What if? Die Faszination des Konjunktivs

My Life on the Road von Gloria Steinem

My Life on the Road von Gloria Steinem

„Hoffen ist nicht die schlechteste Lebenseinstellung.“

Büchersüchtige
“Wenn ich meinen Lieblingsort auf der ganzen Welt benennen müsste , von New York bis Kapstadt und von Australien bis Hongkong – es wäre ein Buchladen.“
 
werden dieses Gefühl sicher kennen. Es gibt Bücher, die finden einen im richtigen Moment, zur richtigen Zeit.
My life on the road ist so eines.

Gloria Steinem, der Name klang irgendwie vertraut, als ich im Spiegel das Buch – Promo Interview mit ihr entdeckte.

So viel Zuversicht wie in dieser Reisebiographie in den momentan weltpolitisch lausigen Zeiten – in denen ein Terroranschlag oder Amoklauf auf den nächsten folgt, Psychopathen die Welt lenken, der Neoliberalismus uns politisch in die Nähe der 1930 er Jahre rückt, Religionen zu Rattenfängern der Verwirrten werden und Menschen auf die Straße gehen um gegen andere Menschen und ihre Andersartigkeit zu demonstrieren – ist wohltuend.

„Wenn ich mich in all den Jahren auf die Medien und ihre Sicht der Dinge verlassen hätte, wäre mir mein Mut irgendwann abhanden gekommen, denn als Nachricht zählt nur das, was zum Konflikt taugt, und Objektivität bedeutet in den meisten Fällen nicht viel mehr, als dass man das Negative sieht.“

Steinem, amerikanische Feministin, Schriftstellerin, Journalistin, Aktivistin, enthusiastische Wahlkämpferin und Nomadin wurde 1934 in Ohio geboren.
Sie nimmt ihre Leser mit auf eine Reise durch die jüngst vergangene Geschichte Amerikas wie sie selten zu finden ist. Eine Geschichte in der, zumindest für sie, das Politische immer privat war und Demokratie nie selbstverständlich, sondern etwas für das es sich einzusetzen gilt. Beschimpft als Humanistin, diffamiert als Feministin, die es doch gar nicht nötig hätte, weil sie doch so gut aussieht,

„ … meldete sich eine ältere Dame aus dem Publikum zu Wort und tröstete mich: „Keine Sorge Schätzchen, manchmal müssen gerade diejenigen, die das alte Spiel problemlos gewinnen könnten sich erheben und sagen: Euer Spiel ist einen Dreck wert!“ ,

 als Lesbe bezeichnet

„ … damals galten alle alleinstehenden Feministinnen als lesbisch – , gewöhnte ich mir an zu sagen: „Danke.“

Gloria Steinem hat im Laufe ihres langen Lebens gelernt, mit welchen Tricks ihre politischen und ideologischen Gegner versuchen, sich ihrer Kritiker zu erwehren. Dafür hat sie einen glasklaren Blick. Sehr viele dieser dirty tricks entlarvt sie nebenbei in ihrem Buch, nicht ohne die Hintergründe zu erhellen, was hilfreich ist, denn an diesen verbalen Tritten unter die Gürtellinie und rhetorischen Kniffen hat sich bis heute nichts geändert. Hinterfragt man sie sind es immer wieder die alten Machtstrukturen die mit allen Mitteln um ihr Fortbestehen ringen.

Ihre vier Hauptanliegen in My life on the road sind aber vom wichtigsten und fruchtbarsten Bestandteil ihres Lebens, dem Reisen zu erzählen, Leser zu ermutigen, selbst auf Reisen zu gehen, nicht unbedingt durch Ortswechsel, sondern mit offener Geisteshaltung, offen für alles, was auf der Reise durchs Leben geschieht. Ihr drittes Anliegen, mehr ein ursprüngliches Bedürfnis wie man im Laufe ihrer Biographie herausfindet, ist es Geschichten zu erzählen und viertens: den Leser/Innen die eigenen Geschichten ins Bewusstsein zu rufen, sie anzuregen selbst zu erzählen …

An Material gibt es sowohl bei den Leser/innen (je nach Geburtsjahr) als auch bei Frau Steinem eine große Vielfalt.

Wer kennt nicht Frank Zappas Song Bobby Brown  „ …womens liberation came creeping all across the Nation“  Steinem, die fleißig daran mitgearbeitet hatte, skizziert den Hintergrund dazu ähnlich:

 „ … der Feminismus war wie ein Buschfeuer, das sich blitzschnell und von Küste zu Küste ausbreitete.“ Harte Kost für wertkonservative, christliche Mitbürger, die ihren Lebensstil bedroht sahen. So kann man sich gut den Gegenwind vorstellen, gegen den die Frauen damals ansegeln mussten. Dieser Wind weht noch heute, aus vielen verschiedenen Richtungen, subtiler, zumindest in den nordeuropäischen Ländern, Kanada und den USA. In anderen Ländern hat sich die Lebenssituation für Frauen und Mädchen, und damit verbunden auch für Männer, immer noch nicht nennenswert verbessert. Im Gegenteil. Überall auf der Welt werden Menschen unterdrückt. Im Namen der Tradition, der Religion, bekommen keinen Zugang zu Demokratie.

„ … langsam dämmerte mir, dass Religion für manche Leute einfach nur eine unanfechtbare Form der politischen Einflussnahme war.“

Immer geht es um Machtausübung. Beibehaltung des Staus Quo zugunsten jener die (glauben) davon (zu) profitieren. Eine Wonderwoman wie Steinem und unzählige andere – Kämpferin/nen in der Gerechtigkeitsliga – mit Humor und Feder tut noch immer not, nach Lektüre von My life on the road stellt man angetan fest, dass dieser Kampf zwar energisch, aber nicht verbissen zu führen ist. Steinem traf in ihrem Leben auf so viele engagierte besondere Menschen.

Im Kapitel Surrealismus im Alltag erzählt sie, wie sie in der samstäglich ausgestrahlten Satiresendung TW3 (That was the week that was)  ihren Lieblingsantikriegssketch an der „Fairness“ Zensur (Vorläufer der political correctness) vorbeischmuggelte, unter Truckerfahrern und martialisch gewandeten Bikern entdeckt sie die wunderbaren liebenswerten menschlichen Tugenden, oft führen sie ihre Reisen zu Indianeraktivistinnen und damit zur Neuentdeckung der ersten Demokratie, wobei sie klarstellt, dass einst Frauen ganz selbstverständlich die selben Rechte hatten und sie glaubt „Was einmal war kann wieder sein“.

My life on the road ist eine lückenhafte Biographie, viel Aufmerksamkeit widmet sie ihrer Kindheit und ihrer Beziehung zu ihrem Vater, von dem sie das Nomadentum, den Reise- und Umherziehdrang geerbt hat. Großartig ist, wie der Mensch Gloria Steinem durch all diese Lücken hindurchschimmert und strahlt. Trotz oder womöglich gerade wegen ihrer sympathischen Art, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Das mag über die Jahre hinweg erworbene Altersweisheit sein – im Vorwort ihres 1991 erschienenen Buches „Was heißt hier emanzipiert“ ist nachzulesen, wie sie mit sich selbst ringt, sich selbst hinterfragt und neuentdeckt – es illustriert aber eine persönliche Weiterentwicklung und Selbstfindung nach der wir alle streben (sollten).

Diese hoffnungsvolle, optimistische, klare Persönlichkeit spricht sehr deutlich aus ihrem Buch, schildert Kämpfe, Errungenschaften, Freuden, Niederlagen vieler langer Jahre. Anliegen und Person sind nie getrennt. Menschen – sie macht keinen Geschlechtsunterschied, bezeichnet sich zwar als ruhelose Wanderarbeiterin in Sachen Feminismus – sind ihr faktisch alle gleich wichtig. Männerbashing findet nicht statt, ist nicht nötig, denn diese sind von Ungerechtigkeiten und Benachteiligungen genauso betroffen – pragmatischer Humanismus ist ihr primärer Beweggrund.

 „ … der verlässlichste Gradmesser für das Gewaltpotential einer Gesellschaft – ob gegen die eigenen Bürger oder andere Staaten – nicht ihre Armut ist oder ihre Bodenschätze, nicht ihre Religion und nicht einmal ihr Demokratisierungsgrad; es ist die Gewalt gegen Frauen, die in dieser Gesellschaft ausgeübt wird. Denn die Gewalt gegen Frauen normalisiert alle andere Gewalt.“

Hochaktuell und interessant sind die Vergleiche die man zum aktuellen US Wahlkampf ziehen kann  – ich gehe davon aus, Leser dieses Blogs erachten Trump nicht als wählbar – die einem die Berichte ihrer Vergangenheit als Wahlkampfunterstützerin bieten. Die Gründe weswegen Steinem, die eine begeisterte Wahlkämpferin und Beobachterin war und ist, damals Hillary Clinton und weniger Obama unterstützte, über dessen Nominierung sie am Ende ebenfalls sehr erfreut war. Die Schilderung der Unstimmigkeiten bei den Wahlen damals als Al Gore gegen George W. Bush unterlag, die Manipulationsmöglichkeiten und die Überlegungen „was wäre wenn?

Gloria Steinems Reise durch Zeiten, Geschichten von Freundschaft, Arbeit für die Menschen und über den Planeten beginnt und endet in den Badlands; South Dakota. (Motorradfahrern dürfte Sturgis ein Begriff sein.) Die Seiten dazwischen sind aufrüttelnd, Augen öffnend, machen Mut, schenken Hoffnung und nur diese ermöglicht es einem, nach vorne zu schauen und weiterzumachen in Zeiten wie diesen. Ein Buch gerade auch für Töchter und Söhne (ab 16).

„Was einmal war kann wieder sein!“

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 11. Juli 2016
  • Verlag : btb
  • ISBN: 978-3-442-75703-9
  • Klappenbroschur: 384 Seiten

 

 

 

http://www.randomhouse.de/Paperback/My-Life-on-the-Road/Gloria-Steinem/btb-Hardcover/e505644.rhd#\|service  link aufs cover und Buchdetails —

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7 Gedanken zu “What if? Die Faszination des Konjunktivs

  1. Ich kann nur sagen: super gut erfasst – und ich werde diesem Buch auch noch einen Beitrag widmen. Denn Gloria Steinem und das, was sie zu sagen hat ist es mehr als wert, gehört und gelesen zu werden!!

    Gefällt 1 Person

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