Der Dritte Mann anno 2016

Warum sollte man ein Spionagebuch über das winzige unbedeutende Land Österreich lesen? Das ist leicht erklärt, denn in Wien und Salzburg spielt es sich agentenmäßig noch immer ab wie zu den goldenen Zeiten, hinter vorgehaltener Hand witzeln die Agenten vom Selbstbedienungsladen Österreich. Fast alle Geheimdienste operieren hier mit intensivstem Engagement, und wir reden hier nicht nur von den Big Playern USA, Russland, Großbritannien und China sondern auch von allen arabischen Staaten, Serbien, Kasachstan, Ukraine … und bitte nicht zu vergessen selbstverständlich auch vom BND. Warum dies so ist, kann auch leicht erklärt werden – da wären erstens mal historische Gründe – Wien als Drehscheibe und Transit zwischen Ost und West, Zentraleuropa und Balkan – schon seit ewigen Zeiten die Hauptstadt eines neutralen Staates, zweitens der Sitz wichtiger Institutionen wie OPEC, UNO etc., die es lohnen, ordentlich zu schnüffeln, drittens die atemberaubende Inkompetenz der klassischen österreichischen Polizei und die laissez-fair Mentalität der zwar sehr professionellen aber „neutral“ agierenden drei österreichischen Geheimdienste, viertens die österreichische gemütliche Mentalität, sich über nichts wirklich großartig aufzuregen, mit dem Hang zur atemberaubenden Korruption und fünftens die ausgezeichnete Lebensqualität in Wien – welcher Spion will nicht gerne in der lebenswertesten Stadt der Welt (lt. Mercer Studie) einen Job haben.

Wer nun eine Räuberpistole mit Verschwörungsschwurbelcharakter erwartet, wird vom Autor gleich zu Beginn eines Besseren belehrt – das Buch stellt ganz sachlich klar:

„Nach außen hin könnte man die meisten von ihnen (Spione) für stinknormale Unternehmensberater halten – was sie bis zu einem gewissen Grad ja auch sind.“

In rasanter Weise werden dann bestimmte Themen angeteasert und ein paar Hintergründe aufgedeckt: z.B. der Spionagealltag, ein paar Pannen, wie wird man Spion in Österreich, Wirtschaftsspionage, Bestechung, Sex und Erpressung, die Amis, die deutschen Spione in Wien, die Russen und der ehemalige Ostblock, die Araber, die Waffenschieber, die Politik und der Journalismus im Spannungsfeld mit der Spionage etc.. Hier werden gekonnt Hintergrundwissen, bereits aufgedeckte Fakten und Anekdoten miteinander vermischt. Dadurch ist der Leser unversehens und atemlos dann doch in einer rasanten Story à la Dritter Mann 2016, die Hollywood nicht besser hätte inszenieren können, und die der Autor ja eigentlich gar nicht scheiben wollte. Insofern ist dieses Sachbuch extrem spannend und liest sich so gar nicht fade sachlich.

Wenn ich mir noch was wünschen dürfte, dann wäre es erstens etwas mehr Struktur. Manche Dreibuchstaben-Abkürzungen der Dienste und der Aufbau dieser Organisationen werden in den Kapiteln einfach zu spät erklärt, da spielen sie bereits vorher eine Rolle. Zweitens hätte ich gerne noch mindestens 500 Seiten mehr von dieser Geschichte und dann bitte komplett sachlich mit allen Hintergründen und Mitspielern, aber das ist natürlich völlig unrealistisch, denn oft kennt sich in Wahrheit gar keiner mehr aus in diesem undurchdringlichen verfilzten Geflecht an Beziehungen. Der Autor schreibt weiters selbst am Ende, dass er seine journalistische Integrität zwar behalten hat, aber mit seinen Enthüllungen keinem extrem auf die Zehen gestiegen ist. Ich tippe mal auch darauf, dass er die Veröffentlichung seines Buches einfach auch nur überleben wollte und seine Quellen schützen musste. Denn eines ist klar: Ungefährlich ist es nicht, ein Enthüllungsbuch über Spionage zu schreiben.

Fazit: Ein sehr guter und breiter Überblick über das Agentenleben, sehr plastisch, realistisch und spannend wie ein Thriller geschildert. Ein Sachbuch bei dem man bedauert, dass es nicht dicker ist.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 1. September 2016
  • Verlag : Kremayr & Scheriau
  • ISBN: 978-3-218-01042-9
  • Gebunden: 192 Seiten
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4 Gedanken zu “Der Dritte Mann anno 2016

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