Der Sommer 1926

978-3-99200-152-1[1]Der Sommer 1926 sollte ein intensiver und arbeitsreicher werden, einer der mit einem weit gereiften oder gar vollendeten Romanmanuskript sein Ende findet. So jedenfalls stellte sich F. Scott Fitzgerald seine Zeit in Juan-les-Pins, das seinen letzten ruhigen Sommer vor der Touristenschwemme erlebt, vor. Die Idee des Romans im Kopf, das Konzept noch unausgereift, will er zur Ruhe kommen, schreiben, tatsächlich arbeiten. Keine Ablenkungen durch Freunde oder Gelage, wie es in Paris so häufig der Fall ist. Doch erstens kommt es anders … und zweitens als man denkt.

Zelda und Scott wohnen mit ihrer kleinen Tochter Scottie nicht weit entfernt von der Villa America, die ihre guten Freunde Sara und Gerald Murphy zu einem Treffpunkt der Kunst machen. Gerald harkt den kleinen – zu dieser Zeit noch öffentlichen – Strand eigenhändig, damit sich die kleine dauerhaft anwesende Gesellschaft dort wohlfühlt. Sara bewirtschaftet liebevoll ihren Garten und kümmert sich professionell um das Wohl der wechselnden Gäste, zu denen auch Dorothy Parker oder Pablo Picasso gehören. Fitzgerald sieht in den etwas älteren Murphys mehr als nur gute Freunde. Obwohl das Ehepaar selbst ursprünglich nicht aus künstlerischen , sondern eher aus Fabrikantenkreisen stammt, schart es die verschiedensten Künstler der unterschiedlichsten Gattungen um sich und fällt auch selbst durch absolut kreative und kunstvolle Aktionen auf. Der neueste „Erwerb“ ihrer „Künstlersammlung“ ist ein junger amerikanischer Schriftsteller, der ebenfalls als Expatriot in Paris lebt und den Fitzgerald persönlich seinem eigenen Verlag so lange empfahl, bis dieser ihn unter Vertrag nahm: Ernest Hemingway.

Dass Fitzgerald aufgrund seines egozentrisch angelegten Charakters nicht damit klar kommt, dass er seinen Platz im Freundeskreis mit Hemingway, den er für sehr begabt hält, teilen oder gar an ihn abgeben muss, ist die Interpretation Emily Waltons in ihrer zwar kurzen aber gut recherchierten und detailreichen, literarischen Biographie Der Sommer in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte. Emily Walton bleibt dabei aber nicht nur bei Fitzgerald und seinen Kapriolen, sondern beschreibt das Gefühl dieses einen letzten Sommers ohne Touristenströme, der diese Gegend noch bezaubernder und die Zeit noch goldener erscheinen läßt.

Der F. Scott Fitzgerald, den Emily Walton zeigt, ist ein komplett egozentriert agierender und lebender Mensch. Obwohl die zitierten Passagen aus Briefen durchaus Raum für andere Auslegungen lassen.

Noch in Paris hat er  seinem dortigen Saufkumpan James Rennie angeboten, an der Dramatisierung des Stücks The life of Brigham zu arbeiten. Sonst in seinen Briefen so von sich selbst und seinem Können überzeugt, schreibt er nun in seiner verschnörkelten Handschrift: „Ich nüchterte in Paris aus und verbrachte drei Tage damit, [das Stück] Brigham in eine Form zu bringen. Danach habe ich hier unten noch eine Weile daran gearbeitet und ein zaghaftes Konzept gemacht. Aber ich glaube nicht, dass ich das Rennen machen könnte. Je mehr ich mich damit plage, desto überzeugter bin ich, dass ich die Idee zugrunde richten würde.“

Aus diesen Zeilen spricht für mich eher das Erkennen des eigenen Unvermögens, sich des Stoffes eines anderen anzunehmen und ihn in eine Bühnenfassung zu bringen. Emily Walton hingegen deutet die paar Zeilen des Briefes anders:

„Zwischen den Zeilen steht, dass Scott hier in Südfrankreich Besseres zu tun hat. Er will nicht fremden Stoff bearbeiten. Im Moment will er nicht einmal eigenen Stoff schreiben.“

Doch woher sie diesen Eindruck nimmt, das erfährt man nicht. Und genau das ist es, was ein kleines Manko an diesem ansonsten sehr schön und liebevoll gestalten – außen wie innen – Büchlein für mich darstellt: Personen, die vor langer Zeit gelebt haben und Situationen, die sich ebenso lange her ergaben, werden bewertet. Und das ganz eindeutig. Zugute halten muss man der Autorin aber auch, dass sie sich sehr eingehend mit diesem Sommer 1926, nach dem sich einiges im Leben der angesprochenen Personen geändert haben wird, beschäftigt hat und alle Darsteller dieser Sommergeschichte gleichermaßen interpretiert. Kritisch lässt sie ihren Blick auf alle fallen, nicht nur auf Fitzgerald. Sprachlich bleibt sie dabei schnörkellos. Man merkt dem Text, der kein Roman ist, sondern der biographischen Literatur zugeordnet werden muss, an, dass Emily Walton sich sehr eingehend mit Zeit, Ort und Personen beschäftigt hat.

Die äußeren Umstände, die Fitzgerald von der Arbeit abhalten – Zelda ist kränklich, er selbst kann damit nicht umgehen, zu viele neue Bekanntschaften und alte Freunde verleiten zum exzessiven Trinken – führen dazu, dass der geplante Roman erst Jahre später vollendet sein wird. Die zugrunde liegende Idee wird verworfen und der Sommer 1926 mit seinen extravaganten Auswüchsen wird das Thema des Romans, der neben dem heute als zukunftsweisend geltenden, damals aber kaum verkauften, Gatsby, als einer der besten amerikanischen Romane aller Zeiten gilt: Zärtlich ist die Nacht. Gewidmet hat er ihn – nach mehreren Umarbeitungsmaßnahmen – seinen damaligen Freunden Sara und Gerald. Genutzt hat die Widmung nichts. Die Freundschaft hatte durch zu viele Eskapaden, durch zu viel persönliches, was in literarischer Abwandlung an die Öffentlichkeit kam, durch zu viele Verletzungen zu stark strapaziert. Zurück geblieben ist jedoch ein meisterhaftes Werk und das sollte man unbeeindruckt von den menschlichen Schwächen des Autors kennen lernen – und somit wertfrei.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 01. März 2016
  • Verlag : Braumüller Verlag
  • ISBN: 978-3-99200-152-1
  • Gebunden: 168 Seiten

 

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2 Gedanken zu “Der Sommer 1926

    • Ja, derzeit gibt es viel über Fitzgerald. Mag an seinem 120. Geburtstag im September dieses Jahres liegen 😉 Und Schwächen sind es für mich – andere sehen das ja vielleicht anders.

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