Abrahams Erben

9783462048773_101„Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich. Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und gehe hin in das Land Morija und opfere ihn daselbst zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde“

Bibel 1.Mose Kapitel 22

„Abraham sagt nicht ‚Was willst Du?‘ Er sagt nicht ‚Ja?‘ Stattdessen antwortet er mit einer Feststellung ‚Hier bin ich.‘ Was auch immer Gott will oder braucht, Abraham ist ganz für ihn da, ohne Vorbehalte, Bedingungen, Einschränkungen oder das Bedürfnis nach Erklärungen.“

Genau dieses uneingeschränkte Hier-sein vermisst Sam. In seinem Leben, in seiner Familie. Sam ist der älteste Sohn von Jacob und Julia und bereitet sich auf seine Bar Mitzwa vor. Jacob und Julia sind seit zwanzig Jahren verheiratet, haben drei Söhne und sind Anfang vierzig. In Ihrer Ehe verstehen sie sich zwar blendend, doch ist ihr Liebesleben zerrüttet und es wird heikel, als Julia ein Geheimhandy von Jacob findet, auf dem sie eine pikante Konversation von Jacob mit einer Unbekannten lesen kann. Für die Bar Mitzwa reist auch die jüdische Verwandtschaft aus Israel nach Amerika. Gerade in Amerika angekommen erschüttert eine Naturkatastrophe den Nahen Osten, die den Fortbestand Israels in Frage stellt.

Doch zuerst geht es um Jacob und Julia. Sehr einfühlsam beschreibt Foer die Nähe der Ehepartner aus der Sicht von Jacob. Die Nähe, das Kennenlernen und das allmähliche Erlahmen der sexuellen Spannung, das Aufreiben im Alltag:

„So viele Tage, ihres gemeinsamen Lebens. So viele Erfahrungen. Wie hatten sie es geschafft, sich die letzten sechzehn Jahre hindurch voneinander zu entfremden? Wie hatte aus all der Anwesenheit Abwesenheit werden können?“

Jacob und Julia verstehen sich immer noch gut. Sie haben eine Art der Konversation gefunden, bei der mich Foer anfangs wirklich gefordert hat beim Lesen. Sehr rasant und immer um zwei Ecken weiter. Sehr vertraut, sehr nahe, aber im Grunde doch Lichtjahre entfernt. Sex findet nicht mehr statt, die Kindererziehung ist im Good Cop, Bad Cop erstarrt. In Erinnerung an ihre Hochzeit bringt es Julia auf den Punkt, können solche Gemeinsamkeiten, solch eine Nähe erhalten bleiben? Die Tradition, eine Glühbirne bei der Trauung zu zertreten, wird zur Allegorie der Ehe:

„Also manche Leute meinen, er solle uns an all die Zerstörungen erinnern, die die Voraussetzung unserer größten Glücksmomente sind. Manche Leute halten es für ein Gebet: Lass uns glücklich sein, bis sich die Scherben der Glühbirne wieder zusammengesetzt haben. Manche halten es für ein Symbol der Zerbrechlichkeit. Aber die naheliegendste Interpretation habe ich nie gehört: So sind wir. Wir sind brüchige Individuen, die in einer brüchigen Welt eine brüchige Verbindung eingehen.“

Auch der offensichtliche Ehebruch, der zu Tage tritt, als Julia das Handy mit der sexuellen Konversation findet, dient nicht zum Dampf ablassen, es bleibt gesittet, Teller werden nicht geworfen, es ist nur ein weiterer logischer Schritt zum Abgrund. In weiteren Kapiteln kommen die Kinder zu Wort. Sam als Ältester hadert mit seiner nicht gewollten Bar Mitzwa, Max, der Mittlere, weiß nicht, wohin er sich wenden soll, zum Älteren oder zu Benji, dem Jüngeren, der schon sehr altklug wirkt und der Situation und seinen Eltern durch seinen kindlichen Blick eine andere Sichtweise vermittelt.

Eingebunden ist dieser Mikrokosmos in Washington D. C., in die große Welt, die aber bei näherer Betrachtung auch nicht anders abläuft als der Ehealltag. Da ist der Großvater von Jacob, der ins Altersheim soll, aber nicht will und dann kurz vorher stirbt. Die Verwandten aus Israel reisen an. Auch hier war Nähe da, ist aber wieder verschwunden. Bei der wirklich wunderschönen Grabrede des Rabbiners bringt es dieser auf den Punkt.

„Jemandem nahe zu sein, ist leicht, jemandem nahe zu bleiben aber fast unmöglich. […] Nähe kann man nur auf eine Weise erhalten; indem man festhält, was einem nahe sein soll. Damit kämpft. Es zu Boden ringt wie Jakob den Engel und sich weigert, loszulassen. Liebe ist nicht die Abwesenheit von Ringen. Liebe ist Ringen.“

Foer lässt den Nahen Osten noch sein Armageddon erleben, doch im Grunde ringen hier seine Hauptfiguren um Nähe um das Beieinandersein. Interessantes erfahren wir noch über jüdische und amerikanische Juden. Der verzweifelte Versuch, die Welt zu verstehen, wird nur noch überschattet von dem Versuch, den Anderen zu verstehen. Doch im Endeffekt heißt es ‚Hier bin ich – und kann nicht anders‘ wie Thursdaynext in Ihrem wunderschönen Beitrag schrieb. Dieses Verständnis ist im Grunde der Schlüssel:

„Wir ziehen nicht weg.
Dachte ich mir schon.
Wir hatten es vor. Rivka war fast so weit. Aber jetzt ist die Sache vom Tisch.
Was hat sich verändert?
Alles. Nichts.
Verstehe.
Wir sind nun mal, wer wir sind. Dieses Eingeständnis stellt die Veränderung dar.
Daran arbeite ich auch.“

Jonathan Safran Foer hat einen großen, unterhaltsamen, rasanten und sehr jüdischen Roman geschrieben. Der Leser wird wechselseitig im Mikro- und Makrokosmos hin- und her geschüttelt und muss aufpassen, den Faden nicht zu verlieren. Foer packt so viele Themen in sein Buch, dass es fast platzt. Teilweise konnte ich mich nicht mehr losreißen von diesem Buch, so manches Mal musste ich niederknien vor Foer, manches Mal hat mich die bis in die Spitze geschilderte Unentschlossenheit und Diskussionsbereitschaft in den Wahnsinn getrieben. Ein großartiger Roman mit klarer Leseempfehlung.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 10. November 2016
  • Verlag : Kiepenheuer & Witsch
  • ISBN: 978-3-462-04877-3
  • Gebunden: 720 Seiten
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