Flüchtlingsschicksale

Dies ist ein ganz wichtiges Buch, um den Europäern klarzumachen, welche Leiden Frauen, Kinder und  Männer auf ihrer Flucht durch die Kontinente erdulden müssen. Insofern trägt es sehr zur Förderung der Zivilgesellschaft und der humanitären Hilfe bei. Karim El-Gawhari – eigentlich kenne und schätze ich diesen Journalisten schon lange wegen seiner ausgewogenen journalistisch gut recherchierten Berichterstattung – hat sich hier ein sehr ambitioniertes Projekt vorgenommen und ist irgendwie trotzdem ganz schön gescheitert.

Leider bleiben er und seine Co-Autorin in diesem Buch nicht dabei, dem Leser die Fluchtschicksale näherzubringen, was tatsächlich sehr hilfreich gewesen wäre, sondern sie versteigen sich oftmals massiv dabei, tendenzöse politische Halbwahrheiten zu verbreiten und in den Fluchtursachen einen Sündenbock – nämlich Europa als DEN WESTEN fälschlicherweise zu benennen.

Das beginnt mit der falschen Aussage dass „die muslimischen Länder“ die meisten Flüchtlinge aufnehmen, was zwar im engeren Sinne auf jeden Fall auf den Libanon und die Türkei vielleicht noch auf drei bis vier andere Staaten zutrifft, aber sicher nicht auf muslimische Staaten im allgemeinen, denn Saudi Arabien, Katar, Kuwait, die sowohl die finanziellen Mittel, als auch den Platz hätten, haben seit 2011 genau 33 Asylanträge gewährt. Die asiatische muslimische Welt wird in diesem verallgemeinerten Statement, in dem die Aufnahme von fünf Staaten auf alle umgelegt wird, nicht mal in Betracht gezogen. Solche tendenziösen Aussagen helfen weder der Sache noch der journalistischen Korrektheit.

Wenn ich dann noch lesen muss, dass Europa auch noch an der Situation irgendeines total fernen afrikanischen Staates schuld ist (den ich weder kenne noch den Diktator, der dort wütet), weil es zu wenig tut, dann muss ich schon sagen: Das ist total abstrus. In allen Krisenherden vor allem in Syrien aber auch in Afrika, egal ob Europa nichts tut oder irgendeine Gruppe unterstützt und somit ihr Überleben sichert, kann man natürlich immer ganz profan und einfach einem Nichtbeteiligten am Konflikt die Schuld zuweisen. Fazit ist, Europa kann nie etwas richtig machen, egal ob es agiert oder nicht, jene, die sie retten, werden immer versuchen, die „Anders- oder Nicht-Rechtgläubigen“ auszurotten. So wird das primäre Problem nie gelöst, das sollten sich manche Leute mal in ihr Stammbuch schreiben. Martin Schenk hat in einem anderen Zusammenhang mal angemerkt, dass man so beschäftigt sein kann, aus humaniären Gründen Menschen aus dem Wasser zu fischen, und dadurch keine Zeit hat, herauszufinden, wer zum Teufel diese ganzen Leute ins Wasser wirft (Irving Zola).

Irgendwann muss sich die muslimische Welt auch mal ihrer gewalttätigen Verantwortung stellen und endlich damit auseinandersetzen, dass der Umstand, ohne Konsequenzen Anders- bzw. Nicht-Rechtgläubige auf Basis religiöser Gesetze einfach so töten zu können, die Ursache für vieles Leid im Nahen und Mittleren Osten, aber auch in Afrika ist. Man sollte mal die Schuldigen auch bei sich selbst, nämlich in der  Auslegung und Anwendung von religiösen „Gesetzen“ suchen. Diese Schuldzuweisungen vor allem von Syrern und Kurden bzgl. Europa sind gerade im Jahr 2015 besonders degoutant, da sich der erste Genozid des 20. Jahrhunderts an den christilichen Armeniern und Griechen (Aghed) genau in jener Gegend abgespielt hat und heuer zum 100sten Mal jährt. Wenn man über Generationen religiös-ethnische Säuberer und Verbrecher nicht nur davonkommen lässt, sondern auch noch mitmacht, die Verbrechen totschweigt, das Reden darüber mit Gefängnisstrafen belegt und die Verbrecher zudem noch verehrt, braucht man sich wirklich nicht zu wundern, dass man nach zwei bis drei Generationen, wenn das Land mittlerweile zumindest religiös fast rein ist, selbst in den Focus der ethnisch-religiösen Säuberung gerückt wird. Wenn man den Mördern nicht Einhalt gebietet, werden sie ewig so weiter machen, egal ob sie Andersgläubige abschlachten oder Ethnien desselben Glaubens wegen minimaler Unterschiede umbringen, irgendwann ist man auch selbst dran! Ich spreche hier explzit nicht nur den IS an, denn das Karussell der religiösen Gewalt dreht sich ja schon ewig – jeder gegen jeden.

So nun habe ich meine Meinung ausführlich über ein paar primäre Fluchtursachen, die immer unter den Tisch gekehrt werden, vor allem in den derzeitigen Brennpunkten dargelegt, und ich finde, dieses Buch hätte gut daran getan, diese Ursachenschuldzuweisungen an Europa als DEN WESTEN zu unterlassen und die derartige Interpretation des Themas tatsächlich komplett auszuklammern.

In einem spricht die Reportage aber auch klar die absolut menschenverachtende Verantwortung Europas an, Flüchtlinge auszugrenzen und mit Zäunen und Hürden die Menschen abzuhalten, ihr Leben zu retten. Insofern müssen wir und unsere Regierungen uns tatsächlich schämen und können bzw. sollten uns die Ertrunkenen im Mittelmeer und die Erstickten auf der Balkan-Strecke auf unsere Agenda bzw. Verantwortlichkeitsliste schreiben. Wir haben die humanitäre Verpflichtung, Menschen in Not in Europa zu retten und den Flüchtlingen auf ihrer Route in die Freiheit die notwendige Unterstützung zukommen zu lassen! DAS IST EIN VÖLKERRECHT!

Diese Reportage ist über weite Strecken wirklich ein extrem wichtiger Beitrag zur derzeitigen Situation, indem sie zeigt, wie Flucht funktioniert, welche Leiden erduldet werden müssen, wie die Flüchtlinge die Flucht organisieren und warum sie ihr Handy brauchen, wie die Schlepper menschenverachtend arbeiten, wie humanitäre Hilfe gewährt werden kann, wie die Zivilgesellschaft helfen kann und wie auch eine kleine Ortschaft wie die Dorfgemeinschaft von Großraming (ca. 20 km von meiner Heimatstadt Steyr entfernt) bei der Integration von Flüchtlingen über sich selbst hinauswachsen konnte.

Fazit. Ein sehr gutes, sehr menschliches, wertvolles, humanitäres Buch, das bedauerlicherweise das polemische Politisieren bzgl. Fluchtursachen tunlichst unterlassen hätte sollen.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 1. September 2015
  • Verlag : Kremayr & Scheriau
  • ISBN: 978-3-218-00989-8
  • Taschenbuch : 188 Seiten
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2 Gedanken zu “Flüchtlingsschicksale

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