„Von der immensen Notwendigkeit, die Vögel pfeifen zu hören.“

NotunterkunftEtliche Jahre ist es her, als ich noch Zeit hatte sommers in Städten auf Marktplätzen rumzuhängen, Eis zu essen, der Musik zu lauschen, Bier zu trinken, Leute anzuschauen, wie sie vorüber huschten, ihrem mir unbekanntem Ziel entgegen, und das dolce far niente voll auskostend, hatte ich das Glück einen alten Penner (politisch korrekt ausgedrückt heißt das heute wohl Wohnsitzloser) kennenzulernen. Runtergekommener Typ, versoffen und er liebte seinen Hund. Wir kamen ins Gespräch nachdem ich ihm etwas Kohle und mein Restbier gab. Dieser, damals auf mich uralt wirkende, recht eklige, weil fies riechende Mann erzählte mir, dass er früher Professor war. Bis die Frau ihn samt Kindern verließ und irgendwie so ziemlich alles andere auch noch den Bach runterging. Letztendlich landete er auf der Straße. Ein Glücksfall wäre für ihn sein Hund, draussen leben sommers ganz ok, winters die Hölle, aber ins Heim/Obdachlosenasyl könne man nicht mit Hund und da wäre es auch scheußlich. Damals habe ich mir nicht viel dabei gedacht, es war ein Lebensentwurf (eher entwarf das Leben und der Charakter diese „Wahl“) der für mich nie in Frage käme. Ich bin aber auch noch nie „aus der Welt gefallen“. Glücklicherweise …


Simone Hirths namenloser Protagonistin ist in ihrem grandios poetischen Debütroman exakt dies geschehen.

In Bruchstücken – glasklaren pointierten Gedankensplittern – die in ihrer Sicht auf die normale Welt sowohl spitzig als auch scharf sind, erschliesst sich dem Leser ihre fragmentarische Lebensgeschichte. Es ist ein wunderbar poetisches intuitives Lesen, dem man die innewohnende Gedankenarbeit und die schriftstellerische Handwerkskunst – die mit Leichtigkeit fast unbemerkt einhergeht und doch alles bestimmt – zuerst gar nicht anmerkt. Man kann das Buch gar nicht mehr weglegen, so faszinierend liest sich, wie sich dieses kaputte, erschöpfte, fragil wirkende Wesen stark und mutig aus der Asche (eigentlich ist es eher Staub und Dreck)  ihrer Verzweiflung erhebt. Leben möchte sie. Hier darf der Leser nicht hasten, sollte Muße haben langsam zu goutieren, die Wucht der knappen Worte sich entfalten lassen, auf Details, wie Überschriften, achten. Es ist ein anderes Lesen als gewohnt,doch wenn man sich eingelesen hat stringent und amüsant. Bei aller Trauer und Verzweiflung hat diese junge Frau, die so ganz aus der Welt fiel – war sie jemals wirklich fest darin verankert – einen Blick auf die Welt der „Normalos“,  der so unverfälscht witzig und ehrlich ist, dass man nach dem Lachen erst einmal fett schlucken muss, um die eigene Welt wieder ein wenig geradezurücken. Unsere Welt, an der die junge Frau aufgrund der Umstände keinen Zugang mehr hat. Kommunikation oder gar – bewahre! – Smalltalk war nie ihre Stärke, zu vergeistigt, nach innen gekehrt und einsam war ihr vorheriges Leben vor dem Zusammenbruch. Als sie, später,  versucht wieder aufzutauchen aus ihrer Trauer und Zurückgezogenheit:

„Ich persönlich leiste des weiteren gar nichts mehr, außer erst einmal ordentliche Trauerarbeit, sagte ich. Und ja, ich habe Fremdsprachenkenntnisse.“

Simone Hirth, Jahrgang 85, Trägerin des Schwäbischen Literaturpreises 2014 gelingt hier der Spagat zwischen außergewöhnlich poetischer Belletristik, KUNST und derart gelungener Unterhaltung, dass ich mich fast nicht gezügelt bekomme, was die  Anzahl der entlehnten Zitate angeht, so fein charmant sind die Sätze des gesamten Romans.

„Man muss die Welt nicht verstehen, man muss sich nur in ihr zurechtfinden“ so ein  Einstein zugeschriebenes Zitat. Der Notunterkunft errichtenden namenlosen jungen Frau wird das nicht gänzlich gerecht. Ihre Welt bröckelte Stück für Stück auseinander. Sie sammelt sich und die Bruchstücke und baut sich daraus ein Haus. Entgegensetzt zu Kafkas Gregor Samsa der sich zunehmend verwandelt und irrealer wird, wandelt sie sich behutsam zurück in die Realität. „P.s.: Heute habe ich als ich pinkelnd im Gebüsch saß, ganz kurz nur in ein stilles, kleines Glück geblickt. Es lag zwischen einer leeren, plattgedrückten Milchpackung, einem Stück zerknüllter Aluminiumfolie, einem zerfetztem Fahrradschlauch und einer Bananenschale. Es war wirklich sehr klein, und ganz lautlos, und dann auch gleich wieder verschwunden. Aber es war tatsächlich so ein winziges Glück.“

„Ich höre also auf:
Mit dem Kopf gegen Wände zu laufen.
Ich errichte meine Wände nun selbst.“

Eine anachronistische Trümmerfrau, die den Kampf aufnimmt. Selbstmitleid kommt in ihrem Konzept nicht vor, im Gegenteil sie hat einen herrlichen Sinn für abstrusen (selbst)kritischen Humor.
„Das letzte Mal als ich eine Packung Salz kaufte, fragte der junge Mann an der Kassa: Haben Sie eine Kundenkarte? Ich war überzeugt, er meinte: Sind Sie eine heimlich mit mir Verbündete im Sinne der ordinären revolutionären Idee? Ich sagte aus tiefster Überzeugung: Ja. Es blieb einen Augenblick still.“ Sucht Sinn, sucht Glück abseits der für sie nicht begehbaren, üblichen Pfade, und spiegelt kraft ihrer Gedanken die Absurdität unserer Welt der „Normalen“.

Selten las ich so subversiv witzig daher kommende Kapitalismus- und Gesellschaftskritik wie von dieser  jungen Frau, die das Schicksal in den Wald trieb um dort das Überleben zu lernen und dabei aus dem Handbuch für Betriebswirtschaftslehre zitiert.

„Vom Vogelflug (und ausschließlich davon) mache ich alles abhängig. Die Elster, die ich soeben vorbeifliegen sah, nehme ich daher als willkommenes Zeichen dafür, dass heute ein guter Tag zum Stehlen ist. Mein Gemüsegarten ist noch lange nicht komplett.“

Soviel tragische Komik und Subtext in den Bildern und im Aufbau, Form des Romans. Das wirkt und geht unter die Haut. Nistet sich ein im Kopf. Das ist großartige Literatur. Andersartig genug, um sich aus der Masse herauszuheben, voll pragmatischer Poesie kann es einem den Weg zu einem eigenen kleinen Glück, zur Achtsamkeit für eigene kleine Glücksmomente weisen. Bei mir hat es wunderbar funktioniert. Nach Lektüre gleich im Garten liegengeblieben um Sternschnuppen zu schauen…;-)

„P.s.: Es riecht ein wenig nach Schimmel. Könnte mein Weltbild sein. Ich werde lüften müssen.“

Mein Weltbild hat dieser furiose Roman erweitert. Das Lied über die geeignete Stelle für eine Notunterkunft hat mich gepackt, gefesselt, amüsiert und mich an Wortbildern berauschen lassen. Bereits das Eingangszitat – ein wunderschönes Haiku von Kagami Shiko trifft den Inhalt dieses Buchkleinods.

Für mich ein High Five Anwärter 2016 in Pole Position.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: August 2016
  • Verlag : Kremayr & Scheriau
  • ISBN: 978-3-218-01045-0
  • Gebunden: 192 Seiten
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