Gedanken zu – Erschlagt die Armen-

geb_SU90 Prozent des weltweiten Reichtums  befinden sich in Nordamerika, Europa und im asiatisch pazifischen Raum (Japan , Australien )

Die neue Oxfam Studie besagt, dass das reichste Prozent der Weltbevölkerung – also rund 70 Millionen Menschen – mehr besitzt als die restlichen 99 Prozent  (rund 7 Milliarden Menschen) zusammen. 62 Super Reiche besitzen genausoviel wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Ein Grund dafür ist, laut einer aktuellen Oxfam Studie, die unzureichende Besteuerung von Kapitalgewinnen und großen Vermögen sowie die Verschiebung der Gewinne in Steueroasen.

Die in Frankreich mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin Shumona Sinha erzählt in ihrem Roman Erschlagt die Armen“ vom Ist – Zustand.
Von Menschen, die aus Not in die schöne neue Welt flüchten, die Kuchenkrümel ergattern wollen, Lebensperspektiven. Die Gewaltfreiheit und sauberes Wasser und eine unvergiftete Umwelt suchen. Die um Asyl ersuchen in Frankreich. Hierzulande werden sie gerne als „Wohlstandsflüchtlinge“ verunglimpft. Besonders von jenen, die von sich selbst glauben, zu kurz gekommen zu sein. Nicht am allgemeinen Konsum teilhaben zu können und – nicht zu Unrecht – um ihre Pfründe und Kuchenkrümel fürchten. Da hilft es nicht, dass es ihnen im Vergleich zu den Geflüchteten – die ihnen noch dazu sehr fremd erscheinen – um ein Vielfaches besser geht. Verglichen mit dem, womit sie in Medien und Werbung gelockt werden und was sie sich erträumen, fühlen sie sich benachteiligt. Sie wollen nicht teilen, sie wollen teilhaben. Hinzu kommen negative Erfahrungen mit Menschen fremder Kultur und Sozialisation. Wenn man weiß, dass negative Erfahrungen mehrere positive Erlebnisse benötigen, um wieder „gelöscht“ zu werden, kann man, wenn man sich bemüht, schon nachvollziehen, wie es zu Angst, Wut und Hass kommen kann. Wie diese sich dann äußern, manifestieren, ist unerträglich! Da gibt es kein Mitleid, keine Empathie, da werden Ressentiments geschürt, gehegt und gepflegt. Ressentiments, die man als Leser bei sich selbst dadurch persönlich ausformuliert und hinterfragt.

So ging es mir, die ich davon überzeugt bin, dass man diesen Menschen unbedingt helfen muss. Dass es eine ethisch, moralische humanitäre Verpflichtung dafür gibt. Dabei ist mir als Atheistin und Feministin unwohl, wenn ich – auch bedingt durch meinen Beruf – täglich mit ihrem Glauben und ihren teils auch daraus resultierenden, antiquierten  Ansichten über die Geschlechterrollen konfrontiert bin. Ich bin innerlich aufgewühlt und wütend, wenn mir ein Siebenjähriger, dessen Mutter aus religiösen Gründen sich selbst verhüllt,  erzählt, Frauen dürften beim hiesigen Döner nicht ins Lokal, weil da Männer sind und Frauen dort nichts verloren haben. Ich weiß, dass Frauen hierzulande viel erreicht haben, aber der Weg zur vollständigen Gleichberechtigung aller Menschen immer noch ein weiter ist. Abhängig in erster Linie von Bildung (kostet Geld, ist permanent unterfinanziert), verlangsamt durch irrationale Glaubenskonstrukte auch hierzulande in Parellelgesellschaften erstarkender Religionen (weshalb nicht ein Fach Ethik verpflichtend für alle anstatt staatlich gesponserter  (Trennung Kirche und Staat ist in Deutschland nicht vollzogen!) Indoktrination die nun auch noch auf weitere „Glaubensrichtungen“ ausgedehnt werden soll?), weshalb reibt sich die Wirtschaft angesichts der Flüchtlinge die Hände und denkt laut darüber nach, den Mindestlohn für diese auszusetzen? Weshalb glauben noch immer derart viel Menschen (oder werden geglaubt? ) an unbegrenztes Wachstum, obwohl die Tatsachen dagegen sprechen? Wie kann es sein, dass die Rechten und Tumben in diesem Land mittlerweile derart ungeniert ihre Trollkommentare und Stammtischparolen in unfassbar eindimensionaler Geisteshaltung öffentlich machen und damit auch noch Anhänger gewinnen? Weshalb lassen wir es uns bieten, dass Großkonzerne wie Ikea oder Amazon hier massiv Gewinne erzielen und uns alle um die Steuern dazu betrügen? Wieso lassen wir zu, dass im Bundestag die Lobbyisten mehr Einfluss haben als die Bürger, denen diese Regierung eigentlich verpflichtet ist? Diese und viele weitere Fragen lösen angesichts der absehbaren Massen an Individuen, die unzumutbaren Lebensbedingungen zu entkommen trachten auch bei mir diffuse Angst aus. Es geht nicht darum, diese Angst zu hätscheln, man muss sich ihr stellen, hinterfragen, nach  Lösungen suchen. Zuerst als Einzelperson, dann als Gesamtgesellschaft. Sonst bleibt uns nicht viel anderes übrig als die Armen zu erschlagen – zynisch betrachtet erledigen sie das ja teilweise recht erfolgreich bereits –  selbst, oder sie ertrinken in Massen oder die Bessergestellten sperren sich in Gated Areas und werfen sämtliche humanistischen Ideale über Bord, wie es vielerorts lautstark und gnadenlos gefordert wird.

Von Angst, Wut und Hass, von Frustration erzählt die Protagonistin von „Erschlagt die Armen“. Selbst Emigrantin in Frankreich, jung, Sprache liebend, bildungshungrig sitzt sie zwischen allen Fronten. Sie dolmetscht für die Menschen, die vor Elend, Diskriminierung, Folter und Gewalt geflohen sind.
„Ich hörte mir ihre Geschichten aus zerhackten, zerstückelten, hingespuckten, herausgeschleuderten Sätzen an. Die Leute lernten sie auswendig und kotzten sie vor die Computerbildschirme. Menschenrechte erhalten nicht das Recht dem Elend zu entkommen. Es war im übrigen untersagt, das Wort Elend auch nur in den Mund zu nehmen. Es brauchte einen edleren Grund, einen, der politisches Asyl rechtfertigte… Also mussten sie die Wahrheit verstecken, vergessen, verlernen und eine neue erfinden. Die Märchen der menschlichen Zugvögel. Mit gebrochenen Flügeln und schmierigen, stinkenden Federn. Mit Träumen traurig wie Lumpen.“
Sie die auf der anderen Seite sitzt. Assimiliert, gebildet und doch nicht teilhabend. Beide Seiten beobachtend, keiner mehr oder noch nicht tatsächlich angehörig, beschreibt sie ihre Gefühle, Gedanken. Emotional, wirr, sprachgewaltig und sprachlos zugleich.

„…weil das Elend nicht nur den Elenden Angst macht, sondern auch denen die im Warmen sitzen. Man irrt sich, wenn man glaubt, dass die Reichen die Armut erhalten wollen. Nein und nochmals nein. Sie wollen sehen, dass die Welt sich entwickelt. Nicht zu häßlich, nicht zu traurig, vor allem nicht schon halb tot, wie ein ausgesetzter sterbender Köter vor ihrer Haustür. Sie sind schon zufrieden, wenn sie für die vielfältigen Aufgaben die sie zu vergeben haben, unkomplizierte und kostengünstige Arbeitskräfte finden. Mehr brauchen sie nicht um die Einsicht von sich fernzuhalten, dass sie ihre Seele dem Teufel verkauft haben. Sie verjagen den Teufel, sie verjagen das Elend vor ihrer Haustür. Sonst hätten sie das Gefühl, dass die Zeit stillsteht, gefriert und sich zu einem düsteren Klumpen verdichtet, der wie ein schlechtes Vorzeichen über ihnen schwebt.“

Die Erzählerin erzählt nicht. Sie schreit förmlich heraus, eine einzige Anklage ist der Roman, nur gegen wen richtet sie sich? Das bleibt offen. Sie beklagt die Situation, versucht in Worten wie Bilder dem namen- und gesichtslosen Herrn K. verständlich zu machen, wie es dazu kam, dass sie – selbst Emigrantin – einem Asylsuchenden eine volle Weinflasche über den Kopf gezogen hat. Wie dieser Frust, diese Wut sich über Monate hinweg aufstaute und ein Ventil fand in einer ohnmächtigen, unsäglichen Handlung, die sie selbst nicht völlig verstehen kann. Es ist wie es ist. Und es ist nicht gut. Nicht einmal ansatzweise zufriedenstellend, es ist verworren und hilflos machend.

„Wir handeln aus schlechtem Gewissen. In jeder Epoche und überall auf der Welt versuchen wir, die Ungerechtigkeit und die vorangegangenen Verbrechen ungeschehen zu machen. Die faszinierende Geometrie von Raum und Zeit kommt uns stets zuvor, und wir begehen neue Fehler. Wir glauben daran, die Waage ins Gleichgewicht zu bringen, die Abweichungen in einem Land in einer Zeit auffangen zu können; und anderswo kommt es zu neuen Abweichungen.“

„Erschlagt die Armen gibt keine Antworten, es zwingt uns zu denken, es rüttelt auf, wir müssen selbst entscheiden, jeder für sich. Es ist hart – trotz seiner weichen, poetischen Sprache und femininen Sichtweise – schwer verdaulich und deprimierend. Es werden keine Fragen beantwortet, sondern aufgeworfen und gestellt, jedem Leser individuell und der Gesamtgesellschaft. Drängende Fragen! Und genau deshalb ist dieser kurze, unbequeme Roman, der dank seiner kraftvollen Intensität eine unglaubliche Sogwirkung entfaltet, es wert gelesen zu werden!

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 26. August 2015
  • Verlag : Edition Nautilus
  • ISBN: 9783894018207
  • Gebunden, 128 Seiten
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