Mädchenhimmel

MŠdchenhimmel_CoverIn der Naziherrschaft sind nicht nur 6 Millionen Juden und Andersdenkende grausam und kaltblütig umgebracht worden. Gestorben ist auch die sehr lebendige jüdische Kultur. Anke Heimberg hat die Aufgabe übernommen, Gedichte und Texte der unbekannten jüdischen Künstlerin Lili Grün neu aufzulegen.

Lili Grün wurde 1904 in Wien geboren und 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinec in Weißrussland ermordet. Sie lebte abwechselnd in Wien und Berlin, arbeitete als Schauspielerin und verkaufte Gedichte und Texte an Zeitungen. Geblieben sind auch 2 Romane von ihr, die im Aviva-Verlag in Berlin neu aufgelegt wurden.

Ihr Werk wäre sicher unentdeckt geblieben, hätte die bekannte österreichische Schriftstellerin Hilde Spiel den Namen Lili Grün nicht in ihrer Retrospektive der Nazizeit erwähnt. Die auf ein rasches Vergessen drängende Nachkriegszeit hat etliche Künstler in die Vergessenheit gedrückt, Lili Grün zum Glück nicht.

Die hier vorliegenden Gedichte und Texte zeigen eine lebendige und auch sehr persönliche Sicht der jungen Dame, meist auf die Liebe und die Schwierigkeit als ‚Fräulein‚ in der Männerwelt ihren Stand zu finden. Die Gedichte, die teils auch vertont wurden, sind Zeitzeugen der 20er, 30er Jahre, die von der weltweiten Weltwirtschaftskrise geprägt sind, doch meist klingt Sehnsucht nach einem besseren Leben durch die Zeilen:

Wir müssen den ganzen Tag tippen.
Mit brennenden Augen und schmerzenden Rücken
Bestätigen wir ihr Wertes vom Soundsovielten,
Das wir mit bestem Dank erhalten
Wir haben nur eine Sehnsucht: auszurasten.
Von der Tages ewigem Läuten und Hasten,
Denn unser armes Hirn ist müd und leer
Wir haben keine bessere Sehnsucht mehr.
Unsere großen, mutigen Gedanken
Sind gestorben in des Alltags Schranken
Unser Herzen große Zärtlichkeit
Ist gestorben in des Alltags Leid

 

Lili Grüns Gedichte zeigen auch in Ihrer Zeit, eine frühe Art des fraulichen Selbstbewusstseins. Frau lässt sich hier nicht alles gefallen, zwar braucht es für die Liebe einen Mann, dieser wird aber auch recht kritisch gesehen. So schwankt die junge Frau zwischen Selbstbehauptung und der Suche nach dem Prinzen.

Die Liebe ist auch das Hauptthema der den Gedichten folgenden kurzen Texte. Hier wird die überall herrschende Arbeitslosigkeit mit eingeflochten, so dass ein stimmiges Bild der damaligen Zeit vor dem geistigen Auge entsteht. Es sind die einfachen Menschen, die Lili Grün beschreibt, deren Sorgen und Nöte, das Liebesleid der jungen Frau, die Morgens nach einer durchzechten Nacht neben einem Unbekannten aufwacht:

„Wenn sie heute wenigstens einen richtigen moralischen Kater hätte, damit ein wenig Abwechslung in die Geschichte gekommen wäre, aber nein, in ihrer Kehle waren bloß die alten Tränen vom monatelangen Alleinsein. Mädchen, die schrecklich allein sind, sollten nicht küssen. Die glauben doch dann immer gleich, dass sie den Betreffenden auch liebhaben.“

Abgerundet wird das Buch durch ein Nachwort von Anke Heimberg, in dem sie auf das Leben von Lili Grün eingeht. (Eine Biografie von Lili Grün ist von Frau Heimberg in Arbeit) Anke Heimberg erklärt und ordnet die Texte chronologisch ein, wobei mir die Erklärungen manches mal zu viel werden. Was ein Bureau, Kanapee oder der Ausdruck verknautscht bedeutet, weiß ich und bestimmt der geneigte Leser dieses Buches. Dadurch wirkt der, durchaus sinnvolle Kommentar, etwas oberlehrerhaft.

Das sollte aber niemanden davon abhalten, sich mit Lili Grün in die 30er Jahre zu begeben. Ein wunderschönes, sprachlich ausgereiftes Buch, welches mich durch seine natürlichen und frischen Texte fesseln konnte. Mädchenhimmel gewann 2014 den Melusine-Huss-Preis und stand 2014 auf der Hotlist der zehn besten Indiebücher.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe: 30. Juni 2015
  • Verlag : Aviva
  • ISBN: 978-3-932338-58-8
  • Gebunden: 192 Seiten
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