Bleeding Edge – Kategorie Lob und Hudel

978-3-499-26865-6„Wir leben von gestundeter Zeit. Wir wollen billig davonkommen. Wir denken nie darüber nach, wer dafür bezahlt, wer irgendwo anders auf engstem Raum mit anderen hausen und hungern muss, damit wir billige Lebensmittel haben, ein Haus mit Garten in einem Vorort…und das weltweit, jeden Tag mehr – unsere Schuldenlast steig und steigt. Und alles was die Medien uns anbieten, ist:

Scha – luchz, all die unschuldigen Toten. Aber scheiß drauf. Weißt du was? Alle Toten sind unschuldig. Sowas wie ununschuldige Tote gibt’s gar nicht.“

Nach einer Weile: „Du willst das jetzt nicht erklären, oder?“

„Natürlich nicht es ist ein Koan.“

Lost in space of virtuell reality; Virtuelle Realität, die auch in den Anfängen des der Allgemeinheit zugänglichen, weltweit genutzten Internets bereits einen deutlichen Drift in Richtung Heimstatt für die gequälten Paranoikerseelen der Verschwörungstheoretiker bot.

Mysteriöse Welten hart am Rande der Legalität und Realität findet die aus Leserinnensicht sehr sympathische Protagonistin Maxine hier vor. Dabei ist sie ursprünglich keiner großen Sache, sondern mit ihrer entlizensierten Betrugsagentur nur den üblichen kleinen kapitalistischen Schweinereien auf der Spur.

Abstand vom Ex, ihre zwei Söhne, Otis und Ziggy, die typischen Modefragen und genussvollen Sex hat sie zusätzlich auf dem Schirm, während sie gefangen zwischen jüdischem Traditions- und Religionsballast und Alltagsaufgaben auf eine seltsame Spur voller Zufälle trifft….

Skurrile, authentische Charaktere wie Emotherapeut Shawn:

„Interessant Maxine. Möchtest du vielleicht…darüber sprechen?“ Mit diesem strahlenden, leeren, vielleicht aber lediglich kalifornischen Das – ganze Universum – ist – ein Witz – den – du – bloß – nicht- kapierst – Lächeln, das sie so oft zu gänzlich unbuddhistischen, wutgetränkten Tagträumen treibt. Maxine kann es nicht direkt Flachsinn nennen, aber würde mal jemand einen Druckprüfer in Shawns Ohr stecken, dann würde das Ding wohl ein paar Bar zuwenig anzeigen.“

Stiften in Maxines Lebens- und Gedankenwelt und der Story nicht nur zusätzlich Verwirrung. Shawn setzt sie mit seinen herrlich witzigen Koans und sonstigem Esoterikgeschwafel immer wieder auf die heiße Fährte und auch die anderen Nebendarsteller runden das Bild und damit auch die Story bestens ab.

„Zwei Buddhas zwei Türme, interessante Parallele, na und?“ „Die Trade – Center Türme waren auch religiöse Symbole. Sie haben das symbolisiert, was dieses Land mehr anbetet als alles andere: den Markt. Immer dieser verdammte heilige Scheißmarkt.“

„Du meinst es war was Religiöses?“

„Ist es denn keine Religion? Wir reden von Leuten die glauben, dass die unsichtbare Hand des Marktes alles lenkt. Sie führen heilige Kriege gegen Konkurrenzreligionen wie den Marxismus. Obwohl wir wissen, dass die Welt endlich ist, hängen sie dem blinden Glauben an, dass die Rohstoffe nie zur Neige gehen und die Profite immer weiter steigen werden, ebenso wie die Weltbevölkerung – noch mehr billige Arbeitskräfte, noch mehr abhängige Konsumenten.“

Heidi, die beste Freundin hingegen

„…und als ich mich schließlich umdrehe, sehr ich zwei Frauen in meinem Alter. „Älter! in deinem Alter.“ ist weniger Trost, vielmehr Sparringspartnerin.

Irgendwie Exehemann Horst, der Börsianer savant, den Maxine nach unguter Trennung doch wieder vorfindet, mogelt sich, gereift – in Anbetracht der Tatsache, dass er ein Mann ist, immer unter Vorbehalt – in ihr Leben. Ein chaotisch, konfuses Leben unter Vollgas.

Pynchon schreibt wie Woody Allen auf Speed.

Schmeißt einen genussvoll in die Atmosphäre des New Yorks der Nuller Jahre.

Dabei behält er die erzählerischen Fäden in der Hand, auch wenn die dialoglastige, über mehrere Ebenen gestreute Geschichte, in erster Linie von Maxines Gedanken gespeist wird, hauptsächlich aus ihrer Perspektive geschildert ist. Er schafft eine witzige, geistreiche Atmosphäre, die nicht vor Albernheit zurückschreckt, sie mit einbaut, ohne darin zu versumpfen und schlicht intelligenten Heidenspaß beim Lesen bietet. Eine Neun Elfer Screwball Komödie.

Die zwei Geschichten (oder waren es drei?) entwickeln sich derart komplex und vor allem mitreißend, dass man nach Beendigung des Buches fast bedauert, über ein (noch) intaktes Kurzzeitgedächtnis zu verfügen, denn entweder man möchte ewig weiterlesen und mit Maxine ihr Leben und ihre Gedanken teilen, oder gleich nochmal von Beginn an eintauchen.

Bei einem derart gehaltreichen fetten Saftschinken (Wälzer) gilt ein besonderes Lob dem kongenialen Übersetzer Dirk van Guusteren, der nicht umsonst ein großes Renommee in der Branche genießt und etliche Preise verdient mit heim nehmen konnte. DankT. Pynchon und D. v. Guusteren, diesen beiden Großen der Branche ist dieses herausragende Stück Literatur in der Übersetzung ein einziger Genuß. Clever, smart, voll kreativer Wortschöpfungen. Für mich ein Buchschätzchen und Jahreshighlight!

So ergibt sich für den, der es mit genügend Aufmerksamkeit bis zum Ende des Romans schafft – Pynchon eignet sich absolut nicht für flüchtiges nebenbei Konsumieren – dass er plötzlich entrüstet feststellt,  das Buch hört einfach auf, und egal wie stimmig und passend das Ende ist  – das ist es – hier bleibt die begeisterte Leserin ein wenig vergrätzt zurück, denn Maxine weiterzubegleiten, in die Pynchonsche virtuelle Realität einzutauchen wird fehlen, genauso wie Maxine.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 26. September 2014
  • Verlag : Rowohlt
  • ISBN: 978-3-498-05315-4
  • Hardcover, 608 Seiten
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2 Gedanken zu “Bleeding Edge – Kategorie Lob und Hudel

  1. OKay! bei der Übersetzung kann ich Dir zustimmen, über alles andere habe ich eine etwas differenzierte Meinung, aber da haben wir ja schon trefflich in Worten gestritten. Für mich eher ein New-York-Insider-Sex-in-the-city Wälzer als Woody Allen, dessen Name ich gar nicht in die Verbindung von Pynchon bringen möchte 🙂

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    • Man hatte aber durchaus die Möglichkeit sich selbst insidermässig reinzulesen. Und für S&tc fand ich die eine Sexszene jetzt weder ausreichend noch wies es Ähnlichkeiten dazu auf. Die Klamotten, ok, da legt Maxine viel wert drauf, aber womöglich auch nicht mehr als Ottonormalleser/in die sich passend zum Anlass in Schale schmeißen. Bleibt einfach,mag man den Stil und kommt man damit klar.Wie immer Geschmacksache. 😃 Ne Gegenrezi deinerseits wäre toll und würde neues Licht auf das Ganze werfen. Hau rein. 😜

      Gefällt 1 Person

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