nostalgisches Understatement – der Verlust der Unsterblichkeit

Bjerg_Auerhaus_U1.inddBei gutem Wetter, passender Aussichtspunkt vorausgesetzt, kann man bei uns im Gäu die Alb sehen. Ferne Hügel, die am Horizont lockend aufragen. Karge wunderschöne Landschaft jwd (janz weit draussen) . Früher wochenends kamen die jugendlichen, motorisierten Älbler gerne zu uns, Spaß haben und sich zuknallen mit was immer auch greifbar war. Da kannten die keinen Spaß, das wurde mit Ernst betrieben und stringent verfolgt. Immer spannend anzusehen und interessant, auch weil die Verständigung aufgrund erheblicher sprachlicher Differenzen (der Älbler Dialekt ist nochmal was ganz anderes als das meist gemässigte schwäbisch, das bei uns gepflegt wurde) meist nicht ganz so gut klappte. Die Älbler waren sogar noch eine Klasse härter als die Schwarzwaldelche, die auch lange Wege in Kauf nahmen, um der Enge ihrer dörflichen Gemeinschaften zu entfliehen. Während wir Aufregung und Abwechslung in Richtung Landeshauptstadt Stuttgart suchten, landeten die Älbler toxisch aufgeladen glücklich bei uns. Eines war allen gemein. Berlin war für sehr viele DAS große ZIEL, wenn es darum ging nach Schulabschluss – etliche auch vor –  den ganzen engstirnigen Scheiß hinter sich zu lassen.

Raus aus allem wollen auch Höppner, Vera und Cäcilia, die zusammen in der Kreisstadt am Fuß der Alb kurz vorm Abi stehen. Nur Frieder, der weiß nicht was er will, d.h. er wusste es oder sah keine andere Wahl, deswegen ziehen die anderen zusammen mit ihm ins Auerhaus – eine Schrottbude, die seinem Opa gehörte – mitten im Dorf. Der erste Schritt zum eigenständigen Leben ist damit getan.

Fortan geht es in dieser WG darum Spaß, zu haben und zu leben, Lebensmut und Freude in den depressiven Kumpel zu bringen. Viel unbewusste Verantwortung für Höppner, der sich immer noch nicht sicher ist, ob das mit dem Abi was wird und was er mit dem Musterungsbescheid anstellen soll. Berlin? Zivildienst? Die Mädels sind da schon weiter, lauern in den Startpositionen auf eine gloriose Zukunft, abgesehen von Pauline, die ihrem Namen alle Ehre machend gerne mit dem Feuer spielt.

Berg lässt seinen Erzähler Höppner so knapp und doch präzise diese Zeit und die Stimmung schildern, dass sich Auerhaus ratzfatz wegliest. Fast überliest man dabei die wunderbaren Sätze, die so schlicht und doch hundert Prozent punktgenau sind für die Kleinstadt/Dorfjugend Jugend der Babyboomer Generation. Er fängt diese jugendlich rotzige Aufbruchstimmung greifbar ein und als Leser wird man in die eigene Jugend zurück katapultiert. Allein die Szene, in der Höppner zwei Stunden zu spät zur Deutschklausur erscheint, absolut null checkt – keine Zeit zum Lernen und viele andere Gedanken und Dinge, die wirklich wichtig sind – und nicht über den zweiten Satz seiner Texterörterung raus kommt, bis er drauflos schreibt und verzweifelt schwallt:

„Ich suchte nach dem Wort, das Dr. Turnschuh mal verwendet hatte. Sowas wie Flucht auf Englisch, aber auf Deutsch, und mit einer Fremdwort-Endung. Irgendwastion. Dingsistik. Dingsorium. Eskapismus! Andererseits: Gefahr von Eskapismus. Von borniertem Eskapismus. Ziemlich am Schluss, wo man ja immer die eigene Meinung sagen sollte zitierte ich Frieder, aber ohne seinen Namen zu nennen.“ Literatur ist das Papier, mit dem sich jedes Arschloch putzt“

Die WGler wollen sich befreien, Frieders Depression abwenden, alles anders machen, raus aus dem Muff, dem sie entwachsen sind.

So vieles wird in Auerhaus wieder wachgerufen. Diese Verschwende deine Jugend Attitude, die doch keine ist, sondern eine Suche, die wohl viele von uns durchgemacht haben. Bov Berg lässt diese unzähligen kleinen Details so genial vor dem Leser auffahren, haut mal scheinbar eben so Sätze raus, Sätze die so klar und wahr sind, dass es schmerzt:

„Frieder sagte, du hast die Augen zu und treibst auf deiner Luftmatratze, ein sanfter Wind weht und du denkst, geil, jetzt lebe ich für den Rest meines Lebens hier in dieser Lagune, in der Südsee. Und dann machst du die Augen auf und merkst, es ist bloss ein Nachmittag am Baggersee, und zack ist der auch schon wieder vorbei.“

Höppner erzählt und erzählt, rückblickend, aber ganz in jener Zeit; wie ihm alles entgleitet – dabei hatte er nie die Kontrolle, man hat sie nie- aber diese Zeit die kann einem keiner nehmen. Die prägt und sie ist im Hintergrund immer dabei, meist verklärt und das ist die Kunst im Auerhaus. Hier ist nichts verklärt, hier wird gelebte Realität erzählt. Fiktiv oder nicht, völlig egal, denn es fühlt sich echt an und  eingangs steht: „Alle Personen sind erfunden, alle Handlungen verjährt.“

Von mir also mal wieder eine lobhudelige Liebeserklärung und Leseempfehlung, aber Vorsicht. Den blöden Song von Madness kriegt man noch Tage danach nicht aus dem Kopf!
…in the middle of the street… 😉

 

Eine kleine Playlist der Songs aus vergangenen Zeiten die ich in diesem Alter abgenudelt habe:

Stranglers

John Lennon 

Dead Kennedys 

Ten Years After

Deep Purple  

Schröder Roadshow

Carolyne Maas

Rio Reiser

Doors

Birth control

Kraan

Vielleicht erinnert sich die eine oder der andere 😉 Die Auerhaus Playlist findet ihr hier. Davon hat mich auch etliches sehr zum Lächeln gebracht.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 17. Juli 2015
  • Verlag : Blumenbar
  • ISBN: 978-3-351-05023-8
  • Gebunden: 240 Seiten

 

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10 Gedanken zu “nostalgisches Understatement – der Verlust der Unsterblichkeit

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