Das Leben ist politisch

hardy-kruegerEigentlich sollte heute hier ein Kriminalroman vorgestellt werden, um ein wenig gute Unterhaltung zu bieten. Die Weltlage und das aktuelle Datum aber haben mich meinen Plan kurzfristig ändern lassen. Durchatmen ist angesagt, kühlen Kopf bewahren. Die Scherben zusammen fegen, die Schultern straffen und der Aufgabe, die auf uns alle zukommt entschlossen entgegen zu sehen.

Oft habe ich mich schon gefragt: „Was hättest Du getan, in den schrecklichen Jahren der Naziherrschaft in Deutschland?“ Oft habe ich mich antworten hören: „Ehrlich? Ich weiß es nicht. Ich hoffe, ich hätte mutig gehandelt, aber hätte ich Familie gehabt, kann es sein, dass ich einfach meiner Angst nachgegeben hätte“. Durch die Zeitläufte und meine Lektüre in der letzten Zeit allerdings hat sich die Antwort deutlich geändert und fällt so aus: „Ja, ich würde Möglichkeiten suchen, denen zu helfen, die Hilfe brauchen. Ja, ich würde mich gegen aufkommendes Unrecht stellen. Auch auf die Gefahr hin, selbst Schaden zu leiden, denn was hat eine Welt in Angst für einen Sinn? Keinen. Und schon gar nicht für meinen Sohn – egal ob mit mir oder ohne mich. Ich möchte nicht gefragt werden, warum ich still war, weshalb ich nichts tat, mich schuldig habe machen lassen.“

„Wir müssen unschuldig bleiben“das ist der Schlüsselsatz, den der Aldolf-Hitler-Schüler Eberhard (der sich später selbst Hardy nennen wird) Krüger von einem großen Schauspieler und später sehr gutem Freund hört. Hans Söhnker ist es, der dem 1928 geborenen Hardy Krüger, den viele Menschen meiner Generation vielleicht gar nicht mehr kennen, die Augen öffnet für die Machenschaften des Nazi-Regimes, der in ihm eine innere Wandlung anwirft, die Krüger im zarten Alter von 15 Jahren zu einem Doppelleben zwingt. Krügers Eltern waren – und das kann man wohl getrost so nennen – treue Gefolgsleute Adolf Hitlers. Der Vater, Parteimitglied der NSDAP, steckt seinen Stammhalter schon früh in das „Ehrenkleid“ des Regimes, so früh, dass der kleine Eberhard es ganz selbstverständlich trug. Mit 10 Jahren musste er zum Jungvolk, wie alle anderen auch. Mit 13 Jahren kommt er in die Adolf-Hitler-Schule Sonthofen, wo gezielt „Material“ für den Krieg herangezogen wird.

Schon bei der Auswahl muss er einiges über sich ergehen lassen, was er als merkwürdig empfindet, aber er vertraut der Menschenkenntnis seiner Eltern. Wäre es falsch, was auf das Geheiß Adolf Hitlers mit den jungen Menschen hier passiert, würden sie ihn sicher nicht dorthin schicken. Die Wendung in seinem Leben beginnt, als er beim Dreh des Filmes „Junge Adler“ Albert (Abbi) Florath trifft und dieser ihm, nach Drehschluss Filme vorführen lässt, die verboten sind. Verboten, weil sie von Juden geschaffen wurden oder anderweitig nicht in das menschenverachtende Konzept passen, das die Regierung etabliert hat. Dem 15 Jähringen will nicht in den Kopf, was an diesen Filmen schlecht sein soll und so weiß Florath schon bald, dass er dem Jungen vertrauen kann.

Bald danach tritt Hans Söhnker in Krügers Leben. Krüger ist glücklich und beginnt zu begreifen, was falsch ist, am Glauben seiner Eltern. Um jedoch die neuen Freunde und deren Unternehmungen, die manch einem Menschen das Leben retten, nicht zu gefährden, spricht er mit niemanden über seine Wandlung und kehrt sogar nach den abgeschlossenen Dreharbeiten zurück in die Ordensburg. Was ihm sichtlich schwer fällt …

Hardy Krüger war für mich immer ein Mensch, der das was er tut aus Überzeugung tut. Dass er nicht nur einmal – und das schon in jungen Jahren – dem Tod knapp entronnen ist, war mir nicht bewußt. Jahrgang 28, 16jährig, wurde auch er als Kanonenfutter eingesetzt. Ganz ehrlich und frei spricht er in seinem eben erschienenen Buch „Was das Leben sich erlaubt“ davon, wie er aufwuchs, was ihm sagte, dass er besser Hans Söhnker glauben sollte, als seinen eigenen Eltern und wie das alles sein weiteres Leben bis heute beeinflusst. Denn obwohl er bereits 88 Jahre alt ist, ist er unermüdlich unterwegs, um zu verhindern, dass solch ein Regime wieder an die Macht kommt. Er ist in der Welt zu Hause und sorgt sich auch noch im hohen Alter darum, wie diese in Zukunft aussehen wird.

Der autobiographische Text, der intuitiv Erinnerungen erstehen lässt – meist chronologisch, doch auch manchmal assoziativ – wird durch von Peter Käfferlein und Olaf Köhne zusammengestellte historische Fakten wunderbar ergänzt. Sicherlich kein literarisch – avantgardistischer Text, aber ein wichtiger und hoch zu schätzender Beitrag, der ganz klar zeigt, was uns ausmacht. Albus Dumbledore würde sagen: Es sind unsere Entscheidungen, nicht unsere Fähigkeiten, die uns ausmachen. Ich sage: Danke Hardy Krüger für Ihren Mut, Ihre Entscheidungen und Ihre Unermüdlichkeit, uns alle daran zu erinnern, dass wir es sind, die unsere Zukunft gestalten. Jeder einzelne von uns.

Es darf nicht sein, dass sich die Todesnähe meiner frühen Jahre für die junge Generation wiederholt. Und so fahre ich durchs Land. Gehe zu Gymnasiasten in die Schulen. Sage ihnen, dass sie nicht schweigen dürfen zu den verbrecherischen Thesen von gefährlich rechts und ganz weit links. Dass sie zur Wahl gehen müssen, wenn sie dazu aufgerufen sind. Sage ihnen das und noch viel mehr. Weil es schlussendlich das Leben dieser jungen Menschen ist. Deren Zukunft. Unser Land.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 14. Oktober 2016
  • Verlag : Hoffmann und Campe
  • ISBN: 978-3-455-50397-5
  • Gebunden: 224 Seiten
Advertisements

8 Gedanken zu “Das Leben ist politisch

  1. Liebe Bri,
    eine tolle, engagierte Buchbesprechung, die einen ganz wichtigen Apell mitbeinhaltet. Bravo! Und ja, Hardy Krüger hat Vorbildfunktion – das ist mir jetzt durch Deine Rezension nochmals deutlicher geworden. Was es bedeutet, sich als junger Mensch so von den Glaubenssätzen, die einem vorgelebt werden, zu lösen – dazu gehört auch persönliche Stärke.
    Ich glaube, das mit dem Kanonenfutter war mir präsent – er hat ja in dem Film „Die Brücke von Arnheim“ mitgespielt, in dem Zusammenhang habe ich darüber gelesen, dass er eben als ganz junger Mann, ja eigentlich als Junge, eben auch als Soldat noch herhalten musste und wie sehr ihn das geprägt hat in seinen Ansichten gegen den Krieg.
    Danke Dir!
    Birgit

    Gefällt 1 Person

  2. Ich habe zwar schon von Hardy Krüger gehört (ist schon länger her), aber über diese Hintergründe wusste ich nichts. Seltsam, daß solche Details kaum oder meistens erst nach dem Tod bekannt werden.

    Nachdenkliche Grüße.

    Gefällt 1 Person

      • Ja, das stimmt. Er ist halt ein Jahr jünger als mein Vater und ich meine, dass bei uns zuhause dann zwar die Sprache drauf kam, dass er ein Adolf-Hitler-Schüler war, aber nie etwas darüber, dass er sich innerlich davon abgewandt hat. Das hat mir wieder einmal gezeigt, dass es auch wichtig war, dass Menschen geblieben sind, trotz der Gefahr und anderen geholfen haben. Da muss man klug vorgehen. Und das haben sie getan.

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s