Ein Mann mit schier unbegrenztem Potential

AmEnde einer WeltGleich zu Beginn eine Warnung: Das hier ist keine objektive Rezension und kann es auch nicht sein. Vielmehr ist es der Versuch, einen Autor und sein neuestes Werk – zugegeben ein Werk der unterhaltenden Literatur – gebührend zu würdigen. Und das fällt mir sehr schwer (auch subjektiv betrachtet), wurde ich von Am Ende einer Welt quasi überrannt. Hatte ich vor der Lektüre kaum zu glauben gewagt, dass die Weiterführung einer Geschichte, die mich schon stark fasziniert hatte noch spannender als ihr erster Teil ausfallen könnte, noch härter ohne für mich zu hart zu sein und gleichzeitig so in die Tiefen der Menschlichkeit reichend, wie diese es meiner Meinung nach ist. Nicht war, sondern ist – denn diese Geschichte wird mich noch lange begleiten.

Meine literarische Beziehung zu Dennis Lehane und der von ihm geschaffenen Figur des Gesetzlosen Joe Coughlin begann In der Nacht – es waren wilde Zeiten. Prohibition, Flüsterkneipen und  Bandenkriminalität waren an der Tagesordnung. Joe arbeitete sich hoch – ging immer mit einer gewissen Art Ethik zu Werke und hielt sich schließlich lieber im Hintergrund. Steckte das Geld, das er durch seine Tätigkeiten in der Schattenwelt einnahm – in der Nacht, in der Lücken im Gesetz genutzt werden oder Gesetze einfach nicht gelten – in mildtätige Vorhaben. War immer ein wenig außerhalb der Welt der großen Gangster, obwohl er sie kannte und sie ihn und war trotzdem ein angesehener Bürger in Tampa, Florida.  Er behielt die Fäden so sehr in der Hand, dass die Welt am Tage nicht von den Geschehnissen in der Nacht beeinträchtigt wurde.

Doch Joe muss die Fäden abgeben. In die Hand seines besten Freundes, der die richtige Nationalität und die richtige Hautfarbe besitzt, um den großen Paten geben zu können …

Sieben Jahre nach dem für Joe äußerst verlustreichen Ende von In der Nacht kommt es zu einem groß angelegten Charity-Event, um die in Übersee gegen Hitler kämpfenden Soldaten zu unterstützen. Sämtliche Größen der Unterwelt sind in einem Raum versammelt – zusammen mit den angesehen und rechtschaffenen Bürgern, Honoratioren von Tampa. Eine Fotografie, die später in den Archiven der Tampa Tribune von einem Gerichtsreporter gefunden werden wird, belegt diese außergewöhnliche Zusammenkunft.

„Die Veranstaltung war gerade respektabel genug, um ohne Bedenken daran teilzunehmen und gerade gewagt genug, um für den Rest der Saison Gesprächsstoff zu liefern. Joe Coughlin besaß die Gabe, die Größen der Stadt mit den Dämonen der Unterwelt zusammenzubringen und das Ganze wie einen Spaß aussehen zu lassen.“

Und diese Gabe, ein eigentlich kriminelles, brutales Geschäft wie Spaß aussehen zu lassen besitzt auch Lehane selbst. Allein seine sprachliche Ausdrucksfähigkeit – und die großartige Übertragungsleistung des Übersetzers – lassen es nicht zu, langsam zu lesen. Noch dazu verleiht er Menschen, die mir im wahren Leben äußerst suspekt und unsympathisch erscheinen würden, Züge, die sie mir zwischen den Buchdeckeln bzw. im Kopfkino als sehr interessant und ansprechend – zumindest was Joe Coughlin angeht – erscheinen lassen. Gentlemen-Gangster à la Robert Redford und Paul Newman in Der Clou. Muss ich mir deshalb Sorgen machen?

Ich denke nicht. Denn was Lehane auch hier wieder meisterhaft beherrscht, ist der Blick hinein in die menschliche Seele, die immer beide Anlagen zu haben scheint – eine helle, strahlende und eine dunkle, düstere Seite. Welche Seite die Oberhand behält, ist für Lehane eine Entscheidung, die man trifft. Und auch wenn man sich für ein Leben als Gesetzloser entscheidet, heißt dass nicht, dass man ohne Ethik durchs Leben geht. Moral ist hiermit nicht gemeint. Ganz strahlend aber bleibt kaum jemand.

„Joe Coughlin war in dieser Stadt die Brücke zwischen dem, was an die Öffentlichkeit kam, und der Art, wie es unter vier Augen erreicht wurde. Wenn er einlud, ging man hin, um zu sehen, wer sonst noch aufkreuzte.“

Total verblüfft hat mich der Einstieg in die Geschichte: Wie schon bei In der Nacht werden die Hauptfiguren der sich später rasch entwickelten Handlung mit einem Schlag eingeführt. Gemeinsam mit dem Gerichtsreporter entdecken wir das Foto der Zusammenkunft und erfahren bereits einiges von dem, was wir in Kürze in den Straßen von Tampa miterleben werden. Nur wissen wir es (noch) nicht. Nach und nach zeigen sich die Verbindungen zwischen den einzelnen Personen. Moderne Ermittler könnten nun ein wahres Netzwerk aufdecken, indem sie die Personen auf der Fotografie einfach miteinander verbinden.

So will ich lesen, denn so macht es einfach einen Heidenspaß! Den Spuren des Autors folgend, die Kniffe der Figur überrascht nachvollziehend. Lehane weiß: Manchmal muss man bluffen, um zu überleben. Und das kann Joe ungemein gut. Aber schafft er es bis zum Schluss? Diese Frage allerdings muss sich jeder lesende Mensch, der intelligent geschriebene, eloquente, spannende und psychologisch tief gestaltete Romane / Kriminalgeschichten mag, selbst beantworten.

Ich persönlich habe mit großem Bedauern die Buchdeckel nach viel zu schnell gelesenen 400 Seiten zugeklappt …ach was heißt Bedauern, ich muss hier eindeutig eine Warnung aussprechen: Die Nebenwirkung dieses genialen Romans könnte wie bei mir ausfallen – ein Gefühl der Verlorenheit und ein tiefes Leseloch erwarteten mich. Nichts schien diesem Leseereignis mehr das Wasser reichen zu können und ich vermißte doch tatsächlich, Joe Coughlin weiter zu folgen. Ich gebe es unumwunden zu, ich war sauer auf Mr. Lehane, wollte ich doch nicht, dass nach nur 400 Seiten Schluss war. Ich wollte weiterlesen, mehr erfahren. Über alles. Ein bisschen ratlos ob der Deutung des Endes war oder bin ich noch dazu …

Die einzige, wirksame Therapie dagegen: das Buch noch einmal lesen, um die konzeptionellen Feinheiten – bei der ersten atemlosen und gierigen Lektüre nicht gebührend zur Kenntnis genommen – noch einmal richtig auszukosten. Es wird nicht das letze Mal gewesen sein!

„Im Rückblick würde es für ihn die letzte Feier sein, ein letztes schwereloses Dahingleiten, ehe alles auf jenen unbarmherzigen März zurutschen würde. Aber damals war es einfach eine tolle Party.“

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 23. September 2015
  • Verlag : Diogenes Verlag
  • ISBN: 978-3-257-06944-0
  • Leinen, gebunden 400 Seiten

 

 

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7 Gedanken zu “Ein Mann mit schier unbegrenztem Potential

  1. Schön, dass in deiner Rezi das Wort „Heidenspaß“vorkommt! Ich liebe es, was es alles impliziert…heidnisch, hedonistische Vergnügungen, religionsfreie Freude, gottloses Geschehen …und und und… Heidenei, wie wir Schwaben sagen, und was ich aufgrund frühkindlich hochdeutscher Sozialisation immer noch nicht korrekt übersetzen kann 😉 Wundervolle Worte 😁

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