Selbstfindung

Zwischen den Meeren„Ich glaube, allen von uns hat jemand wehgetan, Frau Doktor. Aber nicht jeder endet hier drin.“ S. 73

Die Aufmachung lässt keine Zweifel aufkommen: Der rote Blumenprint auf weißem Grund auf dem Schutzumschlag, der sich auf dem Buch selbst darunter dann in weiß auf rosa fortsetzt, zeigt deutlich, wer hier angesprochen werden soll: Die weibliche Leserschaft ist es, vermutlich die romantisch veranlagte – die Assoziation, dass es sich hier um eine Liebesgeschichte handelt, liegt nahe. Das Cover, das auch den Bezug zu Japan herstellt, wo die Geschichte teilweise spielt, ist dabei aber durchaus geschmackvoll und dass der neue Roman „Zwischen den Meeren“ von Sarah Moss eher Frauen anspricht, ist nicht von der Hand zu weisen. Allerdings ist ihr Roman alles andere als eine seichte Liebesgeschichte und fern von jedem Kitsch, sondern ein wunderbar erzählter Roman um ein junges Paar im späten 19. Jahrhundert.

Ally und Tom haben gerade geheiratet und müssen sich für eine längere Zeit trennen, da Tom, der Ingenieur ist, beruflich nach Japan reist. Ein halbes Jahr wird er weg sein und nur wenige Wochen bleiben den beiden, sich vorher aneinander und an den Gedanken zu gewöhnen, dass sie verheiratet sind. Dabei ist Ally alles andere als eine typische Frau ihrer Zeit: Sie ist eine der ersten Frauen, die Medizin studiert hat, wodurch sie immer wieder auf Vorurteile stößt. Weibliche Ärzte sind vielen suspekt – auch und gerade anderen Frauen. Normal, dass sie oft zunächst einmal für eine Krankenschwester gehalten wird. Ungewöhnlich auch, dass Ally sich auf psychische Krankheiten spezialisiert hat, die allerdings nicht als solche bezeichnet werden. Da spricht man eher von Wahnsinn und von den „Geisteskranken“, ebenso vom Irrenhaus. Die Kranken werden kaum als genau das gesehen, vielmehr erscheinen sie fast wie Aussätzige, die von etwas besessen sind und man bemüht sich weniger um Heilung, sondern eher um Verwahrung.

„Zwischen den Meeren“ wird über weite Teile alternierend erzählt. Hier ist es Allys Alltag in Cornwall, in der Klinik, in der sie arbeitet (unentgeltlich übrigens), in dem Haus, in dem sie allein zurechtkommen muss. Dort versucht Tom, die japanische Kultur zu verstehen, die Umgangsformen, den Aberglauben. Das Land fasziniert ihn, aber es fällt ihm schwer, die Mentalität der Japaner zu verstehen. Während beide ohne den anderen wichtige Erfahrungen sammeln und von ihrem alltäglichen Leben völlig eingenommen werden, verschwindet langsam das Bewusstsein, dass auf der anderen Seite der Erdkugel jemand ist, der zu einem gehört, mit dem man sich ein Leben aufbauen will. Kontakt zu halten ist schwierig. Die Briefe, die sie sich schreiben, sind mehrere Wochen unterwegs.

Im Vordergrund des Romans stehen also diese beiden, die eine Entwicklung durchmachen. Der Teil der Geschichte, der sich um Ally dreht, zeigt dabei sehr eindrücklich auf, wie die Rolle der Frau zu ihrer Zeit verstanden wurde und wie schwierig es war, die starren Regeln zu durchbrechen. Hinzu kommt, dass Ally eine sehr komplizierte Beziehung zu ihrer Mutter hat, die sie stets hat spüren lassen, dass sie sie für unzulänglich in jeder Beziehung hält. Diese Mutter wird im Text stets „Mama“ genannt, obwohl Ally inzwischen eine 30-jährige verheiratete Frau ist, was man als Zeichen dafür verstehen kann, wie sehr sie immer noch in ihrem Bann steht. Allys Mutter ist eine sehr negative, eine verbitterte Person, doch trotz der einseitigen Charakterisierung habe ich sie als glaubhaft empfunden. Als Leser erfährt man Bruchstücke aus Allys Vergangenheit nur nach und nach, doch sie machen ihr Verhalten und das ihrer Familie nachvollziehbar. Der Vater ist ein Künstler, der sich von der verbissenen Mutter zurückgezogen hat (In dem Roman „Wo Licht ist“ wird die Vorgeschichte zu „Zwischen den Meeren“ erzählt).

Es steckt so viel in diesem Roman, dass man noch lange weiter schreiben könnte. Besonders die Szenen um Ally, um ihre Arbeit mit den Patienten, um ihre Versuche, von einer reinen Verwahrung zu einer Behandlung zu kommen, sind sehr fesselnd und lehrreich, gerade auch in Verbindung mit ihrer eigenen Biographie, die einerseits ihre Arbeit erschwert, ihr andererseits aber die nötige Empathie für dafür mitgibt. Und auch Tom macht einen Reifeprozess durch, als er sich im fremden Land zurechtfinden muss und immer wieder nach seiner eigenen Position gegenüber Gastgebern und Geschäftspartnern sucht.

Moss schreibt in einem sehr ruhigen Rhythmus, nimmt sich Zeit für Beschreibungen, sowohl des Lebens in Cornwall, als auch des für Tom immer etwas geheimnisvoll bleibenden Japans. Ihr Stil ist gleichzeitig einfach und virtuos und erinnerte mich manchmal an Rose Tremain und ihren Roman „Und damit fing es an“, ebenfalls gerade neu erschienen, wobei beide Autorinnen ihre ganz eigene Sprache gefunden haben und ihre Bücher ansonsten kaum vergleichbar sind, außer dass es sich bei beiden um sehr eindringliche Charakterstudien ihrer Protagonisten handelt, beide in ihrer Form vom alltäglichen Leben schreiben und dabei immer auch versteckt der Leser angesprochen wird.

„Zwischen den Meeren“ ist so etwas wie ein Doppelporträt zweier Liebender, die sich trennen, um zunächst einmal zu sich selbst zu finden. Moss erzählt diese Geschichte sehr sensibel und in einer starken Sprache, sehr nah bei ihren beiden Helden. Ein lesenswerter Roman.

Die Rezension ist ebenfalls auf letteratura erschienen.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 23. August 2016
  • Verlag : Mare Verlag
  • ISBN: 978-3-86648-257-9
  • Gebunden: 416 Seiten

 

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