Auf dem Flüchtlingstreck

kermani2015 war für Europa das Land der Flüchtlingsströme, die vermeintlich plötzlich über die unterschiedlichen Länder der Europäischen Gemeinschaft hereinbrachen. Plötzlich aber nur, wenn man das, was schon seit vielen Jahren in Syrien, Afghanistan und anderen Ländern des Nahen Ostens geschieht, aus der eigenen Wahrnehmung ausblendet. Jahrelang war der Krieg, der dort gegen unterschiedliche terroristische Gruppierungen geführt wird, nicht wirklich erfolgreich und vor allem weit weg. Doch ein Land wie Deutschland, das Millionen mit Waffenverkäufen auch in diese Region verdient, muss damit rechnen, dass diese Waffen auch benutzt werden – von wem letztendlich, das ist nicht zu kontrollieren. Doch warum setzten sich gerade letztes Jahr immer mehr Menschen den Gefahren aus, die auf einem langen Weg, der häufig in Schlauchbooten über das Mittelmeer führt, lauern?

“ Ohne Freiheit kann man leben, aber nicht ohne Frieden “

Navid Kermani begibt sich im Herbst 2015 selbst auf die sogenannte Balkanroute – allerdings von Köln kommend nach Lesbos, also in umgekehrter Richtung. Und trifft auf Menschen. Allen Alters. Die Flüchtlinge selbst sind überwiegend junge Männer – was den meisten Deutschen suspekt vorkommt, aber eigentlich logisch ist. Die alten, kranken, schwachen oder auch Kinder überleben die Strapazen einer Flucht vielleicht nicht und schicken deshalb die jungen starken, damit diese eine Zukunft finden können. Gut rasiert sind sie, die jungen Männer – auch das ist für manche Deutschen merkwürdig. Doch wer in seinem Heimatland den Tod in Kauf nimmt, wenn er sich den obligatorischen Bart abnimmt, der sieht in einer guten Rasur mehr: Freiheit.

Kermani ist nicht alleine unterwegs und auch nicht zu Fuß. Gemeinsam mit dem Magnum-Photographen Moises Saman fährt er zu den Ankunftshäfen, weiter über die Routen und kommt selbst immer wieder in eine moralische Zwangslage: einfach an den Flüchtlingszügen weiterfahren oder anhalten, Leute mitnehmen? Schlussendlich reagieren sie flexibel und kommen in Kontakt. Wobei Kermani, der ja in Deutschland aufgewachsen ist, stärkere moralische Bedenken hat, wenn keine Zeit zu helfen bleibt, als Saman, der die größte Zeit seiner Kindheit und Jugend in Spanien verbrachte, .

Die Hilfsbereitschaft, auf die sie aber in Form anderer Menschen treffen, erstaunt sie dennoch. Es sind vor allem junge Menschen, die mehr als ihre Zeit opfern, um Freiwilligendienste zu leisten. Auffallend ist zudem, dass gerade die Menschen, die nicht mehr viel haben, eher teilen und helfen, als diejenigen, denen es materiell gesehen besser geht.

Bei aller Empathie, die Kermani in ausreichendem Maße mitbringt, vergisst er nicht, genau hinzusehen und Merkwürdigkeiten zu hinterfragen, ebenso wie die Rolle der Medien bezüglich der erst so „weichgewordenen Republik“ und ihrer Willkommenskultur, die drei Monate später angeblich schon einer kollektiven Überforderung gewichen sein soll. Er hat viel erlebt, gesehen und er wurde von den Menschen und ihren Geschichten berührt. Daran lässt er uns bravourös journalistisch teilhaben. Kurz aber eindringlich, direkt, genau und nie um Effekte heischend. Er wirft Fragen auf, die über die sogenannte „Flüchtlingskrise“ hinausgehen, zum Beispiel. ob wir Europa wirklich wollen und lässt die Betroffenen direkt zu Wort kommen. Denn:

“ Die Hilfsbereitschaft jedenfalls ist nicht zurückgegangen, bestätigen die Behörden allerorten und belegt den Augenschein am Flughafenbahnhof von Köln. Und einmal persönlich berührt, von konkreten menschlichen Begegnungen erschüttert, wird die Not der Flüchtlinge und ihre Dankbarkeit Deutschland nicht mehr so leicht loslassen. Auch in Köln sind es, wie an allen Stationen entlang des Trecks, vor allem junge Leute, die sich freiwillig gemeldet haben, zwanzig, fünfundzwanzig Jahre alt und mit so vielen unterschiedlichen Kulturen, Kompetenzen, Sprachen, als seien sie gemeinsam die Verkörperung der europäischen Idee. Wenn, dann werden sie das Europa bewahren und neu beginnen, das unsere nicht mehr von Krieg und Faschismus geprägte Generation zu verspielen droht.“

Kermani ist Jahrgang ’67. Sein Glaube an die Jugend ist tröstlich, doch ich persönlich finde, wir sind noch nicht zu alt, um die Jugend in der Umsetzung der wahren europäischen Idee, die von vielen unserer Generation gerne angenommen wird, wenn es zum Beispiel um Urlaubsreisen geht, zu unterstützen. So wie die hervorragende journalistische Leistung Kermanis durch das geschulte, professionelle Auge und damit durch authentische Photos von Moises Saman unterstützt, ja komplettiert wurde. Gemeinsam geht es eben besser.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 24. Februar 2016
  • Verlag : C.H. Beck
  • ISBN: 978-3-406-69208-6
  • Klappenbroschur: 4. Auflage 2016. 96 Seiten mit 12 Photographien und 1 Karte

 

 

 

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2 Gedanken zu “Auf dem Flüchtlingstreck

  1. Kermani steht schon so lange auf meiner Liste, ich habe es einfach noch nicht geschafft, etwas von ihm zu lesen. Als Redner ist er beeindruckend und auch besonnen, was mir angesichts der oft sehr schnell hochkochenden Emotionen bei diesem Thema immer besonders angenehm auffällt.

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