Kategorie: Pageturner die vom Feuilleton in Grund und Boden verdammt wurden…

9783869710082_10Demokratie ist eine Schönwetter – Regierungsform. Sie verträgt es nicht auf den Prüfstand gestellt zu werden.

Das Matriarchat hat sich gegenüber dem Patriarchat durchgesetzt, zumindest in der Politik. Teilweise. Und schonend.
Die Frauen sollen es richten, jetzt wo die Chose eh schon im Endspurt zum Untergang des Homo Sapiens ist. Damit sind nicht alle einverstanden. Sebastian Bürger, dessen Geschichte hier erzählt wird, erst recht nicht.

„Aber es ist eine Lüge, verstehst du, eine Lüge. Wir wollen keine gleichberechtigten Beziehungen. Kein Mann will das. … Wenn du wissen willst was Männer wirklich wollen, schau die Pornos an. Pornos sind dafür da männliche Wünsche zu erfüllen. Und wenn Männer auf Solidarität, Respekt und Beziehungen auf Augenhöhe stehen würden, wären Pornos voll davon. Sind sie aber nicht. Und? Was sagt dir das?“

Bürger,  Liebhaber der guten alten 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts,  enttäuschtes, waidwundes Scheidungsopfer, ist intensiv und aktiv dabei, seinem Opfer Status zu entkommen. Dabei bedient er sich gerne bei Ratschlägen zur Gehirnwäsche. Und den neuen Youth Pillen kann auch er sich nicht entziehen. Was juckt schon das cancerogene 60% Restrisiko angesichts des Weltuntergangs in klimatisch bedingtem Chaos & Anarchie.

Vergesst „The Circle“, schlechtgeschriebener Zukunftsbrei. Karen Duve hat mit „Macht” die derzeitige Realität weitergedacht. Eine Zukunft, die wesentlich eindrucksvoller, realitätsnäher, bedrückender und greifbarer erscheint als jene, die Dave Eggers erdachte.
Allein der zwiegespaltene Antagonist, der unter akuter kognitiver Dissonanz leidet, ist ein Bravourstück par excellance. Duve lässt ihn am laufenden Meter Sätze raushauen, die einem direkt in die Fresse schlagen. Sie ist am Puls der Zeit, denkt den Zeitgeist und seine verschiedenen Strömungen weiter. Das ist schwer zu ertragen, hart auszuhalten, kein Buch für Weicheier, die lieber die Vogel Strauss Taktik weiterverfolgen möchten.

Macht ist gerade ein Buch für jene, die bereit sind, den Kopf weiterhin aus dem Sand zu halten. Ein politisches Buch, bei dieser Autorin nicht verwunderlich, und so ehrlich, dass es schmerzt. Aber es sind gute Schmerzen, die eine Gesundung herbeiführen könnten. Sie bietet Denkanstösse per Kopfstoß, geht mit ihren (Anti) Helden an die Grenzen und konsequent weit darüber hinaus. Seziert genüsslich und schwarzhumorig zynisch die Schwächen unserer Gesellschaft anhand eines schizophrenen Psychopathen mit wachem Verstand, der ab und an völlig abdriftet, um nicht ganz in der Verzweiflung angesichts des drohenden Weltuntergangsszenarios zu versinken.

Nicht sehr viel anders als jeder von uns, der sich die Wirklichkeit etwas zurechtbiegt oder verdrängt hat, um das Leben in der Welt wie sie ist zu ertragen. (Beispiel gefällig? Unsere Kleidung wird zu menschenunwürdigen Bedingungen für Minimalentlohnung extrem unfair und gesundheitsgefährdend produziert, um die Gewinnmaximierung der Hersteller zu garantieren und uns mit immer neuem Billigschrott anzuziehen. Oder unsere Handys, Computer, Schuhe. Und habt ihr euch schon mal mit den Zutatenlisten und der Herstellung von Convenience Lebensmitteln beschäftigt?) Wir sind alle ein wenig Sebastian Bürger, nur unsere Opfer sind nicht sichtbar, somit leiden sie indirekter. Komfortabel für die Konsumenten.

Karen Duve steigt da ein wo Thor Kunkel mit Subs aufgehört hat. Machtausübung und ihre Folgen.

Möge die Macht mit dir sein“ Ein heißgeliebtes und oft genutztes Zitat in unserem Star Wars affinen Hause, aber genauer betrachtet eigentlich doch eher dem chinesischen Fluch ähnelnd in welchem einem jemand ein aufregendes Leben wünscht, denn Macht korrumpiert. Charaktere, Menschen Systeme, beinhaltet die Grenzüberschreitung, zu der es oft nur ein kleiner Schritt ist, besonders wenn Kontrollorgane oder Mechanismen nicht ausreichend sind oder fehlen. So ist diese  ist diese Dystopie für Erwachsene widerwärtig, abstossend, und deprimierend, aber auch spannend und brandaktuell, wobei Duve immer wieder die Kurve gekriegt und mich zum Lachen gebracht hat. So wie in diesem Schmankerl für Eltern, einer Beschreibung des Kinderspielzeugs von Bürgers Sohn Racke:

„ Rackes „Destroyer“ hätte ich vielleicht noch ertragen. Es ist die gedrosselte version für das Alter von 7 bis 10 Jahren. Dswegen ist die Projektion nur 1,50 m hoch, ein Roboter mit Krokodilschädel, altägyptisch anmutendem Lendenschurz und einem gigantischem Hammer, der ständig schnarrt:“ ich will dein Freund sein“, oder vorschlägt: „Lass und Rabatz machen!“
Das Wort Rabatz betont er auf der ersten Silbe. Wenn mein Sohn Racke ihm durch den langsam und deutlich ausgesprochenen Satz: „Ja, lass uns Rabatz machen“ , die Starerlaubnis erteilt, stapft die Blechechse zum nächstbesten Haushaltsgegenstand und schlägt mit dem Hammer darauf, wobei der pROJEkta – Lautsprecher täuschend ähnlich die Geräusche simuliert, die entstehen würden, wenn es sich nicht um eine Projektion, sondern um einen echten Vorschlaghammer handeln würde, der entsprechenden Schaden anrichtet – ein scharfes Klirren bei Glas, gedämpftes Klirren bei Porzellan, ein Bersten und Splittern beim Couchtisch.“

Dass einem Bücher, die das Feuilleton hoch preist oder die auf den Bestenlisten stehen nicht gefallen, kennt wohl jeder begeisterte Leser. Dass ein Buch das ich wirklich großartig fand, derart verrissen und ohne nennenswerte Argumentation verworfen wird, ist mir so noch nicht passiert.

Macht wurde, unter anderem auch von Denis Scheck in Grund und Boden gestampft. Mir völlig unverständlich. Jedoch vermeine ich auszumachen, dass alle jene, deren politisches Herz eher links schlägt – wenn es denn überhaupt noch pumpert –  Macht positiver besprachen als wertkonservative oder eher nach rechts neigende Medien/ Menschen.

Hier kommt erfreulicherweise die Autorin selbst  im Interview zu  Wort.

Ihr habt die Macht, bildet euch selbst eine Meinung 😉

 

 

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8 Gedanken zu “Kategorie: Pageturner die vom Feuilleton in Grund und Boden verdammt wurden…

  1. „Macht“ liegt ganz oben auf dem Stapel, wird gleich als nächstes gelesen und ich bin sehr gespannt darauf, daher habe ich deine Rezension jetzt nur überflogen, die lese ich dann nach meiner Lektüre ausführlichst 🙂

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  2. Mir hat es auch gut gefallen – ein Pageturner, das stimmt. Ob die Verrisse vielleicht auch ein wenig mit männlichen Befindlichkeiten und Ängsten zu tun hatten? Der Gedanke kam mir bei den zum Teil harschen Aburteilungen im Feuilleton, ich hab mich auch an die Geschichte mit Judith Herrmann erinnert gefühlt: Männliche Feuilletonisten, die gerne mal eine Schriftstellerin mit viel Lust in Grund und Boden verdammen…

    Gefällt 4 Personen

    • Männliche Ängste…ja das könnte durchaus mit hineinspielen. Guter Punkt! Auch das Feuilleton ist patriarchalisch geprägt und wertkonservativ 😉 Sibylle Berg fällt mir da spontan ein.

      Gefällt 1 Person

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