Mona Lisa – Schönheitskrimi und Krimischönheit

Gibt es in der Post-Dan-Brown-Ära auch Bücher, die in diesem Genre nicht einfach nur eine gähnend langweilige Themenvariation, ein flacher Abklatsch des Originals sind? Gibt es vielleicht sogar eine Modernisierung, eine Verbesserung dieser Literatur mit aktuelleren Bezügen und einer echten Botschaft jenseits von Verschwörungstheorien – einen sogenannten Dan Brown 2.0? Tibor Rode ist mit seinem Roman genau an diesem Punkt angetreten und meiner Meinung nach schaut der Wettkampf mit dem alten Krimimeister sehr gut für ihn aus.

Der Leser wird mit vielen wechselnden Schauplätzen in eine komplett surreale und rasante Story geworfen. Am Anfang dachte ich mir schon: Wie zum Teufel will der Autor diese diametral entgegengesetzten Handlungsstränge und Kausalitäten zu einer ganzen, konsistent logischen Story zusammenflicken, ohne dabei Zusammenhänge völlig an den Haaren herbeizuziehen? Das geht entweder komplett in die Hose oder es wird extrem genial – und es wurde sehr gut. Wie wenig die Handlungsstränge vordergründig miteinander zu tun haben, zeigt Euch diese Aufzählung der Ausgangssituation: Amerikanische Schönheitsköniginnen werden entführt, pandemisches Bienensterben, ein Anschlag auf den Turm des Leipziger Rathauses, die Entführung der (nicht schönen) Tochter einer Wissenschaftlerin aus einer Magersuchtklinik, ein Computervirus, ein Säureattentat auf ein Bild, das Tagebuch von Luca Pacioli aus Florenz anno 1500, und last but not least, das Verschwinden eines reichen polnischen 60-jährigen Firmeninhabers. All diese verwirrenden Handlungsstränge werden tatsächlich konsistent vom Autor auf ein Motiv, einen Hintergrund, auf eine Formel gebracht, aber jetzt schweige ich schnell, denn sonst wird hier zu viel gespoilert.

Die Hauptfiguren sind auch sehr gut entwickelt: die schöne, rationale Wissenschaftlerin Helen, die sehr verzweifelt nach ihrer entführten Tochter sucht, der knurrige FBI-Ermittler Millner mit typischen Polizistenproblemen inklusive persönlicher Traumata und beruflicher Kalamitäten und der hübsche verwöhnte polnische Millionärssohn Weisz, der sich auf die Suche nach dem verschwundenen Vater macht.

Am allerbesten gefiel mir jedoch, wie vom Autor Fiktion und Fakten gut recherchiert und perfekt inszeniert, miteinander verwoben wurden. Ich liebe es, wenn ich viel Neues lerne und beim Lesen in Wikipedia nachschlagen muss, weil ich mir nicht sicher bin, ob der Autor das jetzt erfunden hat, oder das Detail tatsächlich existiert. Wusstet Ihr zum Beispiel

  • dass es 3 Gemälde von der Mona Lisa gibt – eines im Prado, eines irgendwo in der Schweiz und das eine im Louvre?
  • dass sich die Bienen auch in der Fibonacci Zahl fortpflanzen – ich dachte bisher nur die Kaninchen – dass die Fibonacci Reihe quasi ein Bauplan der Natur ist?
  • Was Synästhesie für eine Wahrnehmungsstörung ist?

So geht die vergnügliche Schulstunde, Detektivgeschichte & Rätselschnitzeljagd á la Sakrileg munter weiter und übermittelt dem Leser schlussendlich sogar die moderne Botschaft, sich nicht dem Wahn der perfekten Schönheit zu unterwerfen.

Einen Kritikpunkt möchte ich dann aber doch noch anbringen. In einigen Szenen hat der Autor bei der Konzeption der Story meiner Meinung nach zu viel auf den Booster des Unwahrscheinlichkeitsantriebs gedrückt, da wird der Plot dann wirklich zu abgefahren. Beispielsweise kann ich mir nicht vorstellen, dass man heutzutage noch immer so einfach ein Bild stehlen kann oder dass der erfahrene FBI Agent Millner, wenn er danebenschießt, auch noch den Richtigen trifft.

Fazit: Wer das Genre mag, wird begeistert sein und auf die große Verfilmung im Hollywood-Stil bin ich auch schon gespannt.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 24. März 2016
  • Verlag : Bastei-Lübbe
  • ISBN: 978-3-78572-567-2
  • Flexibler Einband : 460 Seiten
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2 Gedanken zu “Mona Lisa – Schönheitskrimi und Krimischönheit

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