Sozusagen Liebe

Kermani_25276_BS_MR.inddLiebe.

Was für ein mächtiges Wort! Liebe ist mit Schmerzen und Leid, mit Aufregung, Kribbeln, ‚Flugzeugen im Bauch‘ verbunden. Ein Gefühl, das Königreiche zum Wanken bringt, ein Gefühl welches so egoistisch aber auch so rein sein kann. Ein Gefühl zum nicht-ertragen, aber ohne geht es auch nicht. Liebe wird gesucht und dann so oft verflucht, wenn sie gefunden wird. Die Literatur hat sich gerade mit diesem Thema wohl am meisten auseinander gesetzt.

So auch in diesem Buch. Der von mir sehr geschätzte Autor Navid Kermani nimmt einen Abend als Grundlage für ein Kammerspiel, um über die Liebe nachzudenken. Nur zwei Personen sind Akteure, ein Mann und eine Frau. Eine Grundlage, die für Monumentalwerke von monströsem Umfang reicht. Kermani hat nur 288 Seiten, die es aber in sich haben. Was das Buch von anderen abhebt, ist sein Rahmen, sein Humor, sich und das Thema nicht ganz ernst zu nehmen und die geschliffene, opulente, ausschweifende und treffende Sprache von Kermani. Ich habe noch nie ein Buch von ihm in die Hand genommen und mich gelangweilt.

Der Rahmen ist schnell erzählt. Der Ich-Erzähler, ein Mann in den besten Jahren, frisch geschieden, ein etwas eitler Schriftsteller, kommt zu einer Lesung in die Provinz. Dort lebt eine verflossene Jugendliebe von ihm, die plötzlich auf der Lesung auftaucht und von der er nicht viel weiß. Über sie hat er in seinem Buch geschrieben und vielleicht könnte er ein Wochenende in Paris mit ihr organisieren, sie aus der Provinz entführen. Doch es kommt ganz anders. Jutta, die so nicht heißt, er nennt sie aber so, ist Bürgermeisterin des Ortes, mit einem Arzt verheiratet und hat 3 Kinder. Eine Frau von Welt. Paris funktioniert nicht ganz. Nur sozusagen.

Sie lädt ihn zu sich nach Hause ein, zu einem unverbindlichen Glas Wein. Dort angekommen, bemerkt er die vielen Bücher von französischen Schriftstellern in ihrem Regal, was ihn veranlasst, während des Gespräches immer wieder in diese Werke, gedanklich, zu versinken. Das Gesprächsthema ist – die Liebe, was sonst. Die Vergangenheit, was wäre wenn, das eigene Glück und Unglück und – was ist Liebe.

„Die Liebe besteht wahrscheinlich darin, dass der andere nach und nach das Bild ersetzt, in das man sich verliebt hat. […] Also, dass der andere mit seiner eigenen Wirklichkeit, als reale Person, im Laufe der Jahre die Projektion überdeckt, die man sich am Anfang von ihm gemacht hat.“

Nun kommt, was das Buch so besonders macht, was es von anderen Büchern über das Thema unterscheidet, der Ich-Erzähler, etwas enttäuscht ob seiner geplatzten Träume, Jutta, die nicht so heißt, aus ihrem Provinzkaff zu erretten, denkt über imaginäre Gespräche mit seinem Verleger nach, da er die Begegnung in ein Buch bannen will. Denkt darüber nach, was dieser davon hält, wenn er nicht schreibt, dass er den ganzen Abend nicht auf Toilette war, denkt darüber nach, was der Leser von seinem noch nicht geschriebenen Buch hält.

„Womöglich stört sich der Leser an den Zitaten, die in die Handlung eingestreut sind, findet sie überflüssig, bildungsbeflissen oder poetologisch falsch, da ich von meinem Platz auf dem Sofa zwar auf das Regal blicke, aber in Wirklichkeit natürlich nicht alle paar Minuten aufstehe, um Jutta aus einem Buch vorzulesen. Es ist ja entblödend, nach dem vorherigen Buch jetzt auch noch den Roman zu verteidigen, den ich schreiben werde, erst recht nach der Ankündigung, dass sich die Verweise auf die französische Literatur von selbst erklären würden. Aber sind Romanschreiber nicht alle irgendwie Liebende, die sich – und sei es postum – nach dir, Leser verzehren, und gehört nicht die Narrheit zur Liebe hinzu?“

Kermani verlässt die Ebene des Abends um, ja, um die Gedanken zur Liebe zu entspannen, zu groß und mächtig wird dieser Begriff zuweilen, ein Begriff den jeder Mensch anders interpretiert. Er spielt mit den Ebenen wie Bri in ihrem Beitrag treffend bemerkt. Juttas Berichte über ihre Ehe sind manchmal recht profan, eine Allerweltsehe mit Allerweltsproblemen, der Alltag frisst das Gefühl.

„Ja, klar, deshalb hat unsere Ehe ja bis heute gehalten: So richtig viel konnte ich ihm objektiv nie vorwerfen. Manchmal hätte ich mir fast gewünscht, dass ich aufgewacht wäre und hätte ein Monster neben mir vorgefunden. Dann hätte ich einfach gehen können. Aber da war ein Monster, das war eigentlich genau der gute Typ. Aber aufgewacht bin ich dennoch neben ihm.“

Kermani geht mit dem Leser auf eine Rundreise durch die französische Literatur – und zwar nur über sie – und würzt seine Novelle, sein Essay mit Zitaten aus diesen Werken. Er verknüpft dieses oft mit dem Gespräch mit Jutta, mit ihren Schilderungen, mit seinen Gedanken.

„Im Grunde genommen schildern alle vormodernen Liebesgeschichten das Begehren, nicht die Vereinigung selbst, schon gar nicht das Zusammenleben zweier Liebender, ihre Ehe, ihr Altwerden Seit an Seit. Im Drama sterben die Liebenden, bevor sie sich finden, und das Märchen hört dort auf, wo sie sich gefunden haben – und nur weil sie nicht gestorben sind, leben sie noch heut. Erst mit der bürgerlichen Ehe beginnt die Literatur, Liebe als ein langjähriges Verhältnis zu schildern.“

Es ist eine wunderschöne Reise, in der ich oft an meine eigenen Gefühle, an meine Erfahrungen, Erlebnisse  gedacht habe, an Momente wie diese, die ich auch oder so ähnlich erleben durfte:

„… ist die mit Abstand zärtlichste Szene der gesamten Recherche diejenige, in der Albertine schläft: ‚Ich habe bezaubernde Abend mit Albertine verbracht, wenn wir plauderten oder wenn wir spielten, aber niemals so süße, wie wenn ich ihrem Schlaf zuschaute.'“

Natürlich dürfen auch die frustrierenden Gedanken nicht fehlen, das Festhaltenwollen eines Gefühls, was sich nur so unendlich weit ausbreiten kann, wenn man es loslässt.

„In dem Augenblick, da sie sich erfüllt, schwächt sie sich bereits ab, so unbewusst vorläufig auch immer – nein, sie vergeht nicht zwingend, im Gegenteil, im besten, aber leider auch seltenen Fall kann sie abgekühlt fester und beständiger werden -, weil sie um das Moment des Unvorstellbaren, des Ungreifbaren, des Unerreichbaren gebracht ist, in gewisser Weise und ihre Transzendenz.“

Kermani hat mich in seinem wunderbaren Buch zum Träumen, Nachdenken, Lachen und Weinen gebracht. Gerade durch den engen Rahmen den er hier gesetzt hat, ein Mann, eine Frau, ein Abend hat er sich auf das Thema Liebe vollends fokussiert. Was nicht fehlen darf ist der Humor, auch und gerade bei einem so mächtigen Gefühl. Für diesen Kniff der Selbstironie liebe ich ihn und dieses Buch.

Was will er uns sagen, fragte Bri in ihrem Beitrag zu diesem Buch. Muss ein Buch immer eine Aussage haben? Gute Bücher sollen meine Gedanken anregen, mir Spaß machen, mich zum weiterlesen verführen, mich unterhalten und mich an sie noch nach Wochen und Monaten zurück erinnern lassen.  Das alles hat Kermani geschafft. Ein absolutes Buchhighlight 2016 für mich.

Noch schöner, als ich es jemals könnte, hat es Letteratura in ihrem Blog beschrieben.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 26. September 2016
  • Verlag : Carl Hanser
  • ISBN: 978-3-446-25276-9
  • Gebunden: 288 Seiten
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