Lassie im dritten Reich

SiriusWirklich, ich lebe in finsteren Zeiten.              

Das sorglose Wort ist töricht.                        

Eine glatte Stirn deutet auf Unempfindlichkeit hin.

Der Lachende hat die furchtbare Nachricht nur noch nicht empfangen.

Bertolt Brecht

Das dritte Reich. Systematische Vernichtung von 6 Millionen Juden. Der zweite Weltkrieg. Millionen von Kriegsopfern. Zerstörte Länder, zerbombte Städte. Eine dunkle Zeit. Wenn ich als Schriftsteller darüber schreibe, wie gehe ich damit um? Jonathan Crown hat in seinem ersten Roman entschieden, darüber zu lachen. Nein, nicht über die Zeit, nicht über das Elend, aber über den Ernst. Damit es aber nicht so aussieht, als würde er sich über diesen Zeitabschnitt lustig machen, hat er einen kleinen Hund vorgeschickt. Wie man weiß, haben Tiere ja auch einen großen Therapieeffekt. Und, nein so ganz lustig ist es dann doch nicht geworden.

Sirius ist ein Zeitzeuge im Berlin der 30er Jahre. Ein jüdischer Hund. Oder nein, ein Hund der jüdische Halter hat. Doch auch das soll sich im Verlaufe der Zeit ändern.

Eigentlich hatte er einen anderen Namen.

„Der Hund sitzt bei Else auf dem Schoß. Er hat die ganze Zeit aufmerkam zugehört. ‚Sirius?‘, flüsterte Benno und schaut Else fragend an. Die Umtaufung ist an ihm unbemerkt vorbeigegangen. ‚Ja, Sirius‘, sagt Liliencron. ‚Das ist jetzt sein Name. Wir alle haben neue Namen, also auch der Hund. Jeder hat seine Maske in diesen makabren Zeiten.'“ 

Und einen beeindruckenden Stammbaum. er stammt nämlich aus einem Wurf namens Reich. Und der dritte Wurf, also der dritte Reich bringt Sirius hervor. Hier bemerkt man schon die feine Ironie, die diesen Roman (oder besser die Scharade) durchzieht. Plan war einen hochintelligenten Hund zu züchten und das ist mit Sirius gelungen. Doch trotz aller Intelligenz fehlen auch ihm manchmal die Worte.

„In Momenten wie diesen bedauert Sirius, dass er nicht wirklich ein Gesprächspartner ist. Ihm fehlen die Worte. ‚Seit 160.000 Jahren gibt es uns Menschen‘, murmelte Liliencron. ‚Und nur fünf Jahre hat Hitler gebraucht, um Menschlichkeit zu zerstören.‘ Eine Ente schwimmt gemächlich auf dem See. Sie ist unbeeindruckt. Enten gibt es seit etwa 30 Millionen Jahren.“

Das sind so Momente im Roman, in denen einem die feinen Härchen im Nacken und auf den Armen zu Berge stehen. Jonathan Crown hat eine subtile Art das Schreckliche zu beschreiben und einen kleinen Lacher einzubauen, dabei wirkt das Bild trotz seiner Lächerlichkeit, tragisch. Ein weiteres Beispiel, als Sirius das Tun der Menschen in der Kristallnacht beobachtet.

„Sirius sitzt am Fenster. Er schaut hinaus in die Hölle auf Erden und denkt: ‚Sind das Menschen?‘ Er blickt hoch in den Nachthimmel. Das LIcht in der Dunkelheit, sein Leidensgenosse, ist nicht zu sehen. Hat der Stern [der Hundsstern, Anm. des Rezensenten] die Hoffnung aufgegeben? Oder sind es nur die Rauchschwaden, die das Universum dicht über den Dächern begrenzen? Sirius hört die Stiefel, die Stimmen, die Schüsse.“

Sirius emigriert mit seiner Familie in die Staaten, nach Hollywood und erlebt dort eine großartige Karriere als intelligenter Hund im Film. In dieser Phase wirken die Abenteuer eher ein wenig wie ‚Der Hund[ertjährige] der über den großen See kam und beim Film landete‘. Er trifft einen Haufen von damaligen Prominenten, doch letztendlich kommt es zum großen Showdown doch wieder in Berlin. Und dort wird aus dem jüdischen Hund ein ganz und gar arisches Tier. Doch lest selber.

Ein vergnüglicher Parforceritt eines sympathischen Kleintieres, welches in einer aufregenden und schrecklichen Zeit lebt, dabei augenzwinkernd allerhand Unmögliches erlebt, welches der Autor skizzenartig als Scharade dem Leser erzählt. Dabei tut einem, besonders im ersten Teil, das Lachen richtig weh. Der zweite Teil wirkt, gerade wegen der massiv auftretenden unwahrscheinlichen Szenen, etwas konstruiert. Trotzdem bestens geeignet für Jugendliche, die man an dieses Thema heranführt.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 08. April 2016
  • Verlag : Kiepenheuer & Witsch
  • ISBN: 978-3-462-04858-2
  • Taschenbuch: 304 Seiten
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s