Färöische Anekdoten

Die ErinnerungenLiteratur von den Färöer Inseln kommt eher selten nach Deutschland. Jóanes Nielsens Roman „Die Erinnerungen“ war, so ist im Buchumschlag zu lesen, in Dänemark ein Beststeller und wurde mit dem Literaturpreis der Färöer ausgezeichnet. Eine große Familiensaga wird da versprochen, ein Eintauchen in eine andere Welt. Leider, so viel gleich vorweg, kann der Roman diese Versprechungen nicht einhalten.

Es sind die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts, als der Roman einsetzt und wir Eigil Tvibur begegnen. Viel erfahren wir nicht über ihn. Auf einem Friedhof ist er mit Karin verabredet, die aber nicht auftaucht. Dort befindet sich das Grab von Napoleon Nolsøe, einem ehemaligen Landeschirurg, der Mitte des 19. Jahrhunderts lebte. Eigil hatte dessen Grab in der Silvesternacht 1980 geschändet, was ihm nun, da er zum wiederholten Mal als Stadtrat kandidieren möchte, zum Verhängnis werden könnte. Diese etwas schräge Ausgangssituation ist es, die uns, die Leser, nun zurückkatapultiert ins 19. Jahrhundert, von wo aus uns verschiedene Episoden aus der Vergangenheit der Färöer erzählt werden. Eine große Masernepidemie, die viele Menschen tötete und Leid über Familien brachte, Familiengeschichten überhaupt, Geschichten darüber, was diese Menschen wann taten, aber leider zum großen Teil Geschichten, die einem nicht im Gedächtnis bleiben.

Der Leser wird von Beginn an mit vielen Namen konfrontiert, mit Personen, zu denen aber jeweils nur wenige Hinweise geliefert werden, sodass man Mühe hat, sich später wieder an sie zu erinnern. Personen, die teilweise wichtig sind im weiteren Verlauf der Geschichte, und andere, die nicht wieder auftauchen werden, ein Unterschied, den man als Leser bei ihrem ersten Auftreten aber nicht erkennen kann. Anekdoten werden erzählt, ohne dass dabei in die Tiefe gegangen wäre. Die Figuren bleiben blass und farblos, mit dem Ergebnis, dass es schwierig ist, als Leser dranzubleiben, mitzufiebern. Nielsen erzählt diese Episoden einfach hintereinander weg, reiht sie einerseits aneinander und springt andererseits vor und zurück, sodass man höllisch aufpassen muss, um den Faden nicht zu verlieren, was immer schwieriger wird im Laufe des Romans. Kein großer Bogen, keine zusammenhängende Geschichte wird geliefert.

„Die Erinnerungen“ ist ein seltsam blasser Roman. Eine Entwicklung bleibt aus, und es dauert lange, bis der Zeitstrang aus den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts mit den Ereignissen der Vergangenheit eindeutig verbunden wird. Hinzu kommt, dass es einige Male ganz unerwartet obszön bzw. vulgär wird, worüber man vielleicht hinwegsehen kann, allerdings geschieht dies immer so unvermittelt, dass diese Stellen irritieren.

„Die Erinnerungen“ erzählt leider keine zusammenhängende Geschichte, blasse Charaktere treten auf, deren Handeln nicht immer nachvollziehbar ist, deren Schicksal einen seltsam wenig rührt. Die Frage bleibt, wieso dieser Roman in Dänemark bzw. auf den Färöern ein solcher Erfolg werden konnte. Sollte es allein die eigene Geschichte, das eigene Land sein, über das erzählt wird, das den Unterschied macht und die Leser anzieht? Lesen die Menschen in Dänemark anders? Was immer es ist, Nielsens Geschichte zerfällt in ihre Einzelteile, kann nicht fesseln, nicht unterhalten. Leider kein guter Roman.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 8. März 2016
  • Verlag : btb Verlag
  • ISBN: 978-3-442-75433-5
  • Taschenbuch: 416 Seiten

 

Advertisements

3 Gedanken zu “Färöische Anekdoten

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s