fleischige Träume

Kang_Vegetarierin_160215.inddDie junge Yeong-Hye lebt mit ihrem Mann in einer kleinen Wohnung in Seoul. Sie haben keine Kinder. Ihr Mann hat sie geheiratet, weil sie an Durchschnittlichkeit nicht zu übertreffen ist, nicht weil er sie liebt. Er selber möchte sich auch nicht aus der Masse erheben und erledigt seine Arbeit korrekt aber ohne Karriereabsichten. Sie ist ihm eine brave Ehefrau, kocht, putzt für ihn und ist auch bei Bedarf gefügig. Doch eines Tages hat sie einen Traum. Einen Traum von Blut und Fleisch, der so drastisch ist, dass sie fortan kein Fleisch mehr isst. Nicht nur das, eines abends beginnt sie, jegliches Fleisch aus der Kühltruhe zu vernichten. Sie kann weder den Geruch von Fleisch, noch dessen Aufenthalt in der Wohnung ertragen.

Danach ist plötzlich alles anders, Yeong-Hye zieht sich immer mehr zurück und verweigert sich ihrem Mann, da er für sie nach Fleisch riechen würde. Ihr Mann ist irritiert, versucht dies als vorübergehende Macke abzutun. Nach einiger Zeit wendet er sich verzweifelt an ihre Familie, die in Yeong-Hye eindringt, doch wieder normal zu werden, doch Yeong-Hye reagiert darauf nur mit mehr Rückzug, sie hat niemanden, dem sie sich anvertraut.

Im ersten Kapitel von drei wird aus der Sicht des Mannes von Yeong-Hye geschildert, wie er die Verwandlung seiner Frau erlebt. Eingeschoben sind verstörende Absätze in denen Yeong-Hye zu Wort kommt, die Absätze sind in kursiver Schrift und beschreiben kafkaeske Träume.

„Wenn ich doch nur schlafen könnte! Wenn ich wenigstens für eine lächerliche Stunde das Bewusstsein komplett verlieren würde. In der Nacht bin ich rastlos. Ich stehe auf, laufe in der abgekühlten Wohnung herum und lege mich wieder hin. Auf der anderen Seite des Fensters ist es dunkel. Die Wohnungstür vibriert hin und wieder, ohne dass jemand klopft. Ich kehre wieder ins Bett zurück und stecke die Hände unter die Bettdecke. Das Laken ist ganz kalt.“

Yeong-Hye verliert immer mehr den Bezug zur Realität.

Das zweite Kapitel ist aus Sicht des Schwagers von Yeong-Hye geschrieben und ist das eindringlichste und ausdrucksstärkste des Buches. Die Obsession des Schwagers für seine Schwägerin, die nach ihrer Scheidung und psychiatrischen Behandlung alleine wohnt, erreicht krankhafte Züge. Die junge Frau ist abgemagert und immer noch durchschnittlich, aber strahlt für ihn eine soghafte, erotische Anziehung aus.

„Sie griff mit den Fingern nach einem Birnenschnitz und führte ihn zum Mund. Er wandte sich ab, um nicht in die Versuchung zu kommen, diese Frau, die so versonnen dasaß, in seine Arme zu ziehen, den klebrigen Birnensaft von ihren Fingern zu lecken, die Süße ihrer Lippen und ihrer Zunge zu kosten und ihr die weite Hose herunterzureißen.“

Das unstillbare Verlangen bringt ihn dazu, sie als Nacktmodell zu bemalen und Filme mit ihr zu drehen.

„Die durch ihren mageren Körper hervorgehobenen Schlüsselbeine, die knabenhaften Brüste, die im Liegen noch flacher wirkten, ihre sich abzeichnenden Rippen des Brustkorbs, die leicht geöffneten Schenkel, die jedoch keine Sinnlichkeit ausstrahlten, und schließlich ihr völlig ausdrucksloses Gesicht, das trotz der geöffneten Augen zu träumen schien. Ein Körper ohne Schnörkel, der aber viele Geschichten zu erzählen schien. Er hatte nie zuvor etwas Vergleichbares gesehen.“

Das letzte Kapitel ist aus der Sicht ihrer Schwester geschildert, die sie in der Psychiatrie besucht, inzwischen verweigert Yeong-Hye jede Nahrung und ist der Meinung sie sei ein Baum.

Die Vegetarierin ist ein hypnotisches Buch. Han Kang beschreibt eine vermeintlich psychisch kranke Frau aus der Sicht von vermeintlich gesunden Menschen. Alle Menschen aus ihrem Umfeld werden in ihren Bann gezogen, trudeln wie Kometen im Schwerefeld eines Planeten, beschädigt und aus der Bahn gebracht, weiter in ihrem Leben dahin. Die Vegetarierin ist durch ihre kafkaeske Sprache voller Anspielungen, Bildern und Träumen. Mich hat das Buch einerseits durch diese bildhafte Sprache, gerade im zweiten Kapitel, sehr in den Bann gezogen, was aber ist ihre Aussage, habe ich mich gefragt. Richtet sich das Buch gegen die Gleichgültigkeit der Gesellschaft andersartigen Menschen gegenüber? Ist das Buch eher gegen die asiatische Lebensweise gerichtet, die ich als Europäer nicht so gut verstehe. Oder hat Han Kang ein Fanal gegen die sex-objektorientierte Sicht der Männer auf Frauen geschrieben?

Es ist ein bisschen von allem und auf faszinierende Weise funktioniert das Buch auch aus diesen verschiedenen Blickrichtungen. Han Kang ist ein moderner Kafka-Roman gelungen, der in eindringlicher assoziativer Weise und fast schon leichtfüßig viele wichtige Themen unserer Gesellschaft umfasst und beschreibt.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 15. August 2016
  • Verlag : Aufbau
  • ISBN: 978-3-351-03653-9
  • Gebunden: 190 Seiten
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7 Gedanken zu “fleischige Träume

  1. warte schon den ganzen Tag sehnsüchtig auf die Veröffentlichung, damit ich meinen Senf dazu geben kann. Wow super Rezension! 🙂 Habe schon viele Meinungen zu dem Buch gelesen, und die Hälfte davon waren Verrisse, was mich umso mehr darin bestärkt, dass dieses Buch wahrscheinlich genau das Richtige für mich wäre.

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      • es gibt ja Menschen, die behaupten, sich von Licht und Wasser zu ernähren. Das Hämoglobin ist, meine ich mich zu erinnern, so etwas wie das Chlorophyll in den Pflanzen … vielleicht verwechsle ich da auch was, aber ich kann eine Abneigung gegen Fleisch durchaus nachvollziehen 😉

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