Reality TV-Show Wahnsinn als Krimisatire

Eines gleich vorweg: Die Geschichte, die uns die Autorin erzählt, ist großartig und strotzt nur so vor guten Ideen. Vera Russwurm beleuchtet augenzwinkernd aber auch sehr realistisch den alltäglichen Wahnsinn in einer Reality-TV-Casting Show (oder wie man das Ding heute so nennt) sowohl vor als auch hinter den Kulissen.

Dem präpotenten Produktionschef der Firma MasterTV-Österreich wird der nicht versicherte Preisgeld-Koffer mit einer Million Euro für die nächste Knüller-Show Ameisenhaufen aus dem Büro gestohlen. Fortan herrscht Chaos am Set, denn erstens müssen infolge des Verbrechens und der damit einhergehenden Sparmaßnahmen Mitarbeiter anstatt der gecasteten Showteilnehmer vor der Kamera im Kampf um den Millionenpreis einspringen, und zweitens kämpft ausgelöst durch die polizeilichen Ermittlungen nahezu jeder gegen jeden in dieser professionellen Schlangengrube. Alleine die Show-Idee ist schon atemberaubend innovativ: Besonders renitente Kindergartengruppen sollen geführt von den Kandidaten spielerisch diverse Aufgaben lösen. Am Ende der Show stimmen die unberechenbaren, bösartigen und gleichzeitig niedlichen, gnadenlosen Kids darüber ab, ob sie Kindergartenonkel bzw. –tante auch wirklich behalten möchten. Während die Hauptprotagonisten – je ein Vertreter aus den einzelnen Abteilungen des Senders – vor der Kamera verbissen um die Gunst der Kinder, des Publikums und den Gewinn der Show kämpfen, geht hinter den Kulissen durch diverse Liebschaften, Intrigen, Komplikationen und durch die Aufklärung dieses und anderer Verbrechen auch die Post ab. Bei der Lösung des Falles, die mich im Übrigen wie bei einem guten Krimi dann doch etwas überrascht hat, blieb mir fast die Spucke weg, denn die für mich finale Aussage ist nahezu das Beste an diesem Roman: STORYTELLING ist alles in dieser surrealen Fernseh-Welt.

Abgesehen vom begeisternden Inhalt muss ich jedoch mit Bedauern dieser Geschichte eine komplett abgehalfterte Sprache konstatieren. Ich bin ja keine Freundin von extremen Schachtelsätzen, aber wenn mir teilweise Hauptsätze mit nur 6-8 Wörtern im Batchverfahren aneinandergereiht serviert werden, dann ist das für mich schlicht und ergreifend zu viel an einfacher bzw. primitiver Sprachkonstruktion. Stilistisch gesehen sollten auch an den Haaren (Füßen  😉 ) herbeigezogene Analogien und völlig unnötige Wortwiederholungen unbedingt nochmals überarbeitet werden. Das wesentliche Problem im Roman ist, dass nicht nur die direkte Rede derart niveaulos ist, was ja durchaus der authentischen Situation der Medienproduktionsfirma geschuldet sein könnte, sondern auch die Hintergrundbeschreibungen. So im Charlotte Roche Stil eben, bei dem man wie Frau Oberlehrer einfach gleich den Rotstift zücken und die Schularbeit verbessern möchte.

„Eine mächtige Frau, doch ihr Fuß ist verstaucht, ihre Karriere ebenso.“

„Der Geldkoffer Diebstahl liegt nun schon über ein Monat zurück, doch die Ermittlungen der Polizei zu dem Geldkoffer Diebstahl bleiben weitestgehend fruchtlos.“

Die Figuren haben zwar Tiefe und Hintergrundgeschichte, aber sie werden sprachlich dermaßen farblos und flach beschrieben, dass sie einfach extrem schwer im Gedächtnis haften bleiben. Das letzte Mal hatte ich dieses Gefühl, bei Morton Rhues Geschichte Die Welle, die sich wesentlich besser als Drehbuch für den grandiosen Film eignete, als als Roman. Welche Schlüsse ziehe ich daraus? Liebe Vera Russwurm, bitte schwingen Sie sich unverzüglich in ein Casting Büro und fangen an, diesen Stoff für den Fernsehschirm oder die Kinoleinwand umzusetzen. Ich bin nahezu sicher, das wird dann wirklich großartig werden.

Fazit: Für ein Erstlingswerk gar nicht mal so übel, die stilistischen Schwächen könnten durch eine(n) Co-AutorIn oder Lektorat ausgemerzt werden. Ich wäre wesentlich ungehaltener gewesen, wenn mir Frau Russwurm keine gute Geschichte zu erzählen gehabt hätte, mir dies aber sprachlich perfekt arrangiert serviert hätte. Alle, die mich ein bisschen kennen, wissen genau: Bei mir geht immer Inhalt vor Form! Wer bei der Sprache nicht so heikel ist, kann sicher Vergnügen an diesem Werk finden.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 20. Oktober 2016
  • Verlag : Amalthea Signum Verlag
  • ISBN: 978-3-99050-053-8
  • Hardcover: 216 Seiten
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2 Gedanken zu “Reality TV-Show Wahnsinn als Krimisatire

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