Wahrlich ein Knüller

pressebild_scoopdiogenes-verlag_300dpi1Zur Zeit in aller Munde – Fakenews. Offensichtlich wird heute im Journalismus nicht mehr richtig recherchiert, sondern nur das was von ein paar wenigen PR Agenturen an Information zur Verfügung gestellt wird, einfach so schnell wie möglich, ohne weitere Verifizierung auf die heute wichtigen Online-Portale gebracht. Hier heißt es, wer Erster ist, gewinnt. Gründe dafür gibt es viele: sinkende Abonnentenzahlen der Printausgaben, Verkleinerungen der Redaktionen, eine allgemeine Flut von Informationen, die immer schneller verarbeitet werden soll – schlichtweg keine Zeit, um das zu tun, was Journalismus eigentlich ausmachen sollte. Fundierte Recherche und saubere Darstellung der Faktenlage. Doch ist das tatsächlich so neu? Der Zeitfaktor ist sicherlich heute ein größerer, aufgrund der rasanten Entwicklung, was die sogenannten sozialen Netzwerke und andere Internetauswirkungen angeht. Aber damals wie heute zählt trotzdem eines: Sex sells oder besser: Die Schlagzeile macht den Knüller und auch schon vor einigen Jahrzehnten wollte sie Sensationsgier der Menschen befriedigt werden.

Scoop – so nennt man in Journalistenkreisen einen Knüller, die Sensationsgeschichte für Seite Eins. Und nur darum geht es im schnell sich drehenden Karussell der Zeitungsblätter: Jedes Blatt will das Erste sein, das solch eine Meldung bringt.

1938 verdichten sich in Europa die Gerüchte um eine Krise im fiktiven Ishmaelia, das dem tatsächlichen Abessinien, in dem Evelyn Waugh selbst als Kriegsberichterstatter weilte, nachempfunden ist. Sonderberichterstatter aus aller Welt sind auf dem Weg nach Jacksonburg, um die dortige Situation und schnelle Änderungen der Lage unverzüglich nach hause zu kabeln. Auch ein gewisse Boot vom Daily Beast befindet sich unter den anwesenden Journalisten, die auf ihre große Stunde warten. Nur dass er tatsächlich nicht der Boot ist, der aus persönlichen Gründen nur allzu gewillt war, das Land für einen solchen Sondereinsatz zu verlassen.

William Boot, den es nach Jacksonburg verschlägt, war durchaus zufrieden mit seiner Kolummne Üppige Auen, für die er wunderbare Beschreibungen seiner Umgebung wie

“ … leichtfüßig durchs glucksende Moor schweift die pirschende Wühlmaus …“ 

findet.

Seine Liebe zu Boot Magna, dem Familiensitz, und dessen Umgebung spricht aus jedem seiner Sätze. Ishmaelia ist ihm ehrlicherweise absolut gleichgültig und dennoch kann er sich des Auftrages dorthin zu reisen und der britischen Nation die neuesten Neuigkeiten von dort zu verschaffen, nicht erwehren.

John Boot hingegen, der junge vielgelesene Autor mittlerweile mehrerer Romane, ist nur allzu dankbar für den sogenannten  Stitch-Service, der es ihm ermöglichen sollte, sich aus einer unangenehmen Situation, die natürlich mit einer Frau zu tun hat, herauszuwinden.

Äußerst skurrile und sehr britisch anmutende Charaktere sind es, die Evelyn Waugh für seine überaus amüsante Journalisten-Komödie mit leichter Feder und doch in kräftigen Farben zeichnet. Ishmaelia, der von ihm zwar realen Staaten nachempfundene, doch fiktive Staat, wurde von außen – wie heute noch durchaus üblich – mit einer Regierung besetzt, die den Weltmächten genehm und deren Interessen entgegenkommend eingestellt ist.

Waugh zeigt Mechanismen auf, derer sich auch heutige Staatsoberhäupter gerne bedienen: Einsetzung eines Präsidenten nach Gusto, aber natürlich unter dem Mäntelchen der Verschwiegenheit und nach außen demokratisch gewählt. Vergabe weiterer Posten durch den Präsidenten nach eigenem Ermessen mit dem Ziel, sich –  zur Zufriedenheit aller – ein familiäres Netzwerk und damit eine schier unbrechbare Machtstruktur aufzubauen. Das wiederum verselbständigt sich dann nicht im Interesse der weltweit involvierten Staaten.

Kommt uns doch irgendwie bekannt vor oder? Offensichtlich waren diese politischen Vorgehensweisen schon 1938 gang und gäbe und Evelyn Waugh weitsichtig genug, die Wahrheit in seiner Satire zu verpacken.

Aber auch die heute noch gängigen Methoden der Journaille zeigt Waugh subtil und doch gewohnt deutlich. Schlagzeilen ergeben sich nicht, sie werden gemacht. Geschichten werden nicht aufgespürt, sie werden geschrieben.

Sprachlich rasant, ironisch bis satirisch, gewürzt mit wunderbar schrägen Szenen, liebevoll gezeichneten Figuren ist Scoop ein wahrer Knüller, eine überaus erheiternde und kurzweilige Lektüre, trotz des doch kritischen gesellschaftlich-politischen Hintergrunds.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 01. Januar 2014
  • Verlag : Diogenes
  • ISBN: 978-3-257-24274-4
  • Taschenbuch: 288 Seiten

 

 

 

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3 Gedanken zu “Wahrlich ein Knüller

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