Es ist ganz schön schwer linksradikal zu sein

happy_endstadium_rgbEigentlich müsste jeder Autor zumindestens einmal an einem Poetry Slam Wettbewerb teilgenommen haben, wenn auch nur als Zuschauer, bevor er nur eine Zeile schreibt. Das würde manche Bücher wortwitziger, klarer und direkter machen. So wie bei Jan off, der 2001 deutscher Meister bei den Poetry-Slam Meisterschaften in Düsseldorf wurde. Buchtitel wie: ‚Getrockneter Samen im Haar Eurer Mutter‘ oder ‚Bei uns kommt der Hass aus der Leitung: Wichsvorlagen für Scheintote‘ zeigen uns deutliche Bilder und auch, wo der Autor wegen seiner ungezügelten Sprache hingehört, leider in die Trash- Punk- und Indieecke.

Leider, weil er so einer großen Masse unbekannt bleibt. Dabei sollten solche erfrischenden Bücher auch vermehrt in Buchhandlungen und großen Verlagen aufgelegt werden. Man will die Massen aber nicht erschrecken, wo kämen wir da hin!

Doch so ganz erschreckend ist das hier vorliegende Buch, mit dem herrlichen Namen ‚Happy Endstadium‘, nun gar nicht. Klare Erzählstruktur, schräge, aber authentische Charaktere, wie man sie in der linken Szene auch so antrifft und öfters was zum Lachen. Mehr will ich doch gar nicht.

Die Frage, die sich jedem Revoluzzer stellt: Wie soll eine zukünftige gerechte Gesellschaft aussehen und wer trägt dafür Sorge? Nun vor allen Dingen erstmal der Revoluzzer selber, das ist hier die Hauptperson, der Bier trinkende Ich-Erzähler, der sich in Julia verliebt und schwanzgesteuert in deren linke WG einzieht. Damit er das Herz seiner Angebeteten bekommt muss er dazugehören. Politisch und natürlich höchst subversiv aktiv! Doch Jan Off fährt hier den Stinkefinger in alle Richtungen aus! Was ist links, was sind Arbeiter, wer ist der Feind, wo stehen wir in der Frage Israel oder Palästina?

„Stattdessen hatte ich mich auf diese völlig hirnrissige Diskussion über zwei Nationen eingelassen, die auch noch nach Jahrzehnten noch nicht begriffen hatten, dass jedwede Aggression früher oder später immer auf den Aggressor selbst zurückfällt. Beim Scheitan, dieses unsägliche Spektakel aus dem Nahen Osten lief schon im TV, als ich noch nicht mal taschengeldberechtigt war.“

So langsam schwant ihm, dass einfach nur dagegen sein, völlig hirnrissig ist, das Leben besteht ja nicht nur aus Null oder Eins:

„… fühlten sich diese neunmalklugen Tröpfe im Krisen- oder Kriegsfall sogleich bemüßigt, Partei zu ergreifen und uns anderen ungebeten mitzuteilen, wer diesmal die Cowboys und wer die Indianer waren. Zur Hölle mit diesen geistigen Einzellern. Soweit ich das bisher mitbekommen hatte, war die Welt an normalen Tagen nicht schwarz oder weiß sondern grau gestrichen, und die meisten dieser althergebrachten Auseinandersetzungen derart verworren, dass man schon ein rechter Dummbeutel sein musste, um ohne den Hauch eines Zweifels eine Unterscheidung in gut oder böse vorzunehmen.“

Auch den fortgesetzten Drogeneskapaden seiner Mitbewohner fühlt er sich nicht gewachsen, er trinkt lieber Bier, Tag und Nacht, ein Konterbier, ein Aufwachbier, ein GuteNachtbier und sowieso zwischendurch … aber an seine Julia kommt er dadurch nicht ran, die anderen Mitbewohner haben andere Methoden, dem grauen Alltag zu entfliehen:

„Ich nippte an meinem Cola-Rum. Mein Körper reagierte, indem er einen Schwall Magensäure Richtung Kehle pumpte. Wie hieß es doch so schön? Richtig: Koksen, Kotzen, Kommunismus. Was das Kotzen betraf: Ich war bereit!“

Am Schluss gibt es dann doch noch den genialen Plan, den Plan der alles beinhaltet und einen großen Schlussstrich unter alles setzen soll.

Happy Endstadium ist herrlicher, literarischer, hochwertiger Undergroundtrash. Es macht wirklich Spaß dem kruden linken WG-Alltag und den vergeblichen Versuchen der sinnvollen linken Agitation zu folgen. Ich hatte die Freude, auf dem Burg Herzberg Festival eine Lesung des Autors zu hören. Irgendwie kam mir das Buch dann autobiographisch vor.  Jedenfalls ist er ein offener Geist, der einem die Wahrheiten direkt in das Gesicht haut.

Leute: Unterstützt den Ventil Verlag in Mainz, kauft Jan Off Bücher!

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 01. März 2012
  • Verlag : Ventil Verlag
  • ISBN: 978-3-931555-36-8
  • Broschiert: 264 Seiten
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