Mehr als nur Illusion

Der TrickMosche Goldenhirsch verliert schon früh seine Mutter. Sein Vater, ein orthodox-gläubiger Rabbi, der innerlich versehrt und damit stark verändert aus dem ersten Weltkrieg zurückgekehrt ist, vermag es nicht, seinem Jungen Halt zu geben. Vielmehr beginnt er, trotz seines starken Glaubens dem Alkohol zu zusprechen. Manchmal alleine, manchmal gemeinsam mit dem ebenso durch Kriegserlebnisse erschütterten Nachbarn, der im täglichen Leben sein Geld als Schlosser verdient. 1934 führt der Schlosser, der eigentlich mehr ist, als nur Mosches Nachbar, den Jungen in die Welt der Illusion ein: Gemeinsam besuchen sie den Zauberzirkus des legendären „Halbmondmannes“, der vermutlich wegen einer Kriegsverletzung eine Gesichtsmaske trägt. Seine bezaubernde Assistentin, die „persische Prinzessin“ hat es Mosche ebenso sehr angetan, wie die Welt der Illusion selbst. Eine Begegnung mit Folgen …

Max Cohn, ein zehnjähriger Junge, lebt im Jahr 2007 in Amerika. Seine Oma, Omchen genannt, ist Überlebende des Holocaust. Seine Eltern wollen sich scheiden lassen. Das macht dem Jungen so sehr zu schaffen, dass er mit allen Mitteln versuchen will, die Scheidung zu verhindern. Der Zufall spielt ihm beim Auszug des Vaters aus dem gemeinsamen Haus eine alte Schallplatte in die Hände, auf der der Große Zabbatini absolut wirksame Zaubersprüche tätigt – unter anderem auch den für die ewige Liebe. Keine Frage, Max macht sich auf die Suche nach dem Mentalisten, der in den 1930er Jahren eine große Nummer in Berlin war – bis seine tatsächliche Identität aufgedeckt wurde. Max ist sich absolut sicher: Wenn einer seine Eltern wieder zusammenbringen kann, dann ist es Der Große Zabbatini

Der geneigte Leser wird es ahnen und es ist – denke ich – nicht zu viel verraten, wenn ich hier aufdecke, dass Der Große Zabbatini, den Max so dringend sucht, eben jener Mosche Goldenhirsch ist, der sich einige Jahrzehnte zuvor, auf einem anderen Kontinent, ebenfalls auf eine Suche begab. Auf die Suche nach einem wahren Leben für ihn, einem Leben, in dem er glücklich sein könnte.

Sowohl Mosche als auch Max vermissen ihren Vater – beide Väter gingen ihnen verloren. Der eine durch die furchtbaren Umstände des Krieges, der andere durch einen unverzeihlichen zwischenmenschlichen Fehltritt. Jungen brauchen auch Väter, egal in welchen Zeiten sie leben, sonst entsteht ein Vakuum, das sie selbst irgendwie zu füllen versuchen. Während Mosche nichts anderes übrig bleibt, als sich mit knapp 15 Jahren selbständig zu machen, hat Max noch eine Chance, die Trennung seiner Eltern zu verhindern, die – so sein Dad und seine Mam – nichts für ihn verändern würde. Wie können Erwachsene nur immer davon ausgehen, dass ihre Entscheidungen für die Kinder keine Auswirkungen haben? Eine solche Trennung ändert zunächst einmal vieles, wenn nicht sogar alles.

Während wir Max‘ Suche verfolgen, erfahren wir parallel dazu, wie sich Mosche in den Großen Zabbatini verwandelt. Allzu lange dauert es nicht und Max hat ihn gefunden – nur von großem Zauber ist nicht mehr viel zu sehen. Ehrlich gesagt ist der Große Zabbatini, der meine Sympathien als junger Mann gewonnen hatte, mittlerweile zu einem ganz schönen Kotzbrocken mutiert, der den armen Max noch dazu recht rüde behandelt.

Mit der Zeit lösen sich die Parallelen auf und verweben sich zu einer Geschichte: Der Geschichte des Mannes, ohne den es so manch anderen, auch Max, nicht gäbe.

Emanuel Bergmann verknüpft sowohl unterschiedliche Zeiten als auch atmosphärische Räume recht geschickt und ohne viel Gewese miteinander. Dass die beiden Stränge mehr miteinander zu tun haben müssen, als zunächst zu erahnen ist, wird zwar recht bald klar, wie sehr sie jedoch einander bedingen, nicht. Dass er uns Leser mitdenken lässt, uns erahnen lässt, dass da noch ein letzter, gekonnter Trick auf uns lauert, uns überlegen lässt, ob alles reine Illusion oder Wahrheit ist, das ist mehr als gut gemacht.

Immer weiter treibt er die Geschichte des Mosche Goldenhirsch voran, die auch in die unsäglichen Tiefen der deutschen Geschichte führen müssen. Diese Zeit war natürlich prägend und manchmal scheint sich ein Gefühl der Scham oder auch Reue bei Mosche eingeschlichen zu haben. Ist vielleicht gerade das der Grund für seine Unausstehtlichkeit? Kann er sich selbst nicht mehr leiden und stößt deshalb  andere ab? Fragen über Fragen, die Bergmann mit flinken Fingern wie mithilfe eines Taschenspielertrick auflöst. Nur, dass er kein Taschenspieler ist. Das Ass im Ärmel sticht – und trifft punktgenau. Ins Herz des Lesers. Ohne Kitsch. Nur mit dem Blick auf die Konsequenzen, die ein anderes Handeln gehabt hätte. Manchmal sind Zauber eben mehr als Illusion – oder wie Max es sieht:

„Der Große Zabbatini hatte ihm alle Schönheit dieser Welt geschenkt. Das war kein Trick, so viel wusste Max jetzt. Es war ein Wunder.“

Bezaubernd ist auch eine Tatsache, die weder mit Taschenspielertricks, noch anderweitigen Illusionen zusammenhängt: Dem Diogenes Verlag gelingt es immer wieder, Autoren und Geschichten aufzuspüren, die das besondere Etwas haben!

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 24. Februar 2016
  • Verlag : Diogenes
  • ISBN: 978-3-257-06955-6
  • Gebunden, Leinen: 400 Seiten

 

 

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2 Gedanken zu “Mehr als nur Illusion

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