Tod des Vaters

Die EifersüchtigenDer alte Gábor Garren liegt im Sterben. Seine erwachsenen Kinder kommen nach Hause, teilweise von weit her, haben sich lange nicht gesehen und leben längst ihr eigenes Leben. Sie sind die Kinder dreier Mütter, sind so unterschiedlich wie diese und sie kommen nun zusammen in dem Wissen, dass sich etwas ändern wird, wenn auch nicht so ganz klar ist, was das genau sein wird und wie es mit der Familie Garren, einer im Ort hoch angesehenen Familie, nun weitergehen wird.

„Die Eifersüchtigen“, so lautet der Titel des soeben neu im Piper Verlag aufgelegten Romans von Sándor Márai, der bereits 1937 in Ungarn und 1947 erstmals in Deutschland erschien. Die Eifersüchtigen, das sind die Kinder des alten Gábors, die sich misstrauisch beäugen, als sie nun wieder aufeinander treffen und zwischen denen viel Unausgesprochenes steht, das unter der Oberfläche brodelt, in dieser für alle schwierigen Situation. Sie befinden sich in einer seltsamen Wartehaltung: Sie wissen, dass der Vater bald sterben wird, sie warten darauf, ohne dass es ihnen bewusst ist. Es wäre ihnen lieber, dass die Möglichkeit dieses Todes weiter in einer fernen, unbestimmten Zukunft läge.

Márai legt seine Geschichte breit an: Er konzentriert sich nicht allein auf die Situation im Hause des Vaters, stattdessen widmet er sich ausführlich dem ältesten Sohn Péter und seinem Leben im fernen Karnak, einem seltsamen Leben als Bediensteter eines zwielichtigen Geschäftsmannes und mit einer Frau, mit der er nicht verheiratet ist. Wir erfahren außerdem in einer längeren Rückblende von der Vergangenheit des Ortes, in dem die Garrens seit jeher gelebt haben und den eines Tages „die Fremden“ eingenommen haben, ohne dass die Einheimischen sich ausdrücklich zur Wehr gesetzt hätten. Man darf hier also keinen linearen oder zielgerichteten Handlungs- bzw. Erzählverlauf erwarten. „Die Eifersüchtigen“ besteht aus ausführlich beschreibenden Passagen, aus langen, teils verschachtelten Sätzen. Man liest einen dialogarmen Roman, in dem vordergründig nicht viel passiert. Alles gärt im Verborgenen, zwischen den Zeilen, auf einer weiteren Ebene.

„Die Eifersüchtigen“ gehört zum Romanzyklus „Die Garrens“, bestehend aus „Die jungen Rebellen“, „Die Eifersüchtigen“ und „Die Beleidigten“. Márai sah den Zyklus als sein literarisches Vermächtnis. Insgesamt ist er dem Verfall der bürgerlichen Familie Garren gewidmet. „Die Eifersüchtigen“ lässt sich ohne weiteres losgelöst von den anderen beiden Romanen lesen. Ob die Lektüre im großen Zusammenhang eindringlicher ist? Womöglich.

Als Ende der 90er Jahre Márais hierzulande wohl bekanntester Roman „Die Glut“ wieder entdeckt wurde, habe ich nicht nur diesen Roman, sondern auch noch einige weitere mit Begeisterung gelesen. Warum „Die Eifersüchtigen“ mich nicht in gleicher Weise fesseln konnte, weiß ich kaum zu sagen, auch, weil meine letzte Lektüre eines Romans des Autors schon eine Weile zurück liegt. Márais Rang und sein literarisches Können sind unbestritten. Trotzdem: Mir war „Die Eifersüchtigen“ etwas zu weitschweifig, lang hielt der Roman sich manches Mal dort auf, wo ich gern weitergehen wollte, zu sehr verlor er sich in Beschreibungen, als dass die Handlung voranschritt. An einigen Stellen hätte ich es gern etwas konkreter gehabt. Zudem häufen sich manches Mal Wiederholungen. All dies macht Márai seinen Rang nicht streitig, seine Sprache kommt auf den Punkt und seine Beschreibungen des Verfalls einer bürgerlichen Familie sind durchaus beeindruckend. Vielleicht muss man sich bereitwilliger auf den langsamen Erzählfluss und Márais Sprache einlassen, als es mir zum jetzigen Zeitpunkt möglich war? Seine Wege und Ausschweifungen mit mehr Vertrauen mitgehen? Ich freue mich schon auf andere Meinungen zu diesem Buch. Vielleicht kam es für mich ja einfach zur falschen Zeit.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 5. Oktober 2015
  • Verlag : Piper Verlag
  • ISBN: 978-3-492-05598-7
  • Gebunden: 560 Seiten
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