsächlich auch einer der musikalischen Helden meiner Jugend. Aber Lindenberg ist und war nie Pop, sondern immer Rock und so siegte meine Neugierde auf eine mögliche Wandlung des Popliteraten. Ich mag Pop, aber langfristig gesehen brauche ich etwas handfesteres, sowohl in literarischer, als auch musikalischer Hinsicht.

Panikherz wurde bereits vorab mit Begeisterung überschüttet, durch Erwartungen gehypt und als der große Lebensroman verkauft, den man in der Szene offensichtlich schon lange von Stuckrad-Barre erwartet hatte. Der Titel selbst ist offensichtlich bewusst doppeldeutig gewählt. Einerseits beschreibt er eine körperliche Auswirkung eines reichhaltigen Drogenkonsums und andererseits bedeutet er eine Reminiszenz an den Musiker, der Stuckrad-Barre offensichtlich bereits seit frühester Jugend an begleitet. Zunächst nur über seine Musik, später in persona.

Das konnte ich nachvollziehen, war für mich Udo Lindenberg doch die Fleisch gewordene Coolness. Er mischte sich politisch ein, kuschte vor niemandem – schon gar nicht vor irgendwelchen Staatsoberhäuptern – und sah jeden Menschen als das was er war: als Individuum mit eigenen Problemen, keiner besser oder schlechter als der andere. Was also hatte Stuckrad-Barre mit diesem Menschenfreund zu tun, außer dass er sich, wie viele andere auch, von den Texten seiner Songs angesprochen fühlte? Nach den ersten Seiten war klar, Stuckrad-Barre kann schreiben, keine Frage, doch irgendwie war der Lebensroman mit unglaublich viel autobiographischen Details angereichert. Für meinen Geschmack etwas zu viel Information, was leicht in eine gewisse Art der Nabelschau abdriften konnte. Offensichtlich schrieb sich hier jemand psychoanalytisch motiviert oder auf der Suche nach Gründen für seine Drogenexzesse und andere selbstzerstörerische Taten von der Seele. Wollte ich das wirklich alles so genau wissen?

Was es bedeutet, sich gewissen Substanzen auszuliefern, haben schon andere eindringlich beschrieben – man denke nur an Rohstoff von Jörg Fauser. Was also wollte Stuckrad-Barre mit diesem als auch als Bekenntnisroman bezeichnetem autobiographischen Geständnis nun tatsächlich? Eine Frage, die mir seit geraumer Zeit nicht aus dem Kopf ging und die eigentlich ja bei Literatur nicht unbedingt sinnvoll ist. Eines kann ich also schon mal sagen: Gedanklich beschäftigt hat mich das Buch nachhaltig. Nur zu einem für mich befriedigenden Ergebnis kam ich nicht.

Wollte er Zeugnis ablegen, Warnungen absprechen, sich sein Leben von der Seele schreiben – oder zumindest einen Teil davon – wieder auf die literarische Bühne zurück, war es Marketing – ich habe neulich erst wieder die Meinung lesen müssen, dass Autoren doch gewisse eigene Lebensumstände marketingwirksam ausschlachten würden, was ich persönlich nicht glaube – oder wollte er doch vom Pop ins Rockfach wechseln? Aber weshalb mache ich mir über Monate hinweg Gedanken über ein Buch, das mir nicht wirklich am Herzen lag und mich so unzufrieden zurückließ. Das zeitnahe Erscheinen von Lindenbergs Album kann man wohl nicht wirklich als Zufall betrachten, spielt Udo doch eine zentrale Rolle in Panikherz und liefert sogar die einzelnen Kapitelüberschriften und inhaltliche Bezüge. Und so denke ich in dieser Frage mit Douglas Adams und Dirk Gently ganz holistisch: Nichts geschieht ohne Grund.

Und hier kam sie dann wieder für mich ins Spiel, die Musik. Sie brachte mir die persönliche Auflösung in Form dieser Interpretation des Lindenberg Songs Durch die schweren Zeiten, der mich im Original zwar bereits durch den Text für sich einnehmen, durch die gewohnt nonchalante, schnoddrige Art der Interpretation durch Lindenberg jedoch nicht vollkommen überzeugen konnte. Plötzlich war da aber eine Stimme, die diesem Song etwas mitgab, das mich buchstäblich umhaute und den Worten ganz unerwartet eine Dimension verlieh, die ich vorher nicht wahrgenommen hatte. Die Worte entwickelten eine Tiefe, durch die ich mich in der Musik getragen und aufgehoben fühlte. Universelle Dankbarkeit war es, was ich empfand – das mag sich jetzt groß und pathetisch anhören, ist aber einfach die Wahrheit.

Und so ist es wohl Benjamin von Stuckrad-Barre mit all den Liedern, die er in Panikherz anspricht, auch ergangen, höchstwahrscheinlich nicht nur mit den Songs, sondern mit dem Gesamtpaket Udo Lindenberg, den er zu einem seiner engsten Freunde zählen kann. Der ihm vielleicht sogar das Leben gerettet hat. Wenn das kein Grund ist, ein Buch zu schreiben … man muss es ja nicht mögen.

Und so hat die Musik mich dieses Mal nicht nur begleitet, sondern mit einer für mich problematischen Lektüre versöhnt, mir einen nicht unkritischen aber auf jeden Fall sanfteren Blick ermöglicht, auf ein Buch, das polarisiert.

Mit Dank an die Musik und deren Interpreten, heute insbesondere an Jonny vom Dahl, den jungen Mann mit DER Stimme und DEM Ausdruck, der mir die Straßenverkehrsordnung singenderweise verkaufen könnte. In der Hoffnung, dass ich mir bald von ihm ein Soloalbum zulegen kann.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 10. März 2016
  • Verlag : Kiepenheuer & Witsch
  • ISBN: 978-3-462-04885-8
  • Gebunden:  576 Seiten
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5 Gedanken zu “Musik für schwere Zeiten

    • naja, Literatur ist wie Musik sehr subjektiv und mich hat tatsächlich geflasht, dass ein Lied vorgetragen in einer ganz besonderen Art und Weise, mir eine etwas andere Sicht auf ein nicht geliebtes Buch geben kann. Danke für das Lob – wie gesagt, es gibt Gründe für das Buch, denke ich jetzt, aber man muss es nicht mögen 😉 LG und ein wunderbares Jahr 25017! Bri

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