Reine Fiktion?

broken-hillNicholas Shakespeare ist Brite, wuchs in Asien und Lateinamerika auf und lebt mittlerweile sowohl in England als auch in Tasmanien. Die Inspiration für seine Romane findet er meist in historischen Tatsachen. So auch im Fall von Broken Hill, seinem neuesten Versuch, einem verbrieften Ereignis auf die Spur zu kommen. Dass fast alles an diesem schmalen Roman fiktiv ist, schadet dem Unternehmen in keinster Weise, zeigt Shakespeare doch in seiner Variation der Vorkommnisse des Neujahrstages 1915 grundsätzliches auf.

Wie an jedem Neujahrstag macht sich ein mit vielen Menschen besetzter Zug aus Broken Hill auf, um seine Passagiere zum traditionellen Neujahrspicknick zu bringen. Es ist heiß, die Picknick-Gesellschaft setzt sich aus den Bewohnern Broken Hills zusammen. Broken Hill ist eine Bergarbeiterstadt, die, zwar im fernen Australien gelegen, vom in Europa ausgebrochenen großen ersten Krieg betroffen ist. Die großen Erzvorkommen sind der Grundstock für die preußische Munitionsproduktion. Oder besser waren es. Denn die Australier stehen nicht als Verbündete der Deutschen im Krieg.

Etwas abseits von Broken HIll hat sich eine Ansiedlung afghanischer Kameltreiber gegründet. Ghantown wird sie genannt. Abseits liegt sie sicherlich auch wegen des Geruchs, den die Tiere nun einmal verbreiten, der einzige Grund für die unfreiwillige Abkapselung aber ist er nicht. Die Afghanen, die mit ihren Kamelen in der Wüste wichtige Arbeitskräfte sind, erscheinen aufgrund ihres Glaubens und Aussehens anders. Die Kinder von Broken Hill sind jederzeit willkommen – wie auch alle anderen Einwohner – und nutzen diese Offenheit und Gastfreundschaft. Diese aber wird von den Australiern nicht erwidert.

Die Ansiedlung existierte seit 1890 und wurde von einer Minderheit in Broken Hill abgelehnt, die ihr den Spitznamen «Ghantown» gegeben hatte. Ihre Vorurteile fanden ein Sprachrohr im ehemaligen Herausgeber des Barrier Miner, Ralph Axtell, der seit einigen Jahren in Melbourne lebte, aber vor zwei Wochen nach Broken Hill zurückgekehrt war, um eine kranke Cousine zu besuchen. […] Der untersetzte Sozialist mit hoher Stirn und einem furchsrotem Schnauzbart verwandelte sich auf der Bühne in einen feurigen Redner. Axtell war ein geschickter Agitator gegen Afghanen und anderes «Türkenvolk», wie er sie nannte. Seine aufwiegelnde Rede war eine Zusammenstellung seiner alten Parolen und darauf aus, die anti-türkische Stimmung anzufachen, die seit dem Ausbruch des Kriegs wiederaufgeflammt war. Die Zielscheibe seines Spotts war der stolz sich aufblasende deutsche Kaiser, aber Axtell ging noch weiter und bezog auch den osmanischen Sultan und Kalifen Mehmet V. mit ein, der in diesem Sommer einen Vertrag mit den Deutschen unterzeichnet hatte; ebenso alle Muslime, die den Sultan als ihren Herrscher betrachteten; und zuletzt nahm er diejenigen ins Visier, die am Ende der Straße wohnten, «in dem stinkenden Pfuhl namens Ghantown.»

Ein Mann, der nicht mehr am Ort lebt, nur auf Besuch ist, schafft es, die Menschen, die in einer Ansiedlung am Ort leben, sich in den letzten Jahrzehnten dort nichts zu Schulden haben kommen lassen, außer anderer Herkunft, anderer Hautfarbe und anderen Glaubens zu sein, an einem Abend vollends zu diskreditieren. Als einer der jungen afghanischen Männer, der sein Geld als Eisverkäufer verdient, zum Weihnachtsball erscheint, wird er brutal hinauskomplimentiert. Wieder einmal gedemütigt, wächst in Gül Mehmet ein Zorn, der schlussendlich in einem verrückten Plan mündet, den er gemeinsam mit dem in der afghanischen Siedlung als Metzger tätigen Molla Abdullah umsetzen wird.

Abgrenzung, Demütigung, Verachtung gegenüber anders lebenden Menschen – das sind die Gründe, die Nicholas Shakespeare gekonnt unprätentiös und fast kühl berichtend als Auslöser für den Angriff zweiter bewaffneter Männer auf einen Zug voller Ausflügler ins Feld führt. Ruhig, fast stoisch entwickelt er die Geschichte einer Rache, die die falschen Menschen trifft. Und noch dazu von weit entfernten Kriegstreibern geschickt medial umgemünzt wird. Nachprüfbarkeit der Tatsachen war ja kaum gegeben. Und noch heute weiß man nichts, über die wahren Gründe für die Tat der beiden Afghanen namens Gül Mehmet und Mulla Abdullah – den beiden echten Figuren des Romanes.

Echt allerdings ist der Ausschnitt aus einer deutschen Zeitung, den Nicholas Shakespeare am Ende seiner Erzählung einarbeitet:

Wochen später schlägt der Direktor der Berzelius Bleihütte im sächsischen Freiberg die Leipziger Volkszeitung  auf und liest:

Mit Freuden vermelden wir einen Erfolg unserer Truppen in Broken Hill, einer Hafenstadt an der australischen Westküste. Einheiten nahmen australische Soldaten unter Feuer, die mit dem Zug auf dem Weg zur Front waren. Die Verluste des Feindes betrugen 40 Tote und 70 Verwundete. Auf unserer Seite fielen zwei Türken. Die Eroberung von Broken Hill öffnet den Weg nach Canberra, der stark befestigten Hauptstadt Australiens.

Tatsächlich starben bei den Ereignissen am Neujahrstag 1915 vier Menschen, allesamt Zivilisten. Nicholas Shakespeare betont den fiktiven Charakter seiner Erzählung in seiner Danksagung. Der Satz: „Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder Ereignissen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt“, den Shakespeare nicht nutzt, erfährt hier eine ganz neue Deutung und das Buch eine uneingeschränkte Leseempfehlung.

Dank an Constanze von Zeichen&Zeiten für den Tipp und an den Verlag für die Bereitstellung des Exemplars.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 16. April 2016
  • Verlag : Hoffmann und Campe
  • ISBN: 978-3-455-40544-6
  • Gebunden: 128 Seiten

 

 

 

 

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