Linzer High Society im Babyshopping

Ab und zu lese ich gerne einen regionalen Krimi, vor allem wenn ich die Gegend kenne. Diesen habe ich gewählt, weil ich als Kind sechs Jahre im Glasscherbenviertel in Linz am Fuße der Irrenanstalt, in der viele Szenen des Romans spielen, gelebt habe.

Was mich erwartet hat, war aber keine Geschichte mit viel Lokalkolorit, sondern eine grandiose Hintergrundstory, die sehr international im Milieu der Sinti und Roma in Tschechien und Österreich spielt. Es geht um geraubte Romababies, die über die Grenze gebracht werden und reichen, an Kinderlosigkeit leidenden österreichischen Ehepaaren für atemberaubende Summen zur Adoption überlassen werden. Linz spielt also als grenznahe Drehscheibe dieses Babyhändlerringes zur Legalisierung der Kinder eine tragende Rolle. Sehr glaubwürdig werden viele Menschen und Institutionen in dieses perfekt organisierte Verbrechen (sowas hat tatsächlich stattgefunden) verstrickt: Soziale Einrichtungen, Richter, Ärzte, Banker, Politiker, Schlepper, Romastrizzis vor Ort…. Auch die Romakultur und ihr Aberglaube, die Armut, der Hunger, der Dreck in Tschechien, die kriminellen Strukturen der Clans, die Prostitution von minderjährigen Mädchen und auch die Überintegration adoptierter Romakinder in die österreichische Gesellschaft werden sehr konsistent und gut beschrieben. Dem gegenüber zeigt sich die hässliche Fratze der Reichen und Mächtigen, die meinen, durch ihren Status über dem Gesetz zu stehen und sich als Herren über Leben und Tod aufspielen zu können.

Ach ja, was hat das mit der Irrenanstalt, dem Julius Wagner von Jauregg Krankenhaus (im Linzer Volksmund kurz Wagnerdisco genannt) zu tun? Der an Amnesie leidende Hauptverdächtige einer Mordserie an Adoptivmüttern der reichen Gesellschaft sitzt in der geschlossenen Abteilung dieser Irrenanstalt.

Soviel zu den zugegebenermaßen doch überwiegenden Pluspunkten des Krimis. Leider stellt der Schreibstil für mich ein erhöhtes Ärgernis dar. Normalerweise mag ich ja bildhafte Sprache sehr, aber hier haben sich beide Autoren zu viel und zu krampfhaft bemüht, blumig zu formulieren. Fast könnte man die Sprache des Romans als metaphernschwanger bezeichnen. Dadurch bekommt die Geschichte eine so schwülstige Attitüde, die sie gar nicht verdient hat. Wahrscheinlich liegen die Ursachen darin, dass die Schriftsteller aus dem Bereich des eBook Selfpublishing kommen und durch ihren durchschlagenden Erfolg beim vorwiegend weiblichen Krimipublikum (das ist statistisch erwiesen) nun ein gedrucktes Buch im Bastei Verlag herausgeben konnten. Die Sprache richtet sich eben an die Zielgruppe, und da passe ich als Frau mit meinem Geschmack trotzdem einfach nicht in die Kundentypologie :-).

Auch der Kommissar Zufall wird in der Story um eine Nuance zu oft bemüht, als dass die Integration des persönlichen Involvements einer Polizistin ein Musterbeispiel an Glaubwürdigkeit der Rahmenhandlung darstellen könnte.

Der Krimiplot hingegen ist großartig: Viele Verdächtige, falsche Fährten, die von den Autoren sehr konsistent und trickreich ausgelegt wurden und dem Leser dadurch ein spannendes „lustiges“ Mörderraten bescheren. Am Ende bleibt leider eine Frage bezüglich der Psychiaterin unaufgeklärt. Offene Ermittlungsergebnisse in Krimis stören mich als Leserin fast noch mehr als diese verbissenen Kommissare, die jeder Spur nachjagen.

Fazit: Ein guter solider Krimi, der insgesamt auf jeden Fall besser als Mittelmaß ist, mit störender, zu überambitionierter Sprachkonstruktion.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 8. Oktober 2015
  • Verlag : Bastei Lübbe
  • ISBN: 978-3-40417-264-1
  • Fester Einband : 446 Seiten
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