Die Wildheit in einem selbst

habicht_coverEs gibt Bücher da wird man gefragt: „Und wie hast Du das Buch gefunden? Klingt ja interessant. Ist auch als Sachbuch angegeben. Du hast das doch gelesen.“

Ähm, ja es war sehr gut. „Ja? Erzähl mal warum Du das so gut findest.“ Ja … Es geht da um die Aufzucht eines Habichts. Die einzelnen Stadien werden genauestens beschrieben, die Autorin hat auch schon Raubvögel aufgezogen, aber noch nie einen Habicht. Grund war der Tod ihres Vaters und der Wunsch diesen Schmerz mit dem Zähmen eines eigenen Habichts zu kompensieren. „Kennst Du Dich denn mit Raubvögeln aus? Interessiert Dich das?“ Ähm nein, nicht so richtig. „Ja, ist das dann nicht langweilig so ein Sachbuch über Vögel?“
Nein, das ist es überhaupt nicht!


Sicherlich hat H wie Habicht schon durch den Titel einen Anflug von Sachbuch. Auch die Beschreibungen der Zucht und die Dinge die dafür benötigt werden, sind sehr speziell.  Ansonsten habe ich mich nie wie in einem Sachbuch gefühlt und würde auch nie nach diesem Buch gehen um einen Habicht aufzuziehen. Wer noch nie einen gesehen hat, sollte sich die Mühe machen, einen Züchter aufsuchen, um sich diese Tiere anzuschauen. Es ist beeindruckend. Beeindruckend ist auch, wie Helen MacDonald mit einem einfachen Kniff die trockene Öde eines Sachbuches vermeidet. Sie schreibt einfach über ein anderes Sachbuch.

T.H.White hat ein Buch über Habichte geschrieben, das Helen in jungen Jahren in die Hände gefallen ist. Durch seine Homosexualität war T.H.White wohl einer der einsamsten Menschen auf der Welt, im England der Nachkriegszeit. Seine Leidensgeschichte, die Homosexualität nicht ausleben zu können und das Fehlen eines Freundes, dem er sich anvertrauen konnte, versucht er durch die Aufzucht eines Habichts auszugleichen. Dies beschreibt er in dem besagten Buch ‚The Goshawk‘, welches die junge Helen so prägt.

„Für White bedeutete das [Abrichten eines Habichts] einen moralischen Zaubertrick, einen Ausweg aus seinem Dilemma. Durch das gekonnte Abrichten eines Jagdtiers, durch die enge Bindung zu ihm, die Identifizierung mit ihm, durfte man vielleicht all seine vitalen ehrlichen Begierden ausleben, auch die blutrünstigsten, und dabei dennoch völlig unschuldig bleiben. Man durfte sich selbst treu bleiben.“

„The Goshawk“ beschreibt eine Katastrophe. T.H. White macht so ziemlich alles falsch, was man bei der  Zähmung eines Habichtes falsch machen kann. Doch bezieht sich Helen immer auf diese Stellen im Buch von T.H. White und verknüpft diese mit philosophischen Betrachtungen und ihren eigenen Bemühungen ihren Habicht Mabel abzurichten.

Helen hat ihren Vater verloren. Dieser Verlust reißt eine entsetzliche Lücke in ihr Leben. Diese Lücke gilt es zu füllen, doch Lücken kann man nicht einfach füllen, Menschen nicht ersetzen.

„Zu einer bestimmten Zeit im Leben erwarten wir, dass die Welt ständig von neuem ist. Dann kommt der Tag, an dem uns bewusst wird, dass das nicht der Fall sein wird. Wir erkennen, dass sich das Leben aus Löchern zusammensetzt. Aus Dingen, die fehlen. Aus Verlusten. Dinge, die einmal da waren und nun nicht mehr da sind. Und wir erkennen, dass wir um diese Lücken herum und zwischen sie hineinwachsen müssen, obwohl wir die Hand ausstrecken und dort, wo die Dinge waren, den öden Raum fühlen können wo jetzt die Erinnerungen sind.“

Helen verkriecht sich, nimmt nicht mehr am Leben teil. Erst die Idee einen Habicht zu zähmen weckt die Lebensgeister. Schon das erste Zusammentreffen mit dem Vogel, mit Mabel, ist von einer Wucht und intensiven Wildheit, dass der Vogel vor dem Leser Gestalt annimmt.

„Er öffnete noch ein Scharnier. Konzentration. Unendliche Vorsicht. Tageslicht fiel in den Karton. Kratzende Klauen, ein weiterer Schlag. Und noch einer Rums. Die Luft verwandelte sich in Sirup, wurde zähflüssig, staubig. Wenige Sekunden vor der Schlacht. Und als er schließlich den letzten Knoten gelöst hatte, griff er in den Karton, und inmitten rauschenden, chaotischen Schlagens von Flügeln, Füßen und Klauen und eines schrillen Rufens – und das alles gleichzeitig – zieht er einen gewaltigen, gewaltigen Vogel heraus. Im merkwürdigen Zusammentreffen von Welt und Tat ergießt sich gleißendes Sonnenlicht über uns, und alles um uns herum ist Strahlen und Wildheit.“

Die Stadien der Aufzucht werden immer wieder mit den entsprechenden Kapiteln von T.H.White ergänzt. Helen kämpft mit dem Verlust ihres Vaters, mit ihren Depressionen, denen sie sich aber wegen Mabel nicht hingeben darf. Sie findet durch Mabel zurück in ihr Leben.

„In der Zeit mit Mabel habe ich gelernt, dass man sich menschlicher fühlt, wenn man erst einmal erfahren hat – und sei es auch nur in der Fantasie – wie es ist, nicht menschlich zu sein. Und ich habe auch die Gefahr kennengelernt, die es birgt, wenn man die Wildheit, die wir mit einer Sache assoziieren, mit der Wildheit verwechselt, die ihr tatsächlich innewohnt. Habichte sind mit Tod, Blut und Gewalt verknüpft, aber keine Ausreden für Grausamkeiten. Wir sollten ihre Unmenschlichkeiten zu schätzen wissen, weil das, was sie tun, nichts mit uns zu tun hat.“

H wie Habicht ist ein wunderbares, intensives Buch über den Schmerz, über die Wildheit, und vor allen Dingen über Vögel. Manchmal fand ich den ungefilterten Schmerz von Helen unerträglich, in seiner Offenheit und in seiner dargebotenen Vielfalt. Doch wer bin ich, über den Schmerz von anderen Menschen zu urteilen? Ein Buch, das viel näher am Vogel als am Menschen ist, soweit das überhaupt möglich ist. Ein Buch voller Philosophie, Weisheit und Hoffnung. Eines der faszinierendsten Sachbücher, die ich je gelesen habe.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 07.August 2015
  • Verlag : Ullstein
  • ISBN: 978-3-793-42298-3
  • Gebunden: 416 Seiten
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2 Gedanken zu “Die Wildheit in einem selbst

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