Graue Tage

Agraue-tagen grauen Tagen wünscht man sich eine aufmunternde, strahlende Lektüre, die ein wenig Wärme in den eher nebligen (Lese-)Alltag bringt. Da das Buch der ersten Wahl (hier bereits eine begeisterte Rezension auf Buch-Haltung dazu) zwar brilliant geschrieben, aber ein richtiger Wälzer und damit für die S-Bahn denkbar ungeeignet ist, griff ich nach leichterem Lesestoff. Inhaltlich, wie auch gewichtsmäßig. Aber leider haben Cover und Klappentext mich auf eine Fährte geführt, die im Nebel verschwand …

Paris, die Stadt, die für mich am ehesten mit meiner Wahlheimat Berlin zu vergleichen ist, ist Ort der Handlung. Wer da nicht gleich bei einem alten Wohnhaus inmitten dieser wunderbaren Stadt ein gewisses Bild vor Augen hat, war noch nicht im Herzen Frankreichs oder konnte keinen Bezug dazu aufbauen. Kann passieren, ist nicht schlimm, für mich aber undenkbar. Das alte Wohnhaus, in dem Max gemeinsame mit Raphael in einer WG lebt, in die Louise – die ambitionierte junge Tänzerin mit großer Liebe zu Rita Hayworth – bald mit einzieht und in dem Cécile, die brillante Professorin, seit Jahren wohnt, zieht den Leser magisch an. Wähnt er doch etwas zu finden, was an Anna Gavaldas Zusammen ist man weniger alleine erinnert. In Teilen ist das auch so: Sowohl bei Gavalda auch als bei Sophie Bassignac leben die unterschiedlichsten, teilweise auch sehr schräg gestrickten Charaktere auf engem Raum zusammen. Findet man bei Gavalda liebenswürdige Macken, ausgereifte, sich entwickelnde Figuren, so ist es Sophie Bassignac in ihrem Roman Das Leben ist zu bunt für graue Tage nicht gelungen, die Figuren auszuformulieren.

Die beiden jungen Männer, die in ihrer WG leben bleiben trotz ihrer Schrullen eher blass. Der eine ist hochgradig kreativ, aber auch unberechenbar aufgrund seines Drogenkonsums, der andere zieht sich zurück, verfällt in stundenlangen Mutismus. Zwei Pole, die nur deshalb miteinander auskommen mögen, weil sie seit ihrer Geburt quasi untrennbar verbunden sind. Cousins sind sie – gemeinsam aufgewachsen bei Zwillingsschwestern, die den Jungen nicht gerade eine glückliche Kindheit bescheren konnten. Louise, die junge Frau, die das Duo zu einem Trio komplettieren soll, träumt einen Traum, der viel mit Vergangenem zu tun hat.

Hastig komponiert scheint mir der Roman, viele Bilder, die sich in einem Film gut machen wurden reihen sich zu einer nicht ganz zusammenhängenden Geschichte für mich lose aneinander. Die einzelnen Personen kommen in Kontakt zueinander, aber nicht der Leser mit ihnen. Es mag sein, dass dabei – mal wieder – eine Erwartungshaltung im Spiel ist, die dem Roman Ungerechtigkeit widerfahren lässt, aber das Lesen an und für sich ist eine subjektive Sache und subjektiv gesehen, habe ich ab circa der Hälfte leider nur noch quer gelesen. Ich gebe es zu: Mir ist dadurch sicherlich einiges entgangen, was den Roman verfeinert, die Handlungen der Personen glaubhaft gemacht hätte, doch war mir mein Leseleben zu bunt für diese Geschichte. Sicherlich war es auch nicht förderlich, nebenher den großartigen Erstling von Nathan Hill zu lesen – denn ein Vergleich der beiden Bücher ist ungerecht. Und doch habe ich verglichen.

Sophie Bassignacs Roman wird seine Leser trotzdem finden, da bin ich mir sicher – und ich wünsche es ihm. Mir jedoch war er zu unausgegoren, seine Figuren mit zu wenig Liebe zu ihnen formuliert, der Fokus zu sehr auf die Verschrobenheiten gesetzt, als dass er mir ein wohliges Gefühl vermittelt hätte, wie es das Cover suggeriert und wie es Anna Gavaldas Zusammen ist man weniger allein vermochte, ganz subjektiv gesehen.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 17. September 2016
  • Verlag: Hoffmann und Campe / Atlantik Belletristik
  • ISBN: 978-3-455-60040-7
  • Gebunden: 208 Seiten
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