Warum die unendliche Geschichte endlich wurde

Ist euch eigentlich aufgefallen, dass mit der unendlichen Geschichte etwas nicht stimmt? Denn die unendliche Geschichte hört einfach auf. Urplötzlich, mittendrin im schönsten Lesetraum, schlägt man die Seite um und … leer, weiß, eine ganze Seite Nichts. Gefolgt von der Umschlagklappe meiner Hardcover-Erstausgabe aus den beginnenden 80er Jahren.

Ich habe mir in den vergangenen mehr als drei Jahrzehnten den grauer werdenden Kopf zermartet, denn so einfach kann und will ich dieses Ende nicht akzeptieren.

Einmal zum Beispiel habe ich das Buch auf meinen Schoß gelegt und drei Stunden lang meditiert. Oder besser: ich stellte mir vor, ich säße auf Fuchurs Rücken und flöge mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit über Phantasia hinweg. Ich hatte einfach darauf spekuliert, dass durch meine Phantasiereise das Buch weiter wachsen würde, mit vielen neuen Geschichten und Reisen und Träumen. Allerdings musste ich enttäuscht feststellen, dass meine Strategie nicht aufging. Es waren immer noch 428 Seiten und kein Buchstabe mehr.

In einem nächsten Versuch habe ich lose, leere Blätter zwischen die letzte weiße Seite und den Umschlag gelegt und zwar eine ganze Nacht, in der Hoffnung, dass am nächsten Tag auf ebendiesen noch unbeschriebenen Blättern Worte, Sätze, Texte zu finden sind. Wie von Zauberhand geschrieben, eben. Erfolglos.

Schlimmer noch: die Ideen gingen mir aus. Was könnte die unendliche Geschichte denn unendlich machen? Alle meine Versuche waren kläglich gescheitert und ich  musste  feststellen, dass ich bei meinen Mitmenschen auf keinerlei Verständnis für meine Situation stieß. Die einen lächelten und meinten, ich könne ja selbst weiterschreiben (Grmpf!), die anderen versuchten mich mit der rationalen Begründung, ein Buch hätte immer ein Ende, auf den „Boden der Tatsachen“ (auf den keiner wirklich will) zurückzuholen.

Nichts von alledem ließ mich Ruhe finden. Ich musste einfach hinter dieses Mysterium kommen. Irgendetwas musste doch geschehen sein, dass die unendliche Geschichte ihr Ende fand.

Der schlimmste anzunehmende Fall war für mich die Vorstellung, der Autor wäre am Ende seiner Ideen angelangt gewesen. Aber dies war unmöglich, unvorstellbar, und, wenn wir mal ganz phantastisch vernünftig bleiben, völlig absurd.

Vielleicht lag es auch an der Eigendynamik der unendlichen Geschichte und sie hatte sich selbst beendet, sich gekürzt, hatte über Nacht Seiten verschwinden lassen oder den Autor mit Schreibhemmung belegt – aus welchen Gründen auch immer.

Nach langen Überlegungen blieb nur eine Antwort übrig. Es gibt einfach nicht genug Worte für eine unendliche Geschichte: Als der Autor das Buch schrieb, hatte er eine Unmenge davon zur Verfügung, doch für die Unendlichkeit reichten sie nicht aus. Die unendliche Geschichte schluckte die Worte wie  Hungernde und beförderte sie in die Unendlichkeit, ins Nichts. Je weiter, je unendlicher sie wurde, desto mehr erschöpfte sich der Wortvorrat und der Autor musste schon befürchten, nicht einmal mehr das Wort ENDE schreiben zu können.

Er wusste, er musste sich dringend etwas einfallen lassen, sonst würde die unendliche Geschichte eine Endliche werden. Also schuf er einfach die Worte, die er benötigte und verfasste Sätze wie: „Aibstan arw ni Fegahr. Treaju sustem waste hermenunten. Stosn drewü Aibstan tresben. Dun sad räwe sad Dene onv Tsanhapia.” Übersetzt (für alle Nicht-Phantasier): „Bastian war in Gefahr. Atreju musste etwas unternehmen. Sonst würde Bastian sterben. Und das wäre das Ende von Phantasia.“ (Anmerkung: nicht gerade originell, dient aber auch nur zur Verdeutlichung).

Nun hatte der Autor endlich die Möglichkeit, weiterzuschreiben und er tat es. Er lieferte Seiten um Seiten mit weiteren Anekdoten aus Phantasien, schrieb Tag und Nacht, konnte gar nicht mehr aufhören. Doch die Leute, die seine Vorlagen lasen und begutachten, durcharbeiten und korrigieren sollten, verstanden kein Wort. Alle Lektoren, Probeleser, Redakteure, Verleger und zu Rat gezogene Literaturkritiker und Psychologen schüttelten angesichts der „neuen“ Schreibart des Herrn Autor ihre heiß gelaufenen Köpfe. Sie beschlossen, da ja ihrer Meinung nach die Leserzielgruppe dies nie verstehen könnte und deswegen das Buch auch nicht kaufen würde, letzteres nur soweit zu veröffentlichen, wie es mit allseits bekannten Worten geschrieben ist. Der Rest, der sich im Übrigen schon auf knappe 2000 weitere Seite belief, landete im Schredder oder auf miefigen Dachböden und modrigen Kellern.

Das verlegte und veröffentlichte Buch wurde ein richtiger Kassenschlager, oder besser Kassenfüller. Es buchstabierte sich so sehr in die Herzen und Köpfe der Menschen, dass man in den Entscheidungsgremien der Literatur- und Kunstbranche sogar so weit ging, drei Filme aus dem Stoff zu machen, Hörspiele zu produzieren, damit auch die, die nicht lesen wollten, die unendliche Geschichte kennen lernen konnten. Man wusste, man hatte mit dem Ende der unendlichen Geschichte voll ins Schwarze getroffen.

Was wieder einmal beweist, dass ein Ende auch ein Anfang sein kann.

Frau Nützlich, nach einem sehnsüchtigen Blick ins Bücherregal

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Ein Gedanke zu “Warum die unendliche Geschichte endlich wurde

  1. Ich erinnere mich an das erste Mal lesen der unendlichen Geschichte. Andauernd kam der Satz: „doch das ist eine andere Geschichte“ ich liebte und hasste ihn gleichermaßen. Einerseits die Vorstellung dieser sich bis ins Unendliche verzweigenden Geschichten, andererseits ihr FEHLEN! …für mich wird dies immer die Unendliche Geschichte mit derart viel Charme versorgen, dass sie deutlich unter den endlichen, aber ungezählten Büchern die ich kennenlernen durfte herausragt.Das ist NÜTZLICH 😉
    Schön, dass sich jemand diesem Thema annimmt. Merci

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