Babyboomers Brummkreisel

Die gute Nachricht vorab: Das Buch ist durchaus lesbar! Warum ich daran zweifelte? Nach 90 Seiten und gefühlter Verzweiflung ob der Sprache, die durch Interpunktion und eingestreuten Klammern (die weitere Gedankengänge einbrachten), langatmige Sätze über halbe Seiten, war ich mir nicht sicher ob ich es überhaupt schaffe, das Buch bis zum Ende zu lesen. Gerade die Klammern brachten den Lesefluss teilweise zum Erliegen, die langen Sätze, die mittendrin den Gedanken änderten, bis am Schluss etwas vollkommen anderes als am Anfang herauskam, ergaben einen weiteren Baustein eines sperrigen Romans. Auch wusste ich nach 90 Seiten nicht um was es in dem Buch überhaupt ging. Menschen Ende 40, Anfang 50 die über ihr eigenes Leben reflektierten? Handlung? Fehlanzeige! Na komm, muss ja nicht immer Handlung, roter Faden oder so was sein – sieh es als Kunst! Steht doch auf der Shortlist! Da muss doch was dran sein.

Dann fand ich den Kniff weiterzulesen – ich übersprang die Klammern (stand sowieso nichts Weiterführendes oder Interessantes drin) und siehe da, das Buch war in zwei Tagen durch.

Doch auch nach 450 Seiten hatten sich keine Handlung und keine klare Linie herausgebildet. Um was geht es? Verschiedene Menschen (z.B. Jochen Brockmann, geschieden, eine Tochter, beruflich viel im Ausland), die in den Babyboomer Jahren geboren sind und jetzt Anfang 50 über ihr Leben philosophieren, Kinder haben, meist geschieden, desillusioniert in ihrem Job (aber gute Jobs haben sie), trinken zu viel, rauchen zu viel, treiben kaum Sport. Die Gedanken kreisen um das ‚Warum bin ich hier und was habe ich verpasst?!‘

„Was hätte man schon sollen, dachte er, und wann, wann ist überhaupt der richtige Zeitpunkt für irgendwas, wäre es gewesen, um sich Umwege zu ersparen. Eine Begegnung, ein Gespräch, die einen aus einer Sackgasse herausholen würden. Wrong direction, baby! Als könnte man mitunter erst hinterher sagen, wo’s gefehlt hat, vor allem theoretisch. Und weil die Gegenwart so blind ist, klammert man sich an die Zukunft, glorreich und lichterfüllt. „

Religion wird angeschnitten, aber nicht wirklich, nur als etwas, was einen vielleicht retten kann, aber so wirklich wird sich damit nicht auseinandergesetzt. Es bleibt abstrakt. Genauso wie die diffusen und unklaren Kapitel die Gerlach, einen Flüchtling aus der DDR in Russland zeigen. Was bewegt ihn? Ist das politisch, obwohl doch alle anderen Charaktere unpolitisch sind. Die unpolitische Darstellung, soll sie unser Land zeigen, gar auf eine bestimmte Generation zielen?

„Zumindest darf man ja mal fragen, nach Zufall und Gesetz. Wie dieses und jenes so zusammenhängt und wie man darauf kommt, dass in allem ein höherer Sinn steckt. Eine Art Zweck, ähnlich dem Ergebnis einer mathematischen Beweisführung. Quod erat demonstrantum. Aber vielleicht hat sie keine, hatte nie eine, wird auch nie eine haben, grundlos von Beginn an. Jedes Geschehnis so wahrscheinlich wie sein Gegenteil.“

Peltzer ‚brummkreiselt‘ weiter – und wie!

„Wie viel man braucht, wovon man lebt. Leben wird, wenn nichts mehr nachkäme, ausgemustert….Luhumppn, Halt-aißen, Papiiier. Seltsam, wie wenig Gedanken man sich darüber macht, wenn’s läuft, grundsätzlich… lediglich kalkuliert, aber auch  nicht richtig, ob diese oder jene Zeichnung gerade drin ist, man vielleicht zwei andere verkaufen müsste, um sie zu erwerben können (morgen den Wert der Sammlung mal überschlagen, mit Sinn und Verstand). Eine Vertragsauflösung (einseitig) würde zu einer Abfindung führen müssen, da nicht zu beweisen, er hätte vorsätzlich, schuldhaft, fahrlässig gehandelt. Was, sehen Sie, Herr Rechtsanwalt, einen Zug ins Kuriose hat, da alle dafür waren, den Indonesiern exakt die Konditionen einzuräumen, aus denen man den Strick dreht (oder bereits gedreht hat), an dem ich baumeln soll (ach Jochen deine poetisch Ader).“

Man liest sich teilweise wie in ein Mantra, anfangs ist mir spontan Piet Klocke eingefallen, der jedes Thema, mit seinen Armen, groß, auffällig, angesprochen?, oder, nein gerudert hat er, wie damals mein Freund, mit dem ich, ach da war ich noch jung.

„Als Anakoluth bezeichnet man einen Bruch des Satzbaus oder auch Abbruch bei einem einmal begonnenen Satz. Man fängt einen Satz an, besinnt sich neu und fährt in einer Weise fort, die dem begonnenen Satz nicht entspricht, oder bricht ihn auch ab. Beispielsweise kann die grammatische Beziehung der Satzglieder gestört sein, oder ein neu hereinbrechender Gedanke stört die Folgerichtigkeit des Satzes; oft wird einfach umgeplant“ (Quelle: Wikipedia)

„Während jetzt, ich meine, ich hab keine Träume, denen ich nachjagen wollte oder bisher nachgejagt wäre, um jeden Preis, wie ein innerer Zwang, insofern, die Kündigung, ja, Scheiße, aber…. wovon träumt man? Was hält einen am Laufen?[…] Je nachdem, wie man’s betrachtet. Philosophisch. What makes the world go round, warum, wieso, weshalb. Kann ich Dir nicht beantworten, einfach so, müsste man aber, wenigstens für sich selber, um rauszukriegen, welche Träume überhaupt Sinn machen. Damit man nicht nach zwei Schritten schon vor die Wand läuft.“

Und jeder möchte eigentlich ein besseres Leben. Aha. Für diese Aussage musste ich mich jetzt 450 Seiten durch die wirren Gedanken der Charaktere quälen. Der Ertrag rechtfertigt in keiner Weise den Aufwand, wie auch hier sehr gut nachzulesen ist. Das kann man besser machen. Wichtige Themen wie z.B. Religion, alternative Lebensweisen, Sport oder Politik sind in den Gedanken vollkommen ausgespart, bzw nur diffus angesprochen. Babyboomer (die Generation Anfang der 60er Jahre) die sich wie ein Brummkreisel um sich selber drehen, beschrieben in einer kunstvollen, mit Symbolen überfrachteten Sprache. Ist so diese (auch meine) Generation wirklich gestrickt? Sieht so der Gewinner des Deutschen Buchpreises aus?

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 20. Juli 2015 (3.Aufl.)
  • Verlag : Fischerverlage
  • ISBN: 978-3-10-060805-5
  • Gebunden: 448 Seiten
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