Ohne Ort

Frenkel_25271_MR.inddÜber Françoise Frenkel ist nicht viel bekannt, ihr einziges Buch, das sie ursprünglich in französischer Sprache verfasst hatte, liegt nun zum allerersten Mal in deutscher Übersetzung vor. Endlich und genau zur richtigen Zeit, möchte man ausrufen.

1889 wurde sie als Frymeta Idesa Frenkel in Polen geboren. Die junge Frau – von klein auf mit einer starken Affinität zu Büchern und Literatur gesegnet – führt das Studium der Literaturwissenschaft nach Paris, allerdings erst nach einer Musik-Ausbildung in Leipzig. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg, genau gesagt im Jahr 1921, eröffnet Frenkel die erste französische Buchhandlung in Berlin – gemeinsam mit ihrem Mann, Simon Raichenstein, der ebenfalls jüdischen Glaubens war, jedoch aus Russland stammte. Raichenstein verließ Deutschland bereits 1933 Richtung Paris, wo er nach einiger Zeit in eine Razzia geriet, nach Auschwitz deportiert und dort 1942 ermordet wurde. Aber davon erzählt Nichts, um sein Haupt zu betten nicht.

Frenkel hält noch bis kurz vor Kriegsausbruch 1939 in Berlin aus – sie fühlt sich ihren Kunden und den Verlagen, die sie bei der Gründung der Buchhandlung so sehr unterstützt haben, zu sehr verbunden. Außerdem gilt ihre Buchhandlung als „ausländisch“ und bleibt somit von den schlimmsten Auswirkungen der Pogrome verschont. Als sie ihre Familie in Polen wieder einmal besuchen möchte, legt man ihr nahe, sie solle doch das Angebot des Aufenthalts in Paris annehmen. Was sie auch tut. Der Beginn einer Reise, einer Flucht vielmehr über Paris, Avignon, Nizza, letztendlich in die Schweiz, wo sie 1943 beginnt, ihre Erlebnisse niederzuschreiben. Nichts, um sein Haupt zu betten erschien 1945 – direkt nach Kriegsende.

Vielleicht macht diese Nähe zu den Ereignissen und Erlebnissen das aus, was passiert, wenn man davon liest, wie sich Braunhemden in Hinterhöfen versammeln, sich beraten und über anders Denkende herziehen. Unverhohlen gehässig. Frenkel wirkt in allem, was sie schreibt, weder gutgläubig noch weltfremd, doch auch sie wird überrascht von den massiven und hasserfüllten Vorkommnissen in Nazi-Deutschland. Heute kaum vorstellbar – oder vielleicht doch gerade heute? Nicht die offen zur Schau getragene, Menschen verachtende Haltung ist es, die so brandgefährlich ist – sie kann man bekämpfen. Wobei ich solch eine Haltung in keinster Weise gut heiße! Aber noch schlimmer als dieses Verhalten ist es, wenn Menschen nicht zu dem, was sie tun stehen.

Zu Beginn von Frenkels Schilderungen hat man das Gefühl, man könne das Bestreben, das hinter der Gründung einer französischen Buchhandlung auf deutschem Boden stecken mochte, geradezu spüren: Über die Literatur soll es wieder zu einer wahren Völkerverständigung kommen. Frenkels Kunden lechzen geradezu danach, die furchtbaren Kriegsjahre zu vergessen und der Direktimport von Stilsicherheit und Schönheit soll dazu beitragen. Hier wird man stark an das wunderbare Buch der beiden Gründerinnen der Buchhandlung Sunwise Turn erinnert.

Der Ton den Frenkel auch später anschlägt, um ihre Reise über Frankreich in die neutrale Schweiz und damit in die Sicherheit nachzuzeichnen, ist weder lamentierend, noch distanziert. Einzigartig nah und erschütternd ist die Lektüre, obwohl Frenkel einfach nur erzählt, was ihr und anderen Menschen passiert ist. Schreckliches, keine Frage. Aber das beginnt nicht erst mit großen Gräueltaten, sondern bereits mit der Einsamkeit, die viele zu ertragen haben und mit der für alle existierenden Unsicherheit bezüglich der Zukunft.

Nichts, um sein Haupt zu betten ist keine leichte Kost, aber gerade deshalb immens wichtig. Dass von der Autorin nicht viel bekannt ist, dass sie in den ganzen Schilderungen ihren Mann, Simon Raichenstein, mit keinem Wort erwähnt, dass sie nur dieses eine, so wichtige, Buch geschrieben hat, all das mag der Grund dafür sein, dass dieses Buch mehr vermag, als Zeugnis abzulegen: es berührt, rüttelt auf und zeigt, wie wichtig es ist, bereits den Anfängen zu wehren. Unbedingte Leseempfehlung!!

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 25. Juli 2016
  • Verlag : Carl Hanser
  • ISBN: 978-3-446-25271- 4
  • Gebunden: 288 Seiten
  • Mit einem Vorwort von Patrick Modiano

 

 

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4 Gedanken zu “Ohne Ort

    • Ja, das ist wahr. Vor der Nazi-Zeit waren die Menschen in vielen Bereichen so viel reicher und freier. Alles platt gemacht, niedergebügelt. Es ist erschreckend, wie schnell so etwas von statten gehen kann …

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    • Schön, dass ich helfen konnte 😉 Aber im Ernst: das Buch muss gelesen werden. Ich bin gespannt, wie Du die Lektüre empfinden wirst. Es ist wirklich außergewöhnlich und mit Worten schwer beschreibbar für mich. LG

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