Risiko

1330_01_Kopetzki_Risiko.inddEin weißer Falke, ein Falkner, ein Emir, im Hintergrund der Hindukusch. Es gibt Momente, die nicht unbedingt großartig sein müssen, die aber die Weltgeschichte entscheidend beeinflussen, an denen die weitere Geschichte am Scheidepunkt steht. Mit dieser Konstellation fängt dieses Buch an. Sebastian Stichnote liegt gewürgt von dem Emir auf dem Boden von Afghanistan und erinnert sich….

Stichnote: sind Noten in der Musiknotation, die nicht gespielt werden, sondern nur der Orientierung der Spieler dienen.

Sebastian Stichnote ist Marinefunker auf einem deutschen Kreuzer im Jahre 1914. Er hat sich freiwillig gemeldet, einerseits um seinen zwei älteren Brüdern und dem Streit um das Erbe der Gerberei des Vaters aus dem Weg zu gehen. Andererseits, um genug Geld für eine Fahrkarte nach Kolumbien zu seinem Onkel zu beschaffen. Mit der Funktechnik zu arbeiten, gibt ihm das Gefühl mit der Welt in Verbindung zu sein.

Zur Zeit liegt er mit dem Schiff vor der Küste Albaniens. Das Schlimmste am Krieg seien nicht die Kampfhandlungen, sondern die Langeweile, das Warten, hatte jemand angemerkt.

„Der Kommissar spürte den aus dem Niedergang aufsteigenden Odem, dumpf getragen von Maschinenöl, feinstem Ruhrkohlenstaub und dem Brutdunst der vierhundert Männer, die das seit Wochen in der Sommerhitze stehende Schiff bevölkerten, in ihren Quartieren zusammengepackt wie die Heringe und unausweichlich miteinander vertraut, als führten sie eine Gemeinschaftsehe.“

Und so vertreiben sich die einen die Wartezeit mit Kartenspielen und Lesen, die Offiziere spielen ein Spiel, ein Vorläufer des Spieles Risiko. Dieses Spiel ist aber wesentlich komplizierter in den Regeln, die Bühne ist die Welt, man kann jedes Szenario detailgetreu nachspielen.

„Er betrachtet das enorm vergößerte Spielbrett, das auf dem Tisch ruhte und darauf wartete, mit den Spielzeugheeren, den Bleifiguren stürmender Artilleristen, zielgenauen Kanonen und Schlachtschiffen belebt zu werden und für Stunden eine eigene Welt zu bilden, die ihre Spieler so manches Mal mehr packte, als die wirkliche es je vermocht hätte. Warum nur, dachte er, besaß das was in der Phantasie geschah, solche Kraft und Leidenschaft, während ihnen der reale Krieg, den sie aus den Zeitungen entnahmen und den mitunter kryptischen Meldungen des Marinehauptquartiers, weit weg, fast wie auf einem anderen Planeten stattzufinden schien.“

Sebastian Stichnote liest auch gerne und leiht sich Bücher, eines davon ist der deutsche SF-Klassiker Auf zwei Planeten von Kurd Laßwitz, den er bis fast zum Ende seines Abenteuers behält. Ein kleiner schriftstellerischer Kniff von Kopetzky, da Risiko auch ein Roman ist, der in einer möglichen anderen Vergangenheit spielt – auf einem anderen Planeten.

Nach einiger Zeit des Wartens überschlagen sich die Ereignisse, der Erste Weltkrieg beginnt und die deutsche Flotte flieht durch das Mittelmeer nach Konstantinopel. Dort wird Stichnote in ein Geheimprojekt eingeweiht, das den Verlauf des Ersten Weltkrieges entscheidend beeinflussen soll. Ziel ist ein heiliger Dschihad gegen die Engländer und Russen. Von Konstantinopel zieht eine kleine Schar gen Osten – das Ziel ist Kabul in Afghanistan, eine Stadt, die noch kein Deutscher vor ihnen betreten hat, durch viele weiße Flecken auf der Landkarte, Wüsten und fremde Städte. Mit im Handgepäck ein falscher indischer Scheich und Tonnen von Funkausrüstung.

„Als Stichnote sich noch einmal zu Seiler und den beiden Heeresfunkern umdrehte und sah, wie sie auf dem Meidan standen, dem Entwurf der Welt, wo sich die Karawane gesammelt hatte, wurde er traurig. Die drei winkten und wurden immer kleiner. So war die Welt anscheinnd. Man traf sich , und man trennte sich. Dazwischen starben immer wieder einige. Und man selbst war ein Nichts, hinter dem glockenbehängte Kamele herstapften.“

Kopetzky hat einen wunderbaren historischen Abenteuerroman, im Sinne von Karl May, in sprachlich geschliffenen Worten geschaffen, die die fremden Orte, Farben, Gerüche und Menschen lebendig vor dem Auge entstehen lassen. Die in sechs Jahren vom Autor zusammengetragenen Quellen sind erstaunlich detailliert recherchiert. Was diesen Roman außerdem so besonders macht ist die leicht schelmische, humorige Leichtigkeit, die ihn umfängt.

„‚War jahrelang in Flensburg auf der Schule‘, sagte Stichnote, gab aber den letzten Worten jene von Toth offenbar vermisste Farbe, indem er ein paar Konsonanten verschluckt und dem Ganzen die süß-milden Konturen breiten Bayerischs verlieh, die auf der Stelle ein entzückendes Grinsen auf das Gesicht des Schreibers zauberten.“

Stichnote selber geht direkt seinen Weg, reflektiert aber öfters über die Schicksalsschläge, die ihn und seine Freunde ereilen. Im Roman dient er, wie bei der Notennotation, als Orientierung des Lesers, einen Fixpunkt zu haben, da um ihn herum ein munterer Reigen entfacht wird. Der Nebenschauplatz Persien im Ersten Weltkrieg wurde mir noch nie so deutlich vor Augen geführt. Informationen, die auch das heutige Treiben dort verständlicher machen.

Zu Recht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2015, leider hat er es nicht weiter bis zur Shortlist geschafft.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 11. September 2015 (9.Aufl.)
  • Verlag : Klett-Cotta
  • ISBN: 978-3-608-93991-0
  • Gebunden: 731 Seiten
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