Das Leiden des Mannes G.

ErziehungErziehung! Das Wort hat bei mir immer schon für ein ungutes Gefühl gesorgt. Zu sehr klingt es für mich nach ziehen, nach Strenge, nach Gewalt. Man erzieht sich seine Mitarbeiter, du bist ungezogen, du hast keine Erziehung genossen, alles Negativbeispiele die schal schmecken. So auch die Erziehung eines Kindes, nach eigenem Gusto, mit all den Problemen, Nöten, Psychosen, die man als Eltern selbst mit herum schleppt. Manchmal denke ich an die Einführung eines Tests, den man absolvieren müsste, bevor man ein Kind aufzieht, bei manchen Eltern wäre das bitter nötig. Und jetzt soll auch noch ‚DER‘ Mann erzogen werden. Das klingt nach allen Männern. Und warum sollen sie erzogen werden? Von wem? Ist der Mann nicht gut genug? Was macht den Mann zu einem Mann? Muss dieser bestimmten Bedürfnissen gefallen, Vorstellungen, Wünschen? Von den Frauen? Von schon erzogenen Männern? Es schaudert mich innerlich. Eine Horde gut erzogener Männer läuft vor meinem Auge auf. Alle dressiert und gleich.

Michael Kumpfmüller geht in seinem Buch nicht so weit, wie meine spontanen Assoziationen beim Lesen des Titels. Eine Schlussfolgerung nach Beendigung des Buches vorab, eine Erziehung (der Menschen) findet immer noch durch das Leben, durch das Durchleben von schwierigen Lebensabschnitten statt. Und es steht zwar ein Mann im Mittelpunkt, Kumpfmüller ist aber ein großer Roman über die Befindlichkeiten der Babyboomer-Generation gelungen.

Das Buch ist in drei Teile aufgegliedert. Es handelt von Georg. Im ersten Teil ist Georg Student der Musikwissenschaft, er lebt in einer unglücklichen Beziehung, weiß gar nicht so recht was er will:

„Warum zum Teufel geriet ich mit Frauen ständig in Situationen, in denen ich wider besseres Wissen nicht Nein Sagte? Ich sagte selten, was ich wollte, ich wusste gar nicht, wie das ging und ließ die Dinge lieber treiben.“

Er trifft in seinen Vorlesungen Jule, die ihm mehr verspricht, als die alte Beziehung. Mehr Sex, mehr Nähe. Beide sind Mitte 20 und müssen ihren Platz im Leben finden und so kommt es nach einer frühen Heirat und Kindern zu den unvermeidlichen Streitigkeiten.

„Wir stritten um den Raum. Reichweiten und Grenzen. Wer bekam wie viel unter welchen Bedingungen. Ein bisschen war es wie Krieg. Musste man mich zu allem zwingen? Jule hätte ohne Zögern behauptet, ja. Männer waren so. Männer waren faul, sie bewegten sich nicht, übernahmen keine Verantwortung, es sei denn, man setzte sie unter Druck.“

Es kommt, wie es bei vielen Babyboomern so kommt, Georg lernt eine andere Frau kennen und lieben, mit der er diese Kämpfe nicht hat und trennt sich von der Mutter seiner Kinder. Warum kommt es aber immer so, wie es dann in vielen Ehen der in den 60er Jahren Geborenen kam? Kommen sie mit dem neu geschaffenen Rollenbild der Frauen nicht zurecht, die in den 70ern vehement um Gleichberechtigung kämpften? Ihre Nachkriegseltern hatten gerade den Jungen ein anderes (Ehe)-Bild vorgelebt, nur kann dies nicht mehr so gelten, jetzt stehen plötzlich viele Männer unschlüssig und orientierungslos in ihrem Leben. Bei manchen wird dieses Männerbild noch weitergelebt, doch viele wollen andere Wege gehen. So auch Georg. Kumpfmüller zeigt im zweiten Teil des Romans, welche Grundlage Georg in seiner Erziehung genoss. Der Vater der sich verwirklichen konnte, die Mutter die immer geschwiegen hat. Was soll er von seinen Eltern gelernt haben?

„Zum Abschluss hatte er gesagt. Warte nur, bis du selber ein Vater bist. Und in diesem Moment tat er mir beinahe leid, denn was hieß das anderes, als dass es eine Qual war, mein Vater zu sein, ein Joch, das er seit über zwanzig Jahren geduldig ertragen hatte, um als Lohn nichts Besseres zu bekommen als mich.“

Der dritte Teil zeigt Georgs Kampf mit seinen Kindern, seiner Exfrau und der neuen Frau, die Georgs Kämpfe nach einiger Zeit nicht mehr mitgehen will, und anfängt ihr eigenes Leben zu leben, sich dadurch von Georg entfremdet und trennt.

Georg ist ein Mann, der sein ganzes Leben lang kämpft. Er kämpft darum, seine körperlichen Bedürfnisse zu erfüllen, seinen Beruf als Komponist auszuüben, Vater und ein guter Ehemann zu sein. Nichts davon fällt ihm in den Schoß, er hat keine Vorbilder, er muss selber welche schaffen, die Wege, die er geht sind alle neu. Und doch hat er das Gefühl zu spät zu kommen, dem Leben hinterherzuhetzen.

„Ich fürchte meine Generation wird keine großen Spuren hinterlassen. Wir waren die von denen es immer zu viele gab, wir haben nicht richtig an uns geglaubt, nur hin und wieder so getan, was an unserer tief verwurzelten Skepsis nicht änderte. Wo immer wir uns hinbewegten, war die Stelle bereits besetzt, zumindest war das unser Eindruck. War nicht alles längst gesagt und getan, sodass wir uns bestenfalls wiederholen könnten?“

Kumpfmüller hat eine angenehme, sachliche, fast distanzierte Art zu schreiben, die den Blick auf das Wesentliche nicht verstellt. Georg ist ein Mann, der sich finden muss und dabei durchaus eine neue Rolle einnimmt, eine Vaterrolle, der den Zugang zu seinen Kindern nie verliert, trotz räumlicher Distanz und des Verlusts seiner Beziehung. Der Roman zeigt einen bescheidenen Mann, der durch die schwierigen Gesellschaftsumbrüche der neuen Zeit nach dem Krieg laviert, versucht, keine emotionalen Leichen zu hinterlassen, empfindsam zu sein, sich selber und seine Kinder nicht zu verlieren. Eine kluger, reflektierender Roman, der durch die melancholische Art der Erduldung aller Schicksalsschläge noch verstärkt wird. Ein Buch nicht nur für Männer.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 18. Februar 2016
  • Verlag : Kiepenheuer & Witsch
  • ISBN: 978-3-462-04481-2
  • Gebunden: 320 Seiten
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2 Gedanken zu “Das Leiden des Mannes G.

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