Augsteins ordnende Hand

Nelles_Verleger_U1.inddWas gibt es über Rudolf Augstein, der 2002 in Hamburg starb, noch viel zu erzählen? Im Jahre 2000 bekam er den Titel: „Held der Weltpressefreiheit„, sowie „Journalist des Jahrhunderts„, von anderen Preisen im Laufe seines Lebens ganz abgesehen. Er hat den Spiegel aufgebaut, saß nächtens alleine mit seiner Schreibmaschine im Büro und schrieb an seinen Artikeln. Er ging wegen seines Berufes 100 Tage ins Gefängnis, als 1962 der Artikel ‚Bedingt Abwehrbereit‚ (der das Verteidigungskonzept der Bundeswehr in Frage stellte), erschien. Der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß witterte Landesverrat. Als Spiegel-Affäre ging diese Zeit in die Geschichte der BRD ein.

Augstein ist jedem Deutschen ein Begriff, ja untrennbar mit dem Nachrichtenmagazin Spiegel und feinstem, aufklärerischem Journalismus verbunden. Dabei ließ sich Augstein beruflich nie verbiegen, er war ein Original, eine Ikone, ein Querdenker, ein Illusionär in seinen Artikeln, in denen er z.B. früh vor dem Euro und den kommenden wirtschaftlichen desaströsen Folgen warnte.

Hinter jedem starken Mann steht eine noch stärkere Frau, so berichtet der Volksmund. Augstein war fünfmal verheiratet, aber nicht eine seiner Frauen hatte so viel Einfluss auf ihn wie seine langjährige Vertraute, Krankenschwester, Mitautorin vieler Artikel, Psychotherapeutin in vielen Lebenskrisen und am Schluss Büroleiterin im Spiegel, Irma Nelles.

Irma Nelles beschreibt in ihrem Buch „Der Herausgeber“ ihre Zusammenkünfte, ihre Erfahrungen, die Lebensabschnitte die sie mit Rudolf Augstein verbracht hat. Es ist keine eigentliche Biographie von Augstein, wer danach sucht sollte sich an die hervorragend recherchierte Ausgabe des Pantheon Verlages halten von Peter Merseburger. Nein, Nelles Buch ist eine nahe Betrachtung des Menschen Augsteins.

Irma Nelles beginnt mit ihrer Kindheit, streift den Anfang ihrer Ehe, der Wunsch etwas mit ihrem Leben anzufangen, der Konflikt mit dem damaligen in den 70er Jahren herrschenden Bild der Frau und Mutter. Früh Mutter von zwei Kindern hat sie sich nie ihren Wunsch nach einem Studium erfüllen können. Nach der Trennung von ihrem Mann fing sie an zu studieren, musste dafür aber auch Geld verdienen. 1973 schrieb die Spiegel Niederlassung in Bonn eine Stelle aus, die sie auch erhielt. Ihre ersten Begegnungen mit dem ‚Herausgeber‚, wie er ehrfürchtig genannt wurde, zeigte ihr einen Mann der es gewohnt war, das zu bekommen was er wollte. Ein launischer Mann dessen rechtes Auge er bei Blickkontakt immer wieder zentrieren musste, ein Augenleiden was ihn aber nicht daran hinderte die Menschen herumzuscheuchen.

Der Kontakt zu ihm wurde intensiver, Augstein lud Irma Nelles zum Skifahren ein, auch in sein Haus in Südfrankreich. Der Herausgeber wurde menschlicher:

„Kurz darauf war zu hören, dass der Herausgeber laut ächzend in die Badewanne stieg. In seinem Schlafzimmer saß er wenig später im Bademantel auf der Bettkante und studierte, leise vor sich hin stöhnend seine Armbanduhr.“

Er ächzt, stöhnt, ja liegt in seinem Bett und verlangt von Irma Nelles einen Beischlaf den sie belustigt als: „Lass uns fieken“ beschreibt. Sie selber hat keine Ambitionen und Augstein, gewohnt dass sein Umfeld ihm gehorcht, ist irritiert von dieser Frau. Er kann ihr doch alles geben? Nach einiger Zeit akzeptiert er die Freundschaft, die ihn bis zu seinem Lebensende begleitet.

Nelles zeigt Augstein als innerlich zerrissenen Menschen:

„Er selbst schien am wenigsten wissen zu wollen, warum es ihn, nachdem er wochenlang keinen Tropfen Alkohol angerührt hatte, plötzlich wieder danach drängte, sein Dasein zunehmend hinter einer fast undurchdringlichen Nebelwand von Bier und Schlafmittel zu verbringen.“

Er hat zwar mehrere Frauen (und Kinder) in seinem Leben, aber keine richtige Bindung. Er scheut sich vor einer tiefen Beziehung, andererseits aber sehnt er sich nach Bestätigung und den klassischen Klischees einer Ehe.

„Diese eine Sache, die hätte ich gerne richtig gemacht, fuhr Rudolf nach längerem in sich gekehrtem Schweigen fort. Eine Frau, die mit einem Kind auf dem Arm am Gartenzaun steht und hinter mir herwinkt, wenn ich zur Arbeit fahre. Das ist leider schiefgegangen.“

In den Jahren wird Irma Nelles eine immer wichtigere Rolle in Augsteins Leben und in der Hierarchie des Nachrichtenmagazins ‚Der Spiegel‚ spielen. Ab 1993 ist sie die Büroleiterin von Augstein. Ein Generationswechsel im Spiegel findet statt, aber Augstein ist zeitlebens immer noch der wichtigste Mann, was er sich gerne bestätigen lässt:

„Lieber Rudolf, las ich laut, wobei mir klar war, dass sich Rudolf diesen Brief nicht zum ersten Mal vorlesen ließ, Du bist natürlich der mächtigste, einflussreichste und bedeutendste Journalist Deutschlands und wirst es auch bleiben. In alter Freundschaft grüßt Dich Dein Stefan Aust.“

Irma Nelles ist mit ihrem Buch ein warmherziges Poträt des Herausgebers, wie sie ihn oft in ihrem Buch nennt (was wie ein militärischer Titel zu sehen ist), gelungen. Dabei geht sie zwar chronologisch vor und füllt die Jahre auch mit politischen und gesellschaftlichen Ereignissen der Bundesrepublik, es gibt aber oft genug historische Lücken in ihrer Erzählung. Dabei wird aber auch nicht der Anspruch von Vollständigkeit erhoben, es geht nur um die Situationen die sie mit ihm, dem Herausgeber, erlebte. Dabei erfahren wir weder von ihren Kindern, noch Ihrer eigenen Beziehung viel, außer dass diese wegen Ihrer Tätigkeit in Hamburg als Büroleiterin oft an Zeitmangel litt. Ein flott zu lesendes Buch das den Menschen Augstein erhellt, aber nicht dessen gesellschaftliche und journalistische Rolle in Deutschland.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 04. Februar 2016
  • Verlag : Aufbau
  • ISBN: 978-3-351-03630-0
  • Gebunden: 320 Seiten
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2 Gedanken zu “Augsteins ordnende Hand

    • Sicher auch das. Augstein ist sicherlich eine große deutsche Persönlichkeit gewesen. Nur eine vollständige Autobiografie ist dies nicht, hoffentlich habe ich das deutlich gemacht.

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