Killer on the Road

BillyEINZLKIND ist mir seit seinem/ihrem Debüt mit Harold ein Begriff. Wer oder was sich hinter diesem Pseudonym verbirgt und warum überhaupt Pseudonym ist – für mich zumindest – völlig unerheblich.

Die Geschichten sind es, die mich interessieren. Diese sind hochkarätig. Buchschätzchen. Geschichten von Außenseitern, immer mit liebevoller Skurrilität ausgestattet, die nicht gänzlich realitätsfern ist, und doch die Andersartigkeit ihrer Protagonisten aus der Masse der Charaktere deutlich skizziert, ihren besonderen  Wert heraushebt. Wir brauchen solche Charaktere, die unangepassten, elitären, philosophischen, einfach strukturierten, diese Vielfalt die jenseits der Norm bezaubert, wie sie in den letzten drei Romanen HAROLD ; GRETCHEN und nun BILLY; von Einzlkind zu entdecken sind. Das mag nicht unbedingt von literaturpreiswürdiger Relevanz sein, obwohl Tiefe durchaus vorhanden ist; dafür unterhält es in bester althergebrachter Geschichtenerzählertradition – Einzlkind spinnt Geschichten, die es wert sind erzählt zu werden. Abenteuer, die Geist, Herz und Seele bereichern, dem Leben mehr Farbe und Geschmack geben. Geschichten, die – mich zumindest – bereits mit dem ersten Satz des Romans eingefangen und als Leserin in der Tasche haben. So bei

Gretchen:
Als Gretchen Morgenthau aufwachte, fiel ihr der Himmel auf den Kopf und es fehlte nicht viel, da wäre Gott gleich mitgefallen.

Harold:
Donnerstag. Harold glaubte nach Mutters Tod erbe er die Villa und erhänge sich zweimal die Woche in der Vorhalle.

Billy erwischte mich mit dem Eingangszitat, wobei ich mir immer noch nicht über das Für und Wider vorangestellter Zitate einig bin. Sind doch manche bemüht gewollt, Bildung zurschaustellend und daher meiner Ansicht nach völlig überflüssig. Manche unnötig unverständlich, wenige packen einen so wie Billys, welches Spaß versprach:

Is it actually ok to kill somebody? Of course my dear.

Handelte Harold noch davon, wie es Menschen gelingt, ihr schlummerndes Potential auszuschöpfen, manchmal auch gegen ihren Willen, da man dazu durchaus auch seine Komfortzone verlassen muss, ging es bei Gretchen zwar ebenfalls um geistiges Wachstum, um Erkenntnis dessen, was im Leben am Ende tatsächlich zählt, so geht Billy einen anderen Weg. Hier ist das Zitat perfekt gewählt. Exakt diese Frage stellt sich im Laufe der immer intimer werdenden Bekanntschaft und, in meinem Falle, auch Anfreundung mit dem Protagonisten.

GLÜCK ist ein immer wiederkehrendes Thema, welches alle Romanhelden im bisherigen Werk verbindet. Schalk, Ironie und Formulierkunst und breit gefächertes Allgemeinwissen, so aufbereitet, dass man es ohne Hirnverenkung genießen kann runden den spannenden Plot ab, garantieren „Umblätterlust“. Kreative Wortschöpfungen erfreuen die Leserseele.

Zum Inhalt: Billy, einziges Kind verdrogter Hippieeltern, Vollwaise, aber in glücklichen Familienverhältnissen

„Nie in meinem Leben war ich stolzer darauf, Teil dieser Familie zu sein, die es immer wieder aufs Neue schafft, einen sprachlos mit offenem Mund dastehen zu lassen, wie einen Vollidioten, der alle seine Gehirnzellen bei einer Pferdewette verloren hat.“

aufgewachsen. Ausschlaggebend und besonders prägend wirkte hier sein Onkel Seamus, autodidaktischer Philosoph und Gemütsmensch.

„Die Gewöhnlichen mögen es gar nicht, wenn man anders ist und da wir im Zeitalter der Gewöhnlichen leben, sagte Onkel Seamus, sei es geradezu unsere Aufgabe für das Ungewöhnliche zu kämpfen.Den persönlichen Geschmack mit dem Maßstab für gut oder schlecht zu verwechseln, den eigenen Geschmack zum Geschmack aller machen zu wollen, sei eine Tragödie und nicht nur ein kleiner Fauxpas, und genau daran erkenne man den billigen Charakter, den unnötigen Menschen.“

Billy liebt Musik,

„Musik war für mich immer ein Gemischtwarenladen.“ (Hier gibt es ein Wiedersehen mit dem elitär arroganten, aggressiven Plattenladenbesitzer, der durch etliche Hirne geistern mag und sicherlich, irgendwo da draussen immer noch existiert) seine Familie, philosophieren und einige, aber beileibe nicht alle Philosophen.
Aus teils geschäftlichem, teils lustbestimmtem Anlass unternimmt er eine Reise in die USA. Einen bunten Road Trip während dem er auf die verschiedensten skurrillbunten Vögel, sprich: Einwohner, der USA trifft.

„Werber, die Straßennutten des Kapitalismus, die sich auch noch von dem dreckigsten Freier in den Arsch ficken lassen, nur um es ihm dann tausendfach heimzuzahlen, mit ihrer Kreativität. Sehr angenehm, Whip. Schön, Sie kennenzulernen.“

Seine Vergangenheit, die von ihm geschätzten Philosophen, speziell Nietzsche und andere Vorbilder begleiten ihn, ebenso wie der Leser, auf dieser Reise. Eine Biographie on the road entwickelt sich zu einer ausgiebig vergnüglich faszinierenden Charakterstudie und  Sightseeing Tour. Fernab aller üblichen touristischen Attraktivitäten tourt Billy durch die Staaten während er auf sein persönliches High Noon zusteuert.

Das Ende, des Romans ließ mich zuerst fluchend, dann grübelnd, danach literarisch beglückt zurück. Siehe Eingangszitat!

Das „ERSIEES“ Einzlkind hat aus meiner Sicht in allen drei bisher erschienen Romanen immer wieder den Ton getroffen. Amüsant und unterhaltsam in Stil, Sprache und Thematik, wenn man eine gewisse Skurrilität schätzt, sowie das Ungewöhnliche, gerne im Vertrauten entdeckt. Ein wenig erinnert mich seine Schreibe an E.L. Doctorow. Dessen feine Ironie auch oft zart und nie aufdringlich das Leseglück verschönte und dessen Charaktere aus Homer & Langley ähnliche Qualitäten aufweisen wie EINZLKINDs Protagonisten.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 06. September 2015
  • Verlag : Insel Verlag
  • ISBN: 978-3-458-17647-3
  • Gebunden, 203 Seiten

 

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