Oona, Salinger und Chaplin

Oona und SalingerEs gibt Bücher, die lassen sich bei der ersten Lektüre nicht knacken, sie distanzieren mich, geben sich spröde, lassen mich als Leserin nicht ein in ihren Kosmos, in den inneren Kreis der angelegten Atmosphäre. Nach wenigen Seiten schlagen sie die Tür zu, an der plötzlich ein Schild hängt: JETZT NICHT. Manchmal gebe ich mich dann geschlagen, klappe die Buchdeckel zu und es bleibt dabei. Häufig aber reizt mich genau diese verschlossene Tür, und ich weigere mich, aufzugeben. Dann klopfe ich noch einmal an … und nicht selten öffnet sich nicht nur die Tür, sondern ich habe das Glück, in eine Welt eingelassen zu werden, die mich ohne Vorwarnung vollkommen vereinnahmt.

Geschehen ist mir das zuletzt mit einem Roman, bei dem ich tatsächlich nie so recht wußte: Ist es Dichtung oder Wahrheit. Erzählt wird allerdings von zwei sehr realen Menschen – einem jungen Mann, der in seinen späteren Jahren mit einem einzigen Roman zum Kultautor vieler aufeinanderfolgender Generationen von Jugendlichen wurde und dessen erster und vielleicht einziger wahrer Liebe: Oona O’Neill und J.D. Salinger.

J. D. Salinger – hochverehrt und doch irgendwie meinerseits nie gänzlich durchdrungen – war das Zugpferd im Titel, das Bild seiner großen Liebe auf dem Cover ein weiteres Argument, wissen zu wollen, was in einem Roman über diese beiden Personen stecken mag. Dass Oona allerdings die Tochter des mehrfach preisgekrönten amerikanischen Dramatikers Eugen O’Neill und später die sehr junge Ehefrau Charlie Chaplins ist, war mir nicht klar. Der französische Autor – Fréderic Beigbeder – hingegen ist mir durchaus bekannt, gelesen hatte ich allerdings noch nichts von ihm. Sein Stil war mir nicht vertraut und vielleicht wurde mir auch deshalb ganz plötzlich die Tür vor der Nase zugeschlagen.

Denn Herr Beigbeder macht etwas, was ich prinzipiell auch gerne in meinen Buchvorstellungen tue: Er wird persönlich. Noch dazu tritt er zwischen den von ihm geschriebenen Zeilen heraus. Offen gesagt hat mich das zutiefst befremdet. Beim zweiten Anlauf allerdings hatte ich mich wohl schon an Beigbeder und seine starke Präsenz gewöhnt. Es gibt Passagen, in denen dieses persönliche Verstricktsein ins Thema verwirrenderweise auf den ersten Blick nicht wirklich etwas mit den Roman zu tun hat. Doch auch hier ist ein zweiter Blick angeraten: Gerade diese Passagen sind es, die dem Roman Halt geben.

Mit dem Fortschreiten der Geschichte um Jerry – wie J.D. Salinger sich damals nannte – und dem It-Girl Oona (im übrigen ist sie nicht, wie Beigbeder wohl behauptete das erste It-Girl überhaupt, die gab es zu Oonas Zeit schon längst), die meist nur im Dreierpack mit ihren besten Freundinnen Gloria Vanderbilt (ja, genau von DEN Vanderbilts) und Carol Marcus (die spätere Frau von Walter Matthau) im Stork Club anzutreffen war, zeigt sich, wie sehr sich Beigbeder in deren Lebenswelt einlas und vor allem einfühlte. Es entstand ein Roman, dem man an einigen Stellen nicht abnehmen möchte, dass die so authentisch geschilderten Situationen zwar auf Fakten beruhen, in ihrer Darstellung aber dem Geist des Autors entsprungen sind.

Vor allem die Schilderungen aus dem Zweiten Weltkrieg – Salinger diente ab 1942 und ab dem D-Day nahm er an fünf Feldzügen in Frankreich teil. Die Briefe, die Salinger aus dieser Zeit fiktiv an Oona richtet, sind so glaubhaft, dass man meinen könnte, sie wären echt. So eindringlich und offenherzig sind sie verfasst, dass das, was Salinger sein Leben lang selbst nicht recht ausdrücken konnte – die traumatischen Kriegserlebnisse – außer verschlüsselt in seinen Texten, nicht empathischer erfühlt werden kann.

In direktem Kontrast dazu steht Oonas Leben an der Seite Charlie Chaplins und bald auch der gemeinsamen Kinder. Oona selbst tritt dabei ein wenig in den Hintergrund. Charlie Chaplins gesinnungspolitische Probleme (er weigert sich dreimal vor dem Ausschuss zur Untersuchung unamerikanischer Umtriebe auszusagen), seine damit verbundene endgültige Ausreise nach Europa sind ein Mehrwert. Allderings auf Kosten von Oonas Geschichte. Sie tritt in den Hintergrund und Oonas Entwicklung, ihre Empfindungen bleiben im Dunkel. Möglicherweise ist diese Fokussierung auf Chaplin aber auch in der Beziehung mit Oona wahr. Möglicherweise aber auch nicht. Denn auch ihre Briefe wenigen Briefe an Jerry – gab es überhaupt Briefe von ihr? – wirken sehr wahrhaftig.

Und deshalb ist dieser Roman tatsächlich ein Roman. Beigbeder selbst bezieht sich im Vorwort auf den von Truman Capote geprägten Begriff der non-fiction novel und nennt Oona und Salinger reine Faction. Die Eckpunkte sind authentisch, die Personen real, Daten sind nachprüfbar – die Innensicht der Personen, ihre Handlungen und Beziehungen zueinander sind in der dargestellten Art und Weise dem schöpferischen Geist des Autors entsprungen.

Und doch gehe ich mit Beigbeder absolut d’accord wenn er sagt:

„Aber mir ist wichtig, feierlich das Folgende zu erklären: Wäre diese Geschichte nicht wahr, so wäre ich zutiefst enttäuscht.“

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 09. März 2015
  • Verlag: Piper
  • ISBN: 978-3-492-05415-7
  • Gebunden, 304 Seiten

 

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2 Gedanken zu “Oona, Salinger und Chaplin

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