Unsere kleine Farm auf bajuwarisch

leberkaesjunkie-falk-rita-9783862315413(2)Auf den ersten Blick ist es ein armseliges, provinzielles Leben, das der nicht mehr ganz so taufrisch knackige junge Franz Eberhofer aus dem schönen Niederkaltenkirchen führt. Wer ihn bis zu diesem siebten Band, dem Leberkäsjunkie begleitet hat, kennt es bereits. Um die vierzig, ledig, die Hochzeit mit der Jugendliebe wegen Eigenverschulden geplatzt, er lebt für seinen Hund, seinen Job und Omas Küche, haust in einem Saustall (allerdings kommod umgebaut), ist trotz guter Mordaufklärungsquoten nicht der Hellste, säuft und tröstet sich dabei gern in der Stammkneipe mit lauter ACDC Mucke. Nein ein Intellektueller ist der Eberhofer Franz gewiss nicht. Sein Weltbild ist auf den ersten Blick auch recht eindimensional. Auf der einen Seite das Weibsvolk mitsamt klar definiertem Aufgabengebiet, auf der anderen Seite, ja da ist er doch recht offen. Pragmatisch lösungsorientiert wie er ist nimmt er die Menschen an so wie sie sind. Das macht unter anderem seinen Sympathiewert aus.

Das und seine kreativen Problemlösestrategien. Dazu noch seine furztrockene Art, die besonders schön durch die Schilderung seiner recht anschaulich derben Gedankengänge transportiert wird, erzählt er doch seine Fälle alle selbst.  Hardcorefeministinnen alter Schule werden mit dem Franz wohl nicht warm werden. Der Dorfburschentypus – rauhe Schale weicher Kern – und seine zugleich politisch unkorrekten intuitiven Ermittlungsmethoden, zu denen auch der Hang schnell mal zur Waffe zu greifen um sich Respekt und Luft zu verschaffen gehört, ist eigen. Zwar ist die Autorin Polizistengattin und daher, wie anzunehmen, wohl informiert, dennoch dürfte diese Vorgehensweise wohl nicht Usus sein, nicht mal bei der Bayrischen Polizei.

Bei Rita Falks Bestsellern – an die ich allerdings erst qua Umweg über die Verfilmungen kam, weil die Buchcover so niedlich folkloristisch spießig mit den, (damals von mir  für deppert gehaltenen) Titeln um die Wette abschreckten, à la : „Musikantenstadl trifft Rosis Herzschmerz im Bauerntheater“ – geht es nicht vorrangig  um den Kriminalfall. Der ist interessant aber völlig nebensächlich. Das Leben des Franz Eberhofer und die Geschichte seiner Familie, der schwerhörigen, begnadet kochenden, liebevollen Oma, dem kiffenden, Beatles hörenden Vater, welcher den frühen Tod seiner Frau nie verwunden hat, dem depperten älteren Bruder Leopold (meist benamst als „die alte Schleimsau“)  und Franzens‘ Zwistigkeiten mit ihm. Freund Rudi, Langzeitbeziehung Susi, Franz’ Versuche seine Jugend zu erhalten, alles beim alten zu belassen und ja keine Verantwortung zu übernehmen. Sieht er doch bei den Saufkumpanen, die bereits verheiratet sind, wie Vaterschaft und Ehe an einem Manne zu zerren vermögen. Es sind die Alltäglichkeiten mit hohem Wiedererkennungswert, die einen süchtig werden lassen nach dieser Serie. Der unerwartet abgründige, trockene Humor, der handmade in Bayern so urig bodenständig rüberkommt und sich gleichzeitig selbst auf die Schippe nimmt.

 Dabei ist es eine Idylle mit vielen kleinen menschlichen Schwächen, die auch von den aufzuklärenden Mordfällen nicht zerstört oder erschüttert werden kann. Besonders weil der Franz sich der Lösung seiner Fälle sehr gemächlich annähert (mei, der Mann hat die Ruhe weg!) und immer Zeit und Platz für eine, gerne auch mehrere Leberkässemmeln vom Metzger Simmerl (seine sind die einzig wahren) hat.

Sicherlich sind die Figuren alle ein wenig stereotyp und klischeehaft, doch die Autorin schafft es, sie alle weiterzuentwickeln und aus sich heraustreten zu lassen, das Klischee zu konterkarieren indem sie ihnen – dies zieht sich durch alle Bände der Reihe –  neue, tiefergehende Persönlichkeitsfacetten mitgibt. Im aktuellen Band ist es die Moshammer Lisl, die deutlich an Farbigkeit und Detailreichtum hinzugewinnt. Insofern kommt keine Langeweile auf, da die Fülle an Originalen, die das Franz Eberhofsche Universum besiedeln immer wieder neuen altbekannten Charakteren eine Bühne bietet um – natürlich hinter Ich Erzähler Franz –  das Rampenlicht zu erobern.

 Im Mittelpunkt bleibt der direkte Dorfbulle dennoch stets. Schleicht sich bei mir doch langsam der Verdacht ein, es handele sich hier gar nicht um einen Krimi, sondern einen coming of age Roman, der um die Hauptperson kreist, einen Wandlungs und Entwicklungsroman im charmant regionalen Gewand. Eine Reallife Groteske, Dramödie und Erlebnisbericht zugleich. Sturm und Drang zumindest ist zuhauf vorhanden.
Egal welche Etikettierung man wählt, Spaß macht’s, lachen kann man viel und spannend ist es auch, wenn auch nicht immer der Kriminalfall, sondern, grad im Leberkäsjunkie, eher die Franz’sche Weiterentwicklung. Er hadert wirklich furchtbar mit dem Leben, also eher mit dem Essen, welchem er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr so huldigen kann wie bisher. Hier geht es nicht um die Wurscht, sondern an die Leberkässemmel!

Im besten unterhaltungsliterarischen Sinne gewährt die Autorin eine heitere Erholungspause für geplagte Weltbürger, die sich angesichts der politischen und sonstigen Verwerfungen auf der Welt und in diesem Land ein wenig überschaubare Idylle wünschen. Für Dorfbewohner dürfte der Wiedererkennungswert höher sein als für eingefleischte Städter, die das Landleben maximal aus dem Urlaub kennen, wobei gerade diese von der Entschleunigung sicher angetan sein dürften. Was bleibt, ist auch im siebten Band wieder einmal amüsantest kurzweilige Unterhaltung. Zugegebenermassen relativ sinnfrei, dabei dennoch intelligent. Halt bauernschlau, wie der Eberhofer. Damit bringt in unserer rasant sich wandelnden Welt das Hören der Begebenheiten aus Niederkaltenkirchen eine wunderbar entspannende Entschleunigung, zu der Hörbuch Sprecher Christian Tramitz einen großen Anteil beiträgt mit seiner schauspielerisch erstklassigen Lesung und seinem unnachahmlichen mundartlichem Zungenschlag. Er schafft es wirklich, jeder Figur ein ureigenes Bild mit hohem Wiedererkennungswert im Kopf des Hörers zu geben. Indem er sie näselnd, fränkisch, weibisch, in verschiedenen Tonhöhen, unterschiedlichem Duktus und Habitus mitsamt ihren Manierismen intoniert und dies so unnachahmlich wunderbar, dass man  als Nebenwirkung selbst in einen gewissen bayrischen Dialekt Singsang verfällt. So geschehen bei uns, wo mittlerweile die ganze Kernfamilie zu Eberhofer Junkies mutiert ist.

 Tramitz, man kann es nicht anders sagen liest GÖTTLICH. War mein persönlicher Lesegott Thron bisher von Christoph Maria Herbst besetzt, knapp verfolgt von Jochen Malmsheimer, seit den Eberhofer Krimis bin ich vom inkonsequenten Monotheismus zum Polytheismus konvertiert. Rein hörenstechnisch versteht sich. Das Pantheon ist erweitert worden. Schön das.

So ist der Leberkäsjunkie also wiedereinmal purer Hörgenuß, auch wenn der Held des überschaubaren Kosmos angezählt ist und womöglich deshalb diesmal verbal nicht mehr so ganz hintergründig bissig, sondern eher larmoyant auftritt. Ist der Leberkäsjunkie auch nicht der beste Band der Serie, die gewohnte sprachliche Würze und Schlagfertigkeit fehlt ein wenig, ist er trotzdem immer noch bestens geeignet, um das Hirn ein wenig auszulüften und die Seele baumeln zu lassen. Bei diesen Regionalkrimis dürfte – wie bei vielem anderen –  gelten: love it or leave it. Wer mal schnuppern mag, ich empfehle unbedingt die Hörbuchversion (so gut wie Tramitz kann man gar nicht selber lesen) , oder gleich den DVD Einstieg; danach durchschaut man das Stammpersonal passabel und wer lakonisch, schwarzhumorige Tristesse liebt, ist bestens bedient damit. Also ruhig zugreifen und amüsieren.

Buchdetails

  • Erscheinungsdatum Erstausgabe : Januar 2016
  • Verlag : Der Audio Verlag
  • ISBN: 978-3-86231-541-3
  • Audio CD, 7 CDs, 9 Std. 14 Min
  • Sprache: Bayrisch

 

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