Deutschland ist bedroht

BedrohtDüzen Tekkal ist eine deutsche Fernsehjournalistin mit kurdischer Abstammung und gehört dem jesidischen Glauben an. Die Jesiden sind eine kleine Glaubensgemeinschaft, in der man nur Mitglied wird wenn beide Elternteile Jesiden sind. Düzen Tekkal ist seit dem syrischen Bürgerkrieg besonders engagiert in der Aufklärung der verfolgten jesidischen Minderheit. In ihrem Buch, dessen Titel etwas reißerisch wirkt, beschreibt sie die Bedrohung Deutschlands durch die Ereignisse im nahen Osten. Doch wenn man in das Buch hinein liest, wird einem klar, dass Frau Tekkal keineswegs übertreibt.

Ihr Buch ist in drei Teile aufgebaut, als ersten Punkt behandelt sie das Leiden und die Vertreibung der Jesiden in Syrien, beklagt das Schweigen der Weltgemeinschaft. In diesem Krieg hat sie als Kriegsjournalistin im Krisengebiet den Film ‚Hawar‘ (kurdisch für ‚Hilfe‘) gedreht.

Im zweiten Teil beschreibt sie die Ausreise ihres Vaters nach Deutschland in den 70er Jahren und ihr Aufwachsen in diesem für sie neuen Land. Schon vom Namen und Aussehen unterscheidet sie sich von den Deutschen, deswegen hat sie es schon früh gelernt sich durchzubeißen. Auch wollte sie die typische Frauenrolle nicht annehmen, sie hinterfragte als Kind alles.

„Die Offenheit meines Vaters war mutig, und meine Mutter hatte Angst deswegen. Sie hatte gelernt, dass man sich als Jesidin besser bedeckt hält, keinen Anstoss erregt. Auch Angehörige der Familie und Leute aus unserem Bekanntenkreis fragten meinen Vater:’Bist Du verrückt? Warum machst Du das?‘ Er hat sich nicht beirren lassen. Ich habe schon als Kind gelernt: Wenn du gefragt wirst, ob du verrückt bist, bist du auf dem richtigen Weg.“

Sie erzählt ihren Weg zum Sender RTL und ihren absoluten Willen ehrlich und aufrichtig zu sein. Die Dinge so darzustellen wie sie sind. Heraus kam 2010 eine Reportage Angst vor den neuen Nachbarn für die sie mit dem bayrischen Filmpreis ausgezeichnet worden ist. Düzen Tekkal nimmt kein Blatt vor den Mund, schon früh kritisierte sie die Integrationspolitik Deutschlands, da Ghettobildung und Kriminalität der Migranten hauptsächlich von dieser verfehlten Politik herrühren.

„Die Schlussfolgerung lautet daher für mich: Um dieser Probleme Herr zu werden, muss viel mehr Geld in unser Bildungssystem fließen, insbesondere in Schulen, die einen hohen Prozentsatz von Kindern aus Einwandererfamilien haben. Ich bin deswegen ins Bundeskanzleramt und habe mit der damaligen Bundesbeauftragten für Migration, Flüchtlinge und Integration gesprochen. Das war im Jahre 2010. Ich habe Maria Böhmer gefragt, wann der Migranten-Soli kommt. Sie lachte. Die Bundesbeauftragte fand, auf meine Frage könne man nur mit Humor reagieren. Ich meinte sie aber ernst. Wir haben als Gesellschaft eine Verantwortung für diese jungen Männer.“

Düzen Tekkal zeigt diese Verantwortung, hat aber gleichzeitig Angst. Angst vor der Politik die diese Menschen ins Abseits und in die Illegalität treibt. Etwas ambivalent habe ich ihre Reaktion auf die Anschläge in Paris gelesen.

„Als ich in der Nacht des 13.November 2015 von den Pariser Anschlägen erfuhr, war ich schockiert. Meine Ängste und Befürchtungen waren mit einem Mal real geworden. Zugleich aber spürte ich beinahe eine Art Erleichterung darüber, dass ich mit meinen Gefühlen nicht mehr allein war. Jetzt bemerkten alle, was mich schon lange umtrieb.“

Integration ist aus ihrer Sicht Arbeit, die von beiden Seiten aus erfolgen muss, einer der sie anbietet und der andere der sie annimmt und sie auch will. Ansonsten entstehen gefährliche Parallelgesellschaften. Wichtig dabei ist die Grenze die in der aufnehmenden Kultur gesetzt werden muss. Die Grenze in Deutschland ist das Grundgesetz! Bei ihrer Rede vor dem Bundestag hat sie dies betont und plakativ zur Sprache gebracht.

„Als ich sagte, dass ich zwei Väter habe, meinen anwesenden kurdischen Vater und das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, haben trotzdem alle geklatscht.“

Integration heißt aber nicht Assimilierung, man sollte nicht vergessen woher man kommt. Durch die Vermischung der Kulturen kann eine Gesellschaft lernen und wachsen! Zuhören und den anderen akzeptieren, auch wenn er etwas sagt was einem nicht gefällt. Da ist sie frei nach Voltaire einer Meinung: Ich bin nicht deiner Meinung, aber ich würde meinen Kopf dafür geben dass Du sie sagen darfst.

„Mir war immer wichtig, Menschen sprechen zu lassen, statt über sie zu sprechen. Das sind für mich spannende Momente. Ich muss mit meinem Gesprächspartner nicht einer Meinung sein, aber es ist erhellend, was er erzählt. Es kann nicht einfach als dummes Zeug abgetan werden, nur weil es mir nicht gefällt.“

Im dritten Teil fasst sie die gewonnenen Erkenntnisse der ersten beiden Teile zusammen und dies ist die stärkste Phase des Buches. nach Düzen Tekkal ist die  Ausländerfeindlichkeit gerade da am stärksten wo man mit Fremden gar nicht in Kontakt kommt.

„Die Kontakthypothese besagt, dass häufiger Kontakt zu Mitgliedern anderer Gruppen die Vorurteile gegenüber diesen Gruppen reduziert. Deswegen sind die Vorurteile gegenüber Migranten dort am höchsten, wo es kaum Migranten gibt. In Dresden, der Pegida-Hochburg, gibt es einen Ausländeranteil von 0,1 Prozent.“

Deutschland muss sich wehrhaft geben gegen Fremdenhass, aber auch gegen Fremde die Fremde bleiben wollen und nicht mit den Regeln spielen wollen.

„WIr müssen Flüchtline und Einwanderern unsere Werke deutlich machen. Ganz oben auf der Agenda muss dabei unser Grundgesetz stehen. Die ersten 19 Artikel des Grundgesetzes sind nicht verhandelbar.“

Abschliessend fasst sie die Punkte in einem Kernsatz zusammen.

„Deutschland ist bedroht, weil wir Angst haben. Das heißt aber nicht, dass dieses Land bedroht bleiben muss. Es gibt Menschen in Deutschland, die die Religion zum Maß aller Dinge machen wollen, die Menschen nicht nach ihrem Denken und Tun, sondern nach ihrer Herkunft bewerten. Außer Aggression und Angst haben sie uns wenig zu bieten. Wir müssen den Kampf gegen die Angstmacher aufnehmen. Haltung zeigen, Mut machen, Hoffnung geben. Denn dieser Kampf wird im Kopf jedes Einzelnen entschieden.“

Ich muss ehrlich sagen ich habe mit der Art zu schreiben von Frau Tekkal lange gehadert, fand ihre ersten beiden Teile in dem Buch zu Ichbezogen, zu sehr auf: Schaut mal was ich alles erreicht habe, angelegt. Ihr Stil ist nicht differenzierend, sie provoziert. Solche Stellen wie oben angegeben, dass sie froh ist, dass die Anschläge in Frankreich passiert sind, reizen geradezu zum Widerspruch Doch sie bleibt sich und ihrem Stil immer treu, sie ist wohltuend direkt und ‚eiert‘ nicht in möglichen Vorschlägen hin und her die alle Parteien befriedigen sollen. Das ist auch letztendlich das, was mir an diesem Buch am besten gefallen hat. Düzen Tekkal hat eine direkte Meinung, sagt diese, hört aber trotzdem anderen zu. Der letzte Teil und ihre schlüssige Zusammenfassung, haben mich dann doch überzeugt. Ein lesenswertes Buch einer Frau die aus ihren Erfahrungen spricht und etwas zu sagen hat.

Krieg macht ehrlich. Hier ist eine ehrliche Stimme.

 

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 17.März 2016
  • Verlag : Berlin Verlag
  • ISBN: 978-3-8270-1328-6
  • Klappenbroschur: 224 Seiten
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