Christian Ströbele – der letzte Radikale

StroebeleEs gibt nur noch wenige Politiker die – wie man sagt – ein Original sind. Auf Ihrer Meinung beharren und diese konsequenterweise vertreten, auch wenn die Folgen für einen persönlich schadhaft sein können. Viel zu sehr ist der graue Konsens in der Politik eingetreten, die Grenzen der Parteien, Programme und die Aussagen der Politiker verwischen sich. Auch das führt hier in Deutschland zu einer regelrechten Politik-Verdrossenheit, bei der auch schon mal bei Wahlen die Nichtwähler die stärkste Gruppe stellen.

Christian Ströbele ist so ein Politiker der, wie er selbst sagt, stur ist.

„Man muss mit der Klugheit und Sturheit eines Esels Politik machen.“

Was wissen wir von diesem letzten Urgestein, von dem zu Unrecht, wegen seiner RAF Verteidigung, in die linke radikale Ecke gesteckten alternativen Grünen? Stefan Reinecke hat eine klug recherchierte Biografie geschrieben, wobei man über den privaten Menschen Ströbele weniger erfährt, dafür umso mehr über den politischen, über den Werdegang eines fleißigen und sturen Strafverteidigers.

Als erstes räumt Reinecke mit einem Vorurteil auf:

„Ströbele gilt fast fünfzig Jahre danach als letzter 68er in der Politik – dieses eingefräste Bild steht in merkwürdigem Widerspruch dazu, dass er in den so gewissenhaft ausgeleuchteten Jahren 1967 bis 1969 nahezu unsichtbar bleibt. Ströbeles Antlitz ist auf keinem der unzähligen Demofotos zu entdecken, sein Name taucht in keiner der Biografien, Erinnerungen und Darstellungen über 1967/1968 auf, die längst Bücherwände füllen. Ströbele widersteht in den Gesprächen über diese Zeit übrigens der Versuchung, seine Rolle respektiv aufzublasen.“

Ströbele wird 1939 geboren und verbringt seine Kindheit in der Nähe von Recklinghausen, in einer Enklave der Ruhe im Vergleich zu den Wirren des zweiten Weltkriegs, die Deutschland heimsuchten. Sein Vater ist promovierter Chemiker und auch nach dem Krieg beim Wiederaufbau unersetzlich. Schon früh bildet sich ein Wesenszug von Ströbele heraus:

„Besonders heftig und trotzig reagiert Christian Ströbele, wenn er sich fälschlicherweise beschuldigt sieht. Im Konflikt mit dem Vater bildet sich sein intensives, affektiv aufgeladenes Verhältnis zu Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit heraus. Und eine Art Grunddistanz zu anderen. ‚Mein Vater hat mir nie etwas aus seinem Inneren preisgegeben. Und ich ihm auch nie etwas aus meinem.‘ sagt Christian Ströbele. Strafe, Schuld und Gerechtigkeit sind Themen, die ihn als Teenager umtreiben, mehr als andere. Es werden zentrale Sujets seines Lebens.“

Nach dem Abitur 1959 leistet Ströbele seinen Wehrdienst ab, lehnte aber die Beförderung zum Gefreiten ab. Hier kommt früh sein Motto zum Vorschein. Kämpfe gegen das System, mit den Mitteln, die das System dir legal zur Verfügung stellt. Eine Beförderung kann zwar theoretisch abgelehnt werden, das ist durchaus aber nicht die übliche Vorgehensweise.1960 studierte Ströbele Politik- und Rechtswissenschaften. 1969 legte er seine zweite juristische Staatsprüfung ab und erhält die Zulassung zum Rechtsanwalt. 1967 heiratet er, was ungewöhnlich für einen linken Aktivisten ist, und zieht nach Berlin, um dort das Sozialistische Anwaltskollektiv mit zu gründen, gedacht, um Personen zu vertreten, die es sich nicht leisten können, einen Anwalt zu bezahlen. Jeder erhält ein Einheitsgehalt, das sehr gering ausfällt.

Die nächsten Lebensjahre sind der RAF gewidmet, ein zentrales Thema in der BRD Anfang der 70er Jahre. Entstanden aus der APO und dem Unmut über der damaligen Auslegung der Gesetze, sahen manche linksradikale Aktivisten keine andere Möglichkeit, als in den Untergrund zu gehen und den Staat mit Waffengewalt zu bekämpfen. Reinecke ist ein sehr guter Beobachter der damaligen Zeit und setzt die Aktivitäten der linken Anwälte Schily, Mahler und Ströbele, die aus dem linken Anwaltskollektiv in Berlin hervorgingen, in das rechte Licht: Zu sehr haben diese sich von der RAF instrumentalisieren lassen. Ströbele bekommt das schmerzhaft am eigenen Leib zu spüren, als ihm kurz vor der Verhandlung das Mandat von Baader entzogen wird. Seine komplette Arbeit, seine Reisen in der BRD von einem Gefängnis zum anderen, alles umsonst. In der Zeit wird er auch wegen Verbreitung von Informationen einer kriminellen Vereinigung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Ein Indiz für die massive, agitative Arbeit der inhaftierten RAF-Mitglieder, die selbst ihre Verteidiger in ihren leninistischen Kampf gegen den Kapitalismus mit einbinden. Wer nicht so kuschte wie gefordert, dem wurde das Mandat entzogen, so wie Ströbele. Im Nachhinein (ist man immer schlauer) reflektiert Ströbele über diese Zeit:

„Die RAF hat Ziele. Das Malheur ist, dass das Ziel die Mittel heiligt. Die schändlichsten Mittel haben das Ziel verschandelt und zerstört. Je mehr sie von diesen Mitteln verwenden, umso mehr entfernen sie sich vom Ziel. Das ist das Ereignis dieses Jahrhunderts. Die RAF ist eine Reinszenierung des Debakels des linken, instrumentellen Putschismus, der mit eiserner Mechanik in einen Strudel von Vernichtung und Selbstvernichtung führt.“

Gerade diese Verbindung zur RAF wird Ströbele später immer zum Vorwurf gemacht. Ströbele ist aber keineswegs der Mithelfer, sondern der reine Verteidiger, derjenige, der hilft, das Gesetz zu respektieren, mit Fleiß und Geduld. Genauso agiert er auch bei seinen nächsten Projekten, der Mitgründung der linken Tageszeitung taz und bei seiner Arbeit bei der Alternativen Liste/Die Grünen. Die politische Arbeit ist weitab von Glamour und Luxus, auch hier will sich Ströbele nicht persönlich bereichern:

„Der Alltag in Bonn ist recht uniform. Ströbele und Knapp sind von morgens bis spät abends im Bundeshaus. Frühstück gibt es in der Cafeteria des Bundestages, mittags und abends geht es in die Kantine. ‚Es war uns völlig egal, was wir essen. Man isst, damit man satt wird, und geht wieder arbeiten, so Knapp. Die beiden leben in Bonn in einem Einzimmerappartment, das sporadisch zu nennen eine Untertreibung ist. Die Einrichtung besteht aus zwei Matratzen. ‚Ströbele hatte sein Fahrrad, seine Teekanne, Milch und einen Pullover. Mehr brauchte er nicht‘, so Knapp.“

Politische Attitüden sind ihm fremd. Schily und Fischer, die die Politik auch als Show betreiben, sind die Realos bei den Grünen, er ist einer der Radikalen. Als er nicht mehr im Bundestag sitzt und die Unterstützung seiner Partei verliert, schafft er als erster Grüner ein Direktmandat in Berlin, das er schon zweimal verteidigen konnte. Er ist nun unabhängig.

„Ströbele hat jetzt ein Mandat direkt von seinen Wählern. Er ist nicht mehr abhängig von der Partei, die ihn nicht mehr wollte. Jetzt ist er sichtbar für alle, was er immer schon war: Der freie Radikale.“

Nicht nur radikal ist er, er vertritt auch das Ursprüngliche der Grünen Politik, die Basisdemokratie:

„Wer ihn treffen will, muss schauen, wo in Berlin eine Demonstration stattfindet. Ob Christopher Street Day oder ein Meeting gegen Gentrifizierung, eine Großdemonstration gegen das Freihandelsabkommen TTIP oder eine kleine für Flüchtlinge – er ist dabei.’Die Straße ist der Ort, an dem sich in der Demokratie der politische Wille bildet. Das ist direkte Kommunikation‘, sagt er.“

Einer, der seine Überzeugungen nie gewandelt hat, nie geändert, der immer noch so denkt und handelt wie am Anfang seiner Karriere:

„Und er hat 1968 und 2016 die gleichen Überzeugungen – dass man den Verfassungsschutz abschaffen muss, dass der Kapitalismus ein krankes System ist, dass die USA eine imperiale Macht sind. Er ist im Laufe der Jahre milder geworden, aber nur ein wenig. Als er 70 Jahre wurde, bekundete er, weiter Politik zu machen, weil es mit der Weltrevolution noch nicht geklappt hatte. Das war kokett, aber nicht nur.“

Stefan Reinecke ist ein sehr gut recherchiertes Buch gelungen, das die Hintergründe der politischen Landschaft in der jeweiligen Zeit sehr gut ausleuchtet und Ströbeles Rolle auch mal kritisch hinterfragt. Von Ströbele als Mensch erfahren wir nicht viel. War er wirklich nur dieses Arbeits(Esels)tier, das sich vehement gegen Ungerechtigkeit stellte und ansonsten keine menschlichen Kontakte, Begegnungen außerhalb seiner Arbeit hatte? Schwer vorstellbar. Doch habe ich diesen Faktor nicht unbedingt vermisst, zu interessant und mitreißend sind Reineckes Ausführungen über den Werdegang in Ströbeles politischem Leben und die Hintergrundinformationen der BRD in diesen Jahren. Steht bei mir im Buchregal gleich neben der Biografie von Franz Josef Strauß.

Danke Christian für Deine vielen Jahre der politischen Arbeit, man muss nicht Deiner Meinung sein, aber man muss anerkennen, was Du geleistet hast! Menschen wie Dich brauchen wir noch viel mehr in der Politik!

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 01. April 2016
  • Verlag : Berlin Verlag 
  • ISBN: 978-3-8270-1281-4
  • Gebunden: 464 Seiten
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2 Gedanken zu “Christian Ströbele – der letzte Radikale

  1. Das Buch ist tatsächlich fast schon wie ein Roman zu lesen, da die angesprochene Zeit eine sehr spannende in der Bundesrepublik Deutschland war. Viele Hintergründe sind mir erst nach diesem Buch klar geworden!

    Gefällt 1 Person

  2. „Der freie Radikale“ sehr schön, wäre ich nicht so faul, würde ich das Buch jetzt unbedingt lesen wollen. Aber netterweise hast du ja viel Interessantes erzählt in deiner Rezi 😉 Politiker mit Profil und Ehrgefühl wie Ströbele werden leider immer seltner. Wir sollten sie feiern! Vielleicht mal in dritter Reihe suchen?

    Gefällt 2 Personen

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