Es gammelt von innen – Die schützende Hand

9783462046663_5[1]Wolfgang Schorlau gehört, seit ich ihn entdeckt und alle Bände um den Blues liebenden Privatermittler Georg Dengler verschlungen habe, zu meinen Top Favoriten im Bereich Kriminalliteratur. Er schreibt Politthriller, Unterkategorie ENTHÜLLUNGSROMAN.

Ein Buch für Verschwörungstheoretiker? Nein. Ein fiktiver Roman der nach ausgiebiger Recherche ein grausames Licht der Erkenntnis die man eigentlich lieber nicht wahrhaben möchte auf NSU und rechtsradikale Elemente die von der Regierung forciert werden wirft? Definitiv. Zugleich ein Trauerspiel größten Ausmaßes.

Seit immer mehr neue „Ungereimtheiten“ und Ermittlungspannen in kurzen Statements in der Presse auftauchten, habe ich die unerquickliche Chose ein wenig im Blick behalten und war schockiert, wie hier gepfuscht und dieser „Pfusch“vertuscht wurde. Die deutschlandweite NSU Pannenserie und der hilflose, mir unambitioniert erscheinende Untersuchungsausschuss erweiterten das Bild deutlich in Richtung Absicht der Verantwortlichen. Doch bleibt die Frage zu welchem Zweck, „wem nutzt es“? Dieser Frage hat sich der in Stuttgart wohnende Dengler Erfinder in „Die schützende Hand“ angenommen.

Schorlau hat nie einfach zu verdauende Lektüre geschrieben, immer ging es in seinen Dengler Romanen um brisante, gesellschaftlich hochaktuelle Themen, die politisch verschleiert werden sollen, dem Bürger verheimlicht.
So in „Die blaue Liste“ um RAF Themen, in „Das dunkle Schweigen“ um Nazivergangenheit, in „Fremde Wasser“ um die Wasserprivatisierung und die verbrecherischen Machenschaften, in „Brennende Kälte“ um Afghanistan. Mit „Das Münchenkomplott folgt die Untersuchung des immer noch nicht exakt geklärten Anschlags auf das Oktoberfest, „Die letzte Flucht“ wirft tiefe Einblicke in die Machenschaften der Pharmaindustrie, Massentierhaltung und Ausbeutung osteuropäischer Arbeitssklaven, anders kann man das leider nicht nennen, ist Thema des Politthriller „Am zwölften Tag“ . In Band 8 lässt er Dengler nun also die NSU Affäre untersuchen. Dass der Staat auf dem rechten Auge blind ist, weiß man seit langem. Wie diese Blindheit zu Stande kommt, welche Erwägungen, Verwicklungen und Motivationen dahinter stecken: Schorlau schildert hier eine interessante, nachvollziehbare, schockierende Sichtweise. Auch die vorsätzliche Täuschung der Abgeordneten, die dem NSU Untersuchungsausschuss angehören. Ich hielt diesen Ausschuss bis dato für eine Lachnummer, dem Personal geschuldet, Augenwischerei für die mündig, interessierten Bürger: Thüringen. Interessant auch diese Seite: NSU Watch

Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte prägen die Nachrichten aller Medien. Erschreckend wie gering die Aufklärungsquote ist und auch hier! Es ist vieles faul im Staate Deutschland und Wolfgang Schorlau zeigt mit dem Finger darauf. Der verdammte Kaiser Demokratie ist weltweit nackt und es gibt nicht genügend „Kinder“ Journalisten/Medien die bereit, oder fähig , oder einfach nur lautstark genug sind das aufzuzeigen.

Nein Schorlau lesen ist nicht einfach und es ist sicher kein Vergnügen, obwohl er gut schreibt und die ihm zur Verfügung stehenden Fakten hochinteressant und logisch nachvollziehbar in seine „Fiktion“ einbindet. Zu nah an der Realität, zu nah an der Wahrheit schreibt er. Extrem schmerzhaft für demokratiegläubige Seelen, sogar wenn diese relativ gut informiert sind.

Schorlau zeigt auf, wie weit die Machtergreifung und Ausbeutung der Konzerne, die Negierung der Demokratie und des Grundgesetzes schon vorangetrieben wurden. Schorlau zieht den Schleier der dringend erwünschten Blindheit rücksichts- und erbarmungslos vor den Augen der Leser hinweg. Die dann feststellen, ach so ein bisi Schleier lässt einen schon ruhiger leben …

Dennoch. Lesen möchte man ihn. Immer wieder. Quasi als Kontrapunkt zu den Massenmedien, die der Volksvernebelung und Verblödung dienen.
Wenn ich einen Wunsch hätte, würde ich mir wünschen, dass sich der nächste Dengler um die Medienlandschaft dreht. Die sogenannte Lügenpresse, wie der vom rechten Rand unterwanderte, vom auflagenstarken Schundblatt mit den vier großen Buchstaben verblödete Volksmund skandiert. Lese ich unser lokales Schundblatt – nicht ohne die Mängel an Grammatik, Rechtschreibung und Informationsgehalt zu goutieren (wenigstens bin ich der korrekten Interpunktion so unkundig, dass ich mich hierüber meist nicht aufregen muss) – möchte ich mich diesem Wort Lügenpresse im Geiste fast anschließen. Zu offensichtlich ist hier bereits das Prinzip: wes Hand mich füttert den beiß ich nicht; und auch in Baden – Württemberg ist der Amigoklüngel heftigst ausgeprägt.

Meinen aufrichtigen Dank daher diesem Autor, für seine Arbeit, seinen Mut, seine bewundernswerte Zähigkeit  und seinen Kampfwillen, sowie die Wahl seiner Waffen: die Romanform.

Buchdetails

  • Erscheinungsdatum Erstausgabe : November 2015
  • Verlag : Kiepenheuer & Witsch
  • ISBN:978-3-462-04666-3
  • Taschenbuch, 381 Seiten
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5 Gedanken zu “Es gammelt von innen – Die schützende Hand

  1. Ich habe ihn auch gerade durch. Zum Glück hat Schorlau zu alter Form gefunden, den Vorgänger „Am zwölften Tag“ fand ich eher mau.
    Was auch sehr nachdenklich macht: Die Angeklagte Zschäpe bestätigt auch noch im Wesentlichen die Version der Bundesanwaltschaft. Das hätte Schorlau bestimmt auch noch gerne mitverwertet.

    Gefällt 2 Personen

    • Der Vorgänger war etwas zäh, da gene ich dir recht. Über die fleischverarbeitende Industrie ist man auch gut informiert, wenn man sich nicht blind u. taub stellt. Mir fehlt auch ein wenig der Blues in den beiden Bänden. Immerhin, bei der schützenden Hand ist es Burdon😊 Zschäpes Aussagen sind wirklich sehr zu hinterfragen und paranoiatauglich.

      Gefällt 2 Personen

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