Das Gegenteil von Tod

BusquetsBlanca ist 40, als ihre Mutter stirbt. Nach der Beerdigung fährt sie in das Sommerhaus der Familie, ihre beiden Söhne sind dabei, Freundinnen, zwei Ex-Ehemänner, der Geliebte ist nicht fern und der Unbekannte, den sie auf der Beerdigung gesehen und der sie dort fasziniert hatte. Sie alle sind um sie, während sie sich doch allein und vor allem von der Mutter allein zurückgelassen fühlt und irgendwie versucht, mit dem Gedanken zurechtzukommen, dass diese, die ihr sehr nahe stand, nicht mehr da ist.

Milena Busquetes Roman „Auch das wird vergehen“ war in Spanien sehr erfolgreich, erscheint zur Zeit in 40 Ländern und wird vor allem in Frauenzeitschriften sehr gelobt, wie zu lesen ist. Von Weisheit und Humor ist da die Rede, von einer ergreifenden Geschichte voller Intelligenz. Attribute, die ich leider kaum oder nur spärlich in Busquets schmalem Roman finden konnte.

Dabei gibt es einige Stellen, die mir zeigen, dass die Autorin schreiben kann. So zum Beispiel wenn sie das Gefühl der Trauer in Worte kleidet:

„Ich umarme das Kopfkissen, bete um eine ruhige Nacht, auch wenn ich schon weiß, dass sie mir nicht gewährt wird. Ich trage ein Jaulen in mir, es lässt mich bei Tag für gewöhnlich in Frieden, aber nachts, wenn ich mich ins Bett lege und zu schlafen versuche, dann erwacht es und streift umher wie ein wild gewordenes Viech, zerkratzt mir die Brust, verklemmt meinen Kiefer, hämmert gegen meine Schläfen.“ S. 62

Die Mutter ist allgegenwärtig, Blanca versucht, dem bleiernden Gefühl der Trauer etwas entgegenzusetzen – leider fällt ihr da außer Sex nicht viel ein. Sex mit dem Ex, Sex mit dem verheirateten Geliebten, was nicht weiter zur Aufregung beiträgt oder gar Gewissensbisse zur Folge hätte – und vielleicht Sex mit dem Unbekannten? Wer weiß, was der Tag noch bringt. Und obwohl sie weise genug ist, um an einer Stelle zu bemerken, wie beachtenswert es ist, dass sie sich mit ihren Ex-Männern noch so gut versteht, fragt man sich als Leserin (männliche Leser wird der Roman kaum finden) dieser Geschichte dann doch, wie das kommt, dass hier (fast) alle so abgeklärt sind, ihre Gefühle im Griff zu haben, keine Eifersucht zu empfinden oder sich gegenseitig etwas nachzutragen. Dabei ist diese Blanca alles andere als erwachsen und in sich selbst ruhend. Sie definiert sich ausschließend über ihre sexuelle Attraktivität und findet das auch nicht weiter schlimm – offensichtlich ist das für die moderne, selbstbewusste Frau von heute kein Problem, nur dass sie sich damit natürlich selbst widerspricht. Nicht Leben sei das Gegenteil von Tod, heißt es da, sondern Sex.

„Ich habe Glück, die Liebe der Männer habe ich nie gering geschätzt oder für selbstverständlich gehalten, ich weiß, wie sehr mein Leben davon abhängt.“ S. 116/117

Nun, zumindest erkennt sie selbst, wie sehr sie von ihrer Wirkung auf Männer abhängig ist. Aber aus diesem Wissen resultiert – nichts. Was auch immer das Resultat sein könnte, hier werden keine Schlüsse gezogen, hier findet vor allem keine Entwicklung statt und das gilt eigentlich für den ganzen Roman. Und der Sex, den sie sich als emanzipierte Frau (als die sie sich ja vermutlich verstanden wissen will) einfach nimmt, wenn sie ihn braucht, hilft der ihr am Ende wirklich in ihrer Trauer?

„Auch das wird vergehen“ ist so nicht viel mehr als die Beschreibung eines Zustands, ein Roman, der sich durchaus gut und auch schnell liest, dem aber jegliche Substanz fehlt. Die Protagonistin kreist ununterbrochen um sich selbst, bleibt aber trotzdem blass und farblos. Die Gedanken zu ihrer Mutter und ihre Gefühle ihr gegenüber markieren dabei die stärkeren Stellen der Geschichte. Aber was wird die Erfahrung dieses Verlusts am Ende in Blanca auslösen? Davon ist leider nichts zu lesen. So bleibt die Geschichte trotz des Talents, das ich der Autorin unterstelle, leer und nichtssagend.

 Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 3. Februar 2016
  • Verlag: Suhrkamp Verlag
  • ISBN: 978-3-518-42527-5
  • Gebunden: 170 Seiten

 

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