NYC

NYCNew York City! Für die einen ein gottloser Moloch aus Stadt, Menschen, Dreck, Drogen, Zerstörung, Korruption und ein Ort grenzenloser Verrücktheit. Für die anderen ein Zuhause, Arbeit, Zuflucht, letzte Chance und ein Ort grenzenloser Verrücktheit. In Garth Risk Hallbergs City on Fire ist New York City die unbestrittene Hauptfigur des Buches. Und so wie New York City groß, überbordend und außergewöhnlich ist, so ist auch Hallbergs Buch voll mit diesen Ingredienzien.

Jedem Charakter ist ein Kapitel gewidmet, die letzten 160 Seiten springt Hallberg während des großen Blackouts in New York öfters von Figur zu Figur. Der Autor lässt sich viel Zeit mit der Entwicklung seiner Figuren, er bleibt auch nicht fortwährend in den 70er Jahren, wenn es notwendig ist, beleuchtet er die Kindheit seiner Charaktere.

Wir sind in New York, Sylvester 1976, es passiert ein versuchter Mord. Einer jungen 17-jährigen Frau wird in den Kopf geschossen. Mercer, ein schwuler farbiger Lehrer findet sie zufällig, nach einem Besuch der Hamilton-Sweeney Sylvester Party auf der er seinen Liebhaber William gesucht hat. William Hamilton-Sweeney III.  ist nicht dagewesen, er ist seit Tagen verschwunden. Bei der Befragung von Mercer durch die Polizei findet diese ein Päckchen Heroin in Mercers Mantel. Inspector Larry Pulaski, eigentlich wegen seiner erlittenen Kinderlähmung dienstunfähig, ermittelt.

Soviel zur Rahmenhandlung. Was heißt Rahmen, der einzige den dieses Buch hat, ist die Stadt. New York City wie sie in den 70er erlebt wird, wie sie fast zu Grunde geht, kein Geld mehr hat und Flächen, auf die niemand hinbauen will, geschweige denn hinziehen. Heute unvorstellbar! Hallberg hat diese große Stadt in ein Buch geformt, ein Buch wie diese Stadt, dicker als manch andere gebundenen Bücher und breiter und höher. Von außen fallen andersfarbige Streifen auf, Zwischenspiele, aufwändig gedruckt, mit Fotos, Bildern, Zeichnungen, Handschriftliches – und für das Buch unverzichtbar. Ein Auszug aus Samanthas Tagebuch, das Mädchen das fast gestorben wäre, jetzt aber im unheilbaren Koma liegt. Sam, wie sie genannt wird, ist die Verbindungsstelle aller Personen in dem Buch.

„Er sagte, unsere Vorstellung von Zeit sei nicht etwas, mit dem wir geboren werden, sondern etwas Kulturspezifisches.’Die Uhrzeit ist nicht älter als die Uhr. Die geht auf die Mönche zurück, sagte er, mit ihren Frühmetten und Abendgebeten und so weiter. Und je mehr unsere Fähigkeit, unser Leben in kleine Einheiten zu unterteilen, zunahm, desto mehr beschleunigte sich die Zeit selbst.“

Will ist Sänger der legendären Punkgruppe Ex Post Facto und nach seinem Ausstieg kam die Gruppe mit neuen Mitgliedern zusammen. Ja, auch Musik gehört zu diesem Buch, sicherlich der Punk, der damals aufkam, der Frust auf die Gesellschaft, die Zerstörungswut. Sam ist in einer anarchistischen Gruppe, die das Zerstören noch übt. Charlie Weisbarger zieht mit, weil er Sam liebt, beide kommen aus einem bürgerlichen Viertel aus Elternhäusern, die ihre Kinder nicht mehr zu Hause halten können. Sam ist innerlich weiter als die anderen:

„Aber das Ding ist, so denke ich inzwischen, dass man nicht nur nein sagen kann. Man kann nicht einfach alles, was Scheiße ist, kaputtmachen und davon ausgehen, dass das, was stattdessen entsteht besser sein wird. Irgendwann muss man anfangen, selbst etwas aufzubauen, selbst Verpflichtungen einzugehen. Sollte es beim Punk nicht darum gehen? Im Sinne von: Nicht verzweifeln Leute. Ihr könnt immer noch eine Gitarre und ein paar Drumsticks nehmen und etwas erschaffen.“

Es ist schwierig hier alle Fäden aufzuzählen, anzusprechen, die Familientragödien der Hamilton-Sweeneys, William der ausbrechen will, sein Schwulsein leben, aber trotzdem frei sein. Das Treffen mit Mercer beschreibt dieser so:

„Und dann rauften sie auf den minzgrünen Dielen, Gürtel, Hemden wurden ausgezogen. Lichter gingen aus. Hände fanden Haut. Alles, was passieren konnte, passierte, bis uaf das Unwiderrufliche, doch in dem Augenblick, als die Furcht ihn zurückhielt, war Mercer strenggenommen noch immer Jungfrau. ‚Weißt Du, was ich am liebsten mag?‘, fragte er keuchend (als wüsste er es selbst) ‚Hm‘ ‚Einfach mit jemanden Schlafen. Einfach neben jemanden zu sein, wenn ich schlafe.“

Jedes Kapitel eine Art Nabelschau der Charaktere, ein langsames Winden um sich selbst, die Ereignisse, die Situationen teilweise wie in Zeitlupe erlebt. Hallberg hat sein Fernrohr fest auf dieser Stadt, auf den Menschen dort, vergrößert sie und beobachtet alles aus dieser Warte.

NYC_WTC„Als Mercer sich verwirrt zu ihm umdreht, war es als sei eine Maske verrutscht. William hatte laut nachgedacht, sich an etwas erinnert, und ein paar Sekunden lang wusste sein Gesicht nicht, was es mit sich anfangen sollte. Mercer spürte mit einem Mal, wie groß ein Rückstand tatsächlich war, was das Alter anging, die finanzielle Unabhängigkeit, die Hautfarbe und die sexuelle Weltgewandtheit – wie sehr er William verehrte, ihn wollte, ihn brauchte.“

Der Mercer, der aus Georgia kam und sich in dieser Stadt zurechtfinden muss und wie viele andere Charaktere in ihrem Leben, doch scheitert.

„Das Scheitern ist so viel interessanter. Alle Hinweise deuten darauf hin, dass Gott die Menschheit als sein Scheitern ansieht. Die Dinge werden erst dann interessant, wenn sie in die Brüche gehen.“

Und auch die Stadt scheitert fast, der große Blackout im Juli 1977 bringt die Stadt an den Rand der Anarchie. Hallberg verknüpft die verschiedenen Fäden und versucht diese in den letzten pulsierenden 160 Seiten zusammenzuführen. Nein, es ist kein richtiges Ende, keine Aufklärung, gibt es so was in der Wirklichkeit? Das Buch hätte noch 1000 Seiten weitergehen können.

City On Fire ist ein waghalsiger Roman, einer, der Größe verspricht und dann doch nicht ganz hält. Die Gigantomie des Buches, die Dicke, der Umfang, entsprichen nicht der doch recht konventionellen Erzählweise. Es fehlt so manches Mal eine Vision, eine Leidenschaft, die die Figuren erleben, Hallberg ist ein nüchterner aber phantasievoller Erzähler, der sicher interessant genug ist, damit der Leser das Buch zu Ende liest, aber so richtig mitreißen konnte er mich nicht. Es geht um viele Themen, Musik und doch wieder nicht, Familienbande aber doch nicht ganz, der Erzähler streift diese Themen, möchte sich aber nicht komplett darin verlieren, nicht zu tief gehen. Trotzdem gelingt Hallberg hier vieles, er tariert die Anzahl der Personen und Themen geschickt miteinander aus und hat eine schöne fließende Sprache, die andererseits manchmal nicht ‚in die Pötte‘ kommt.

So ist dieser Roman gefühlte 500 Seiten zu lang, hat mich aber dennoch gut unterhalten. Es hatte einfach Spaß gemacht darin zu lesen und das Buch in den Händen zu halten, was ja mit zu den Freuden des Lesers gehört. Sicher eine der interessanteren Neuerscheinungen dieses Jahres.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 10. März 2016
  • Verlag : S.Fischer
  • ISBN: 978-3-10-002243-1
  • Gebunden: 1080 Seiten
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