Ich sah….

AtlaseinesEine Reise durch die Welt. Die Dinge die man dort sieht, lassen einen erbleichen, erschrecken, erschaudern vor so viel Vielfalt, Gleichgültigkeit und Grausamkeit. Derartige Dinge zu sehen ängstigt den Reisenden, so entsteht der Atlas eines ängstlichen Mannes.

Es sind 70 einzelne Reiseberichte, die uns Christoph Ransmayr vorlegt, in Prosa Form, in langsam geschwungener Schrift, nicht das Schriftbild, das natürlich gleich bleibt, nein die Gedanken des Lesers wandern in Wellen gleich durch die Bilder des ängstlichen Mannes.
Ransmayr beginnt alle siebzig Bilder mit den beiden Wörtern ‚Ich sah….‘ an und fängt die Bilder ein.

„Ich sah eine samtschwarze, von unzähligen Lichtpunkten tätowierte Finsternis über mir, ein scheinbar grenzenloses, bis an die fernsten Abgründe des Alls ausgespanntes Firmament, während ich auf dem flachen Boden eines Kahns lag, der unter den Ruderschlägen eines Fährmanns aus dem Volk der Maori durch die Nacht glitt.“

Ich sah ist eindrücklich, nicht dass dieses noch einmal gesehen wurde, eine Momentaufnahme des Erlebten, einzig subjektiv, nicht reproduzierbar. Aber mit sehenden Augen durch die Welt zu laufen birgt so viel Möglichkeiten, etwas wahrzunehmen, was dieses Buch nur ansatzweise vermitteln kann. Dabei ist es wichtig, das Ungesehene zu sehen und das ist was Ransmayr uns zeigen will. Ungesehene Dinge machen uns aber auch viel Angst. Diese Angst, vor dieser erbarmungslosen Natur und den Eindrücken, die gesehen werden, diese Unendlichkeit, die nicht zu ertragen ist, diese Angst kann nur teilweise gelindert werden.

„Keine Angst, hörte ich sein nachleuchtendes Bild, einen Unsichtbaren, der mich an der Hand nahm, sagen, keine Angst, wir würden der Milchstraße über unseren Köpfen bis an ihr Ende folgen und brauchten dabei selbst einen Sturz nicht zu fürchten. Denn wer in dieser Finsternis stolperte und fiel, käme auf weichem Grund zu liegen, auf stardust, Sternenstaub.“

Die Bilder brennen sich einem oft schon nach 2 Sätzen in den Kopf ein, es ist so intensiv beschrieben, dass man als Leser an den Worten klebt, Ransmayr lässt keine Empfindung aus, aber sagt durch das Ungesagte doch so viel mehr. Ein Berg aus Wal schiebt sich einem vor die Augen und auch die Gedanken dazu, die tiefen Träume und unendlichen Spiegel der Seelen, die dies schon sahen, sind in der Beschreibung mit vereint.

„Die Riesin sah mich an, nein: streifte mich mit ihrem Blick und änderte dann ihren Kurs um einen Hauch gerade so viel, daß wir einander nicht berührten. Aber obwohl sie mir mit dieser Andeutung einer Seitwärtsbewegung auswich und damit mein Dasein immerhin wahrnahm und anerkannte, glaubte ich in ihrem Blick eine so abgrundtiefe Gleichgültigkeit zu sehen – vergleichbar der eines Berges gegenüber dem, der ihn besteigt, der des Himmels gegenüber dem, der ihn durchfliegt – daß mich ein Gefühl überkam, als müßte ich mich unter diesen Augen ohne den geringsten Rest auflösen, müßte unter diesen Augen verschwinden, so, als hätte ich nie gelebt. Vielleicht war diese Riesin in Schwarz tatsächlich aus ihrer Tiefe zu einem Atlantikschwimmer emporgeschwebt, um ihm eine Ahnung davon zu vermitteln, wie reich, wie vielfältig, unverändert und selbstverständlich die Welt ohne ihn war.“

Der Kontrast Mensch, Natur wird in vielen Bildern dargestellt und so ergibt sich auch langsam ein Puzzlestück des Menschen, wie er gewesen ist, warum er so denkt und so geworden ist, welche Träume, welche Sehnsüchte er hat, alles hat seinen Anfang, sein Ende:

„Es waren tatsächlich Flügel, die Flügelschläge Tausender und Abertausender Saatkrähen, die an diesem wie an jedem anderen Abend auch ihre Schlafbäume am Steinhof aufsuchten, die ein in Ungnade gefallener Planer vielleicht nicht nur des Schattens und Vogelgesangs wegen, sondern auch in der Absicht gepflanzt hatte, dass aus den Baumkronen Tag für Tag ein Beispiel dafür gegeben werde, wie das ging, wie das aussah: sich nach Belieben von der Erde zu lösen, sich über Dächer und Pavillons und Mauerkronen zu erheben oder auf unverrückbaren Orten unter einem fließenden Himmel nach Belieben auch wieder zu landen, dort zu singen, zu krächzen oder zu verstummen, um erneut aufzufliegen, allein oder inriesigen Schwärmen, und zu flattern oder zu segeln, wohin auch immer, jedenfalls aber auf und davon.“

Des öfteren passt das Bild nicht zum selbst erlebten, dann gibt es keinen Zugang zu dem poetischen Werk, doch das wird bei dem einen Leser mehr, bei dem anderen weniger sein. Ich konnte leider nicht in alles eintauchen, vieles war flüssiger, manches hart wie Stein. So müssen die Geschichten öfters gelesen werden, müssen die Wörter die eigenen Widerstände aufweichen, bis man sie versteht und genießen kann.

Ein außergewöhnliches Werk, das viel Empathie und eintauchendes Wollen verlangt. Einmal von diesen Wörtern umwoben, verfehlt diese unglaubliche Sprachkunst und poetische Kraft der Bilder ihre Wirkung nicht.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 24. Juli 2014
  • Verlag : Fischer
  • ISBN: 978-3-596-19563-3
  • Taschenbuch: 464 Seiten
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3 Gedanken zu “Ich sah….

    • Danke für das Lob! Mit manchen Bildern konnte ich nicht so viel anfangen, aber definitiv ein Buch zum Wiederlesen und Vorlesen. Vielleicht werden die Bilder mit den Jahren dann klarer.

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